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Pflegekosmetik aus der „Apotheke Gottes“

Wer zum Druiden will, muss ins Tal. Unten erwartet den Autofahrer im beschaulichen Pitzenhöfe in Tirol eine kleine Kapelle, ein ehemaliger Schweinestall mit angebautem Wohnhaus, eine zur Holzwerkstatt umfunktionierte Scheune und kurz vor dem Wald eine kleine Imkerei. Willkommen in der Produktions- und Entwicklungsstätte der Naturpark Kaunergrat Handelsgesellschaft!

Autor:

Roland Weiterer

Dass sich der Besucher hier auf dem Gelände einer aufstrebenden Kosmetikmanufaktur befindet, ist durch nichts zu erkennen. Kein poliertes Firmenschild, keine rauchenden Türme oder zischenden Tanks: Nichts lässt ahnen, was sich da irgendwo hinter dem Scheunentor zusammenbraut. Dort wohnt, arbeitet und experimentiert Miraculix, der im wahren Leben Martin Gundolf heißt. Sein Spitzname kommt nicht von ungefähr. Auch ohne Rauschebart und lange weiße Robe mischt er wie der weltberühmte Druide aus den Asterix-Comics in der Einbauküche heimische Kräuter, Pflanzen, Bierhefe und andere natürliche Rohstoffe zu wundersamen Cremes und Wässerchen zusammen. Gundolfs Zaubertränke verleihen zwar keine übermenschlichen Kräfte, aber sie sollen das Immunsystem stärken und sogar heilende Wirkung haben, auch wenn die Firma sich mit medizinischen Versprechen eher zurückhält.

„Wir sind keine Ärzte, sondern nutzen Kräuterbücher und Erfahrungen“, sagt Geschäftsführer Reinhard Schuler. Er darf „100 Prozent Natur“ auf seine Produkte mit dem Kunstnamen „alpienne“ stempeln. Für den findigen Imkermeister und Kräuterexperten hat sich seit Ende 2008 die „Apotheke Gottes“ um Moor, Schwefel und Sole erweitert, die er mittlerweile zu Creme, Balsam und Lotion zu verarbeiten weiß. Die Rohstoffe kommen aus dem fast 1000 Kilometer entfernten Bad Nenndorf.

Dort war Staatsbad-Geschäftsführer Peer Kraatz mit seinem Marketingexperten Christian Hoffmann schon länger auf der Suche nach neuen und modernen Vertriebswegen für die Nenndorfer Heilmittel. Dabei keimte die Idee von einer eigenen Pflegekosmetik. Kraatz legte die Messlatte hoch. Die heimischen Produkte sollten frei sein von jeglicher Chemie. Doch der hohe Anspruch stand dabei anfangs im Weg wie ein Bergmassiv. Kraatz fing sich bei namhaften Konzernen nur Absagen für seine Vision von der Nenndorfer Naturkosmetik ein. Dabei fehlte es den Firmen offenbar nicht nur an Interesse, sondern auch an Know-how.

Doch wie das bei den Tüchtigen so ist, half „Kamerad Zufall“ bei der Suche. Kraatz und Hoffmann stießen durch eine Urlaubsbekanntschaft auf die Kräutertüftler im Naturpark Kaunergrat, die mit „alpienne“ seit 2000 immer mehr ausgewählte Hotels der Best-Wellness-Kette im Alpenraum beliefern. Kraatz trug in Tirol seine Idee dem Gespann Schuler und Gundolf vor und wartete gespannt darauf, ob der kleine Betrieb seine Labortüren öffnen würde. Die Österreicher taten es, was nicht allein an der Neugier Gundolfs auf die neuen Rohstoffe lag. „Das passte alles, auch menschlich“, beschreibt Kraatz das mittlerweile freundschaftliche Verhältnis zu den Bergbauern. Das gute Verständnis dürfte auch auf der Konsequenz fußen, mit denen sich beide Seiten die Reinheit und Qualität ihrer Waren auf die Fahne geschrieben haben. „Mit 99 Prozent Natur wäre alles einfacher und mit 98 Prozent noch viel mehr“, sagt der 61-jährige Schuler, der das unternehmerische Pendant zum Druiden Gundolf bildet. Den großen Erfolg der heimischen Kräuteralchemie hatte er vor acht Jahren nicht erwartet.

Dabei weiß Schuler schon seit der Kindheit um die Wirksamkeit der Pflanzen und Hölzer. Seine Großeltern schickten ihn einst die Berge hoch, um das „Berg-Wohlverleih“ Arnika zu pflücken. Die Blüten durfte er auch noch zupfen. Gern hat er das nicht gemacht. Heute weiß er um den Wert der Pflanze und die Kraft, die in ihr steckt.

Schuler bezeichnet sich gerne als „Bergbauer“. Das war er aber nicht immer. Auf die Schönheit seiner Alm besann er sich erst, als er mit Anfang 50 seinen Elektro-Großhandel im nahen Innsbruck an seine 100 Mitarbeiter verkauft hatte. „Ich war ausgebrannt“, sagt der gelernte Elektrotechniker, dessen gesunder Teint und Fröhlichkeit darauf schließen lassen, dass er in der zweiten Lebenshälfte seine Berufung gefunden hat. Bei einer Zusammenkunft mit der Bauernkammer fand Schuler schließlich mit Gundolf den richtigen Partner, dessen nimmermüder Forscher-Elan offenbar Berge versetzen kann.

Aus dem Bienenkittharz namens Propolis machte der „Alchemist“ eine Creme. Davon orderte ein begeisterter Golffreund Schulers gleich 8000 Dosen für eine Konferenz der Best-Wellness-Hotels – der Schneeball für die Lawine. Schuler: „Die Nachfrage nach neuen Produkten wuchs immer weiter.“ Mittlerweile gibt es einen Katalog mit mehr als 220 verschiedenen Produkten. 750 000 Artikel aller Art vertreibt der Familienbetrieb jährlich von Pitzenhöfe aus, vom Honig-Lippenbalsam bis zum Schlaf- oder Klimakissen, das mit den Spänen der Zirbe gefüllt ist. Denn das alpine Kieferngewächs, das ab 1600 Metern Höhe auf den kargen Hängen Sturm und Schnee trotzt, hat eine beruhigende Wirkung, was mittlerweile wissenschaftlich bestätigt wurde. „Wenn wir Stress haben, gehen wir gerne mal in die Werkstatt und hobeln die Zirbenbretter“, sagt Juniorchef Christian Schuler. Der gelernte Bankkaufmann stieg schon mit Anfang 20 in das junge Geschäft des Vaters ein.

Grenzenloses Wachstum ist Gundolfs Sache nicht. „Die Natur setzt uns Grenzen“, sagt er. Wenn ein Jahr weniger Kräuter sprießen, könnte es bei den jeweiligen Cremes am Ende knapp werden. Ob Arnika, Ringelblume oder Johanniskraut: All das stammt von den Bergen, handgepflückt von den Menschen aus den Örtchen Wenns, Arzl und Wald. Auf Gundolfs Einkaufsliste steht auch Murmeltieröl. 4500 der pelzigen Nager dürfen die Jäger in Tirol pro Jahr erlegen. Das Öl aus etwa 800 Tieren fließt ein in die Jahresproduktion von „alpienne“ und „fenesse“.

Bei allem, was er tut, lässt Gundolf nach eigenen Worten die Finger von Emulgatoren und anderen Hilfsmitteln. Dafür nimmt er in Kauf, dass eine Lotion oder Balsam nicht ganz so stark bindet und nach einigen Monaten etwas flockig oder ölig werden könnte. „Das ist eben ein Naturprodukt“, sagt der Imkermeister.

Nur die exotischen Essenzen kommen Schuler teuer zu stehen. Die Extrakte aus Wildorangen oder Lemongras kosten bis zu 1800 Euro pro Liter. Die sind aber unter anderem nötig, um den Nenndorfer Heilmitteln die frischen Duftnoten zu geben. „Mir waren Moor und Schwefel gar nicht so bekannt“, gibt Gundolf zu. Umso mehr reizte es ihn, die Heilkräfte der Erde mit denen der Berge zu kreuzen. Dabei galt es nicht nur herauszufinden, welche Wirkstoffe zueinander passen. Die Rohstoffe aus Nenndorf brachten ungewohnte Eigenarten mit sich. Doch der 37-jährige Alchemist bekam die dunkle Farbe des Moores, den fauligen Geruch des Schwefels oder die Aggressivität der Sole in den Griff, kreierte insgesamt 85 Produkte, die das Staatsbad vor einer Woche in vier Serien auf den Markt gebracht hat. Und die ersten Ergebnisse stimmen Schuler und auch Staatsbad-Chef Kraatz zuversichtlich. So arbeiten die Masseure in Nenndorf schon einige Wochen mit einem Öl aus Murmeltier und Moor. Nicht nur bei seinem Besuch in Nenndorf habe er von fast 60 Therapeuten nur Lob und keine einzige Beschwerde gehört, sagt Schuler.

Auch in vielen Alpenhotels ist die neue Rezeptur gefragt. Da ist es kaum zu glauben, dass es sich bei der Produktions- und Entwicklungsabteilung nur um eine zehn Quadratmeter große Küche handelt. Dort füllt Gundolf mit seinem Nachbarn Thomas Braxmarer Zigtausende Tuben und Töpfchen ab. Diese werde zwei Räume weiter von Hand eingepackt, die Aufkleber handpoliert. „Das geht nur, weil wir kleine Mengen produzieren“, erklärt Schuler das Prinzip der familiären Manufaktur. Nur vier Festangestellte zählt die Naturpark Kaunergrat GmbH. Gut 20 Helfer aus der Nachbarschaft zählen zum Stab.

3500 Stunden hat Gundolf nach eigenen Worten an Wochenenden und nachts investiert – ohne dem Staatsbad eine Rechnung geschrieben zu haben, was dessen Geschäftsführer ganz recht gewesen sein dürfte. So sparte Kraatz Entwicklungskosten, hielt das unternehmerische Risiko gering. Die Chancen für das Staatsbad, aber auch für Bad Nenndorf dürften dagegen umso größer sein. Mit „fenesse“ öffnet Kraatz den Heilmitteln einen neuen Vertriebsweg. Der Geschäftsführer will sich die Zeit nehmen, die Marke auf hohem Niveau zu etablieren und abseits von Drogerieketten und Parfümerien wachsen zu lassen.

Wie er sich das Umfeld der neuen Staatsbad-Kosmetik vorstellt, führt er im Foyer der Landgrafentherme vor. Jeder „fenesse“-Shop erhält auf die Produkte geschulte Verkäufer. Die dürfen sogar jederzeit bei Gundolf in Tirol anrufen, sollten sie die Frage eines Kunden mal nicht beantworten können.

Wie bei „alpienne“, will Kraatz bei „fenesse“ gezielt Abnehmer auswählen, Hotels und Kurbäder. Die sollen nicht nur verkaufen, sondern auch die Philosophie mittragen und bei ihren Anwendungen auf vorgegebene Zeremonien achten. Die sollen dann in Bad Nenndorf gelehrt werden. Kraatz denkt an eine Schulungsakademie und deutet damit das Potenzial an, das er für die Kurstadt im wachsenden Interesse an der Naturkosmetik sieht. Nenndorf und Schaumburg verfügen dank der Heilmittel über Bodenschätze. Das Staatsbad will sich, so Kraatz, nun daran machen, sie richtig zu heben.

Alles dicht: Thomas Braxmarer klebt die „fenesse“-Tuben zu. Früher arbeitete er als Koch, bis ihn sein Nachbar abwarb. Nun sorgt der Tiroler für Nachschub

an Nenndorfer Naturkosmetik.

Das Staatsbad Nenndorf hat den heimischen Heilmitteln Moor, Schwefel und Sole ein neues Geschäftsfeld eröffnet: Das landeseigene Unternehmen vertreibt seit einer Woche unter dem Namen „fenesse“ Kosmetikprodukte, die zwei Ansprüche erfüllen müssen: Sie sollen wirksam und vor allem hundertprozentig natürlich sein. Möglich gemacht hat das der Erfindungsreichtum zweier Österreicher.

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