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Musikschul-Ehrenmitglied Hermann Wessling kritisiert „schlechteste Finanzierung in Niedersachsen“

„Peinliche Unkenntnis des Bildungsauftrages“

Bad Münder (hzs). Am Anfang stand gegenseitiges Lob, am Ende gab’s deutliche Worte der Kritik. Während der Jahresversammlung der Jugendmusikschule Bad Münder war nicht nur die prekäre Raumsituation der Einrichtung ein zentrales Thema, auch die finanzielle Unterstützung rückte in den Vordergrund – und schlug sich nachhaltig in den Redebeiträgen von Bürgermeisterin Silvia Nieber und Ehrenmitglied Hermann Wessling nieder.

Jahresversammlung: Musikschulleiter Timo Christian, Bühnen-Chefin Brigitte Kolde und Vorsitzender Andreas Seidel ziehen Bilanz.

Wessling, einziges Ehrenmitglied der Musikschule und auch Sprecher der Sozialraum AG, hob den mit den allgemeinbildenden Schulen „gleichrangigen Bildungsauftrag einer Musikschule“ hervor. Deren Förderung sei damit „kommunale Pflichtaufgabe“. Von den 72 Musikschulen landesweit seien 29 in kommunaler Trägerschaft, 37 firmierten als Verein. Wessling: „Aus diesem Status zu folgern, die Jugendmusikschule sein ,ein Verein wie jeder andere auch‘, ist nicht nur eine völlig falsche und unzulässige Vereinfachung, sie lässt gleichzeitig eine geradezu peinliche Unkenntnis des Bildungsauftrages erkennen.“

Trotz knapper Finanzen nähmen viele Kommunen die „faktische Pflichtaufgabe Musikschule“ sehr ernst. So betrüge in Hameln der kommunale Anteil 2011 sogar 46,63 Prozent, in Bad Münder nach der Halbierung auf 5000 Euro jährlich nur noch 3,33 Prozent. Wessling stellte fest: „Damit dürfte die JMS Bad Münder wahrscheinlich die schlechteste Finanzierung in ganz Niedersachsen haben.“ Zudem sei es unter sozialen Gesichtspunkten sehr bedenklich, wenn „auch hier die musikalische Förderung der Kinder vom Geldbeutel der Eltern“ abhänge.

„Ich stimme Ihnen ja zu, aber sagen Sie mir, wo ich noch sparen soll“, rief Nieber sichtlich erbost über Wesslings deutliche Worte. Und obwohl dem einen oder anderen Teilnehmer der Versammlung sicherlich einige Sparvorschläge auf der Zunge lagen, stellte JMS-Vorsitzender Andras Seidel fest, dass auch die Musikschule „nun mal nicht in einem sozialpolitischen Vakuum agiere.“ Seidel: „Und eben das wollen wir hier artikulieren und die Kritik erst einmal so stehen lassen.“

Zuvor hatte Seidel über die aktuelle Situation der Musikschule informiert: Rund 350 Mitglieder zählt sie – netto, denn wie allgemein üblich, so Schulleiter Timo Christian, werden auch die Mitglieder der Kooperationspartner wie etwas der Kitas dazu gerechnet, sodass die Schule brutto 500 Musikschüler umfasst. Seidel ging auch auf die Trennung von den beiden Kunstdozentinnen ein. „Wir konnten denen nicht geben, was die kompromisslos gefordert haben.“ Aber auch künftig werde die bildende Kunst beispielsweise mit neuen Kursen wie „Malen in der Schwangerschaft“ unter dem Dach der Musikschule beheimatet bleiben. Dort fühle sich auch die „Deister-Süntel-Bühne“ derzeit sehr wohl, bestätigte deren Chefin Brigitte Kolde. Die 13 Amateurschauspieler starke Truppe müsste aber angesichts fehlender Probenräume die Kernstadt wahrscheinlich demnächst verlassen.

Auch außerhalb Bad Münders sei die Musikschule auf der Suche nach neuen Wirkungsfeldern, erklärte Seidel. Gesehen werden sie vor allem in den Bereichen Lauenstein, Coppenbrügge und Bisperode. „Dort angestoßene Schulprojekte können uns stärken.“

In ihrer Doppelfunktion als Musikschulmitglied und Bürgermeisterin teilte Nieber mit, dass nach der Zustimmung des VA ein Vertragsentwurf zur Bereitstellung von neuen Räumlichkeiten bereits unterwegs sei. Künftig könne die Musikschule das Obergeschoss des alten Musikschuldomizils am Sportplatz in Eimbeckhausen sowie die Räume des Mandolinen- und Gitarren-Vereins an der Wallstraße 3 kostenfrei nutzen. Auch stünden an drei Grundschulen Mitnutzungsmöglichkeiten unentgeltlich zur Verfügung. Nieber: „Ich muss in dieser Sache die JMS allerdings genau so behandeln wie alle anderen Vereine auch.“ Die Musikschule selber hat nach dem Verlust ihrer Übungsräume in der KGS an der Wallstraße einen weiteren größeren Raum in einer Fahrschule anmieten können.

Seidel regte Überlegungen zur künftigen Struktur der JMS an, so sei statt der Vereinsstruktur auch eine gemeinnützige GmbH ein denkbares Modell. Er bat die Versammlungsteilnehmer, nach Interessenten „für alle Ämter“ Ausschau zu halten – im kommenden Jahr stehen bei der JMS Vorstandswahlen an.

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