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„Nun bin ich also in einer Muckibude!“

Einundachtzig Jahre ist sie alt, die kleine weißhaarige Gerda Koy. Vergnügt sitzt sie auf dem Trimmrad und strampelt wacker vor sich hin. Zweimal wöchentlich zwei Stunden verbringt sie im Fitnessstudio „Go Sports“ in Rinteln und ja, sie ist da wohl die Älteste, aber nur knapp. Ringsum trainieren andere alte Menschen, viele weit in den Siebzigern.

Willi Diestelhorst (77): „Ich bin wieder richtig stark geworden.“

Autor:

Cornelia Kurth

Einundachtzig Jahre ist sie alt, die kleine weißhaarige Gerda Koy. Vergnügt sitzt sie auf dem Trimmrad und strampelt wacker vor sich hin. Zweimal wöchentlich zwei Stunden verbringt sie im Fitnessstudio „Go Sports“ in Rinteln und ja, sie ist da wohl die Älteste, aber nur knapp. Ringsum trainieren andere alte Menschen, viele weit in den Siebzigern. Dass man spätestens ab 50 gezielt Sport treiben soll, in Kursen, die von den Krankenkassen gefördert werden, spiegelt sich in fast allen Fitnessstudios wider. Zwei Vormittage in der Woche ein ganzes Studio nur für die Senioren reserviert, das gibt es aber nur selten.

„Es läuft immer besser“, so Go-Sports-Leiter Jochen Siekmann. „Anfangs waren es nur etwa 30 Leute, die das Angebot wahrnahmen. Jetzt haben wir um die 60 Check-ins pro Termin.“ Lange machten sich seine betagten Kunden über ihn lustig. „Du dürftest gar nicht hier sein, Jungchen, du bist ja nicht mal 50 Jahre alt!“ Tatsächlich hätten sich die meisten wohl nicht für ein ganz normales Fitnesstraining angemeldet, wären sie dabei auch auf junge Kraftprotze und durchtrainierte Mädchen gestoßen. „Viele stehen beim ersten Mal etwas unsicher da und sagen: ,Nun bin ich also in einer Muckibude‘“, so Siekmann. „Kaum jemand von den wirklich alten Leuten war vorher schon mal in einem Fitnessstudio.“

Anders als in den reinen Präventions- oder Reha-Kursen nutzen die Senioren auch die Fitnessgeräte und Krafttrainingsstationen, da ist kaum ein Unterschied zur jüngeren Generation. Wenn man zum Beispiel die eigentlich eher zierliche Gerda Koy ansieht, so fällt schon auf, dass sie starke Armmuskeln hat. „Ach“, sagt sie, „das kommt sicher auch von meinem Beruf als Krankenschwester. Wir mussten ja so viel heben und schleppen, die Patienten aus dem Bett holen und wieder zurück. Ich habe ja mein Leben lang eigentlich Sporttraining gehabt.“

So war es wohl. Und doch kam die alte Frau auf Krücken im Fitnessstudio an. Ein Oberschenkelhalsbruch machte ihr sehr zu schaffen und es schien, als würde sie sich auch nach der Heilung nur noch mithilfe eines Rollators vorwärtsbewegen können. Ihr Arzt hatte sich erkundigt, ob es eine Möglichkeit gebe, sie nach dem Reha-Kurs ins normale Studioprogramm aufzunehmen. Kein Problem! „Ronald Koch, also Ronni, der Physiotherapeut, er hat mir die Krücken einfach weggenommen und mir versprochen, dass ich es auch bald wieder ganz ohne schaffe“, erzählt Koy

Tatsächlich geht Gerda Koy wieder ohne Gehhilfe durchs Leben. Außer wenn es dunkel oder glatt ist, denn da sie unter Osteoporose leidet, hat sie immer etwas Angst vor einem Sturz, bei dem dann allzu leicht ein Knochen brechen kann. Ihre neue Beweglichkeit ist kein Wunderwerk, sondern die Folge regelmäßigen Muskelaufbau- und Ausdauertrainings. „Mich hat es richtig gepackt“, sagt sie. „Ich bin immer die Erste hier und die Letzte, die geht.“

Mal eine Pause zu machen und mit den anderen zu plaudern, gehört natürlich auch dazu. Die alte Frau, die lange auch ziemlich einsam war, kennt jetzt wieder viele Gleichaltrige und hat im Studio sogar eine echte, neue Freundin gewonnen, mit der sie sich auch sonst gerne trifft. Genau das ist ebenfalls Sinn der reinen Senioren-Vormittage. „Die ,Best-Ager‘, so nenne ich sie, müssen unter Menschen kommen“, meint Jochen Siekmann. „Viele alte Leute kommunizieren kaum noch mit anderen. Das kann genauso gesundheitsgefährdend sein, wie sich nicht mehr richtig zu bewegen.“

Obwohl die Senioren-Abos nicht teurer sind als andere Verträge auch, spielt hier die individuelle Betreuung eine große Rolle. Besonders bei denjenigen, die blutdrucksenkende Mittel einnehmen, besteht die Gefahr, dass sie es nicht merken, wenn sie ihre Kräfte überfordern. Die Messgeräte am Laufrad zeigen noch einen durchschnittlichen Pulsschlag an, während der Schweiß schon in Strömen fließt und das Gesicht rot angelaufen ist. „Die stoppen wir dann natürlich!“ Es solle ja nicht um Leistungssport gehen, sondern darum, zum Beispiel zu verhindern, dass man einen Rollator brauche. „Die werden meiner Meinung nach viel zu schnell von den Ärzten verschrieben, und so mancher kommt dann unnötigerweise nicht mehr davon los“, so Siekmann.

Willi Diestelhorst aus Deckbergen und seine Frau Gerda, beide 77 Jahre alt, sind typische Besucher der Seniorenvormittage. Ähnlich wie auch Gerda Koy und viele andere haben sie ihr Leben lang hart gearbeitet, in der Gastronomie, die sie erst vor wenigen Jahren aufgaben. „Und dann nichts mehr“, sagt Willi Diestelhorst. „Da sackt man ab wie nichts!“ Zwanzig Kilo habe er abgenommen, seit er regelmäßig trainiere. „Und ich bin wieder richtig stark geworden.“ Gerda Distelhorst kann das nur bestätigen: „Auch unsere Freunde sprechen uns immer wieder darauf an“, sagt sie. „Kein Wunder, ich bin ja vorher die Treppen nur noch raufgeschlichen.“

Auch sie war nach 40 Jahren Arbeit mit so viel Bewegung zu Rentenbeginn wie in ein Loch gefallen. Nach einer Krankheit waren ihre Muskeln zurückgegangen, sie wurde immer schwächer und hatte sich schon fast damit abgefunden, dass das eben nun das Alter ist. Jetzt aber sitzt sie auf ihrem Trimmrad, tritt kräftig in die Pedale und kommt beim Sprechen nicht mal außer Atem. Seit zwei Jahren sind die beiden dabei, sie begrüßen die anderen, wie man sich in einem Verein begrüßt, scherzen mit Jochen Siekmann und Ronald Koch und erzählen gut gelaunt, dass sie gerade einen Vertrag für weitere zwei Jahre abgeschlossen haben. „Wir haben bisher kaum einen Trainingstag ausgelassen – und das wollen wir auch beibehalten“, sagen sie.

Der ehemalige Malermeister Günter Schaper (73) wurde vom Arzt ins Fitnessstudio geschickt. „Ja – ich sollte mal turnen gehen, meinte der.“ Die schwere Handwerksarbeit hatte ihm schlimme Rückenprobleme beschwert, die selbst mit Tabletten nicht mehr zu ertragen waren. Seit drei Jahren nimmt er am Reha-Kurs teil, den Ronald Koch an beiden Vormittagen anbietet. Dieser Kurs dauert aber nur eine halbe Stunde, den Rest der Zeit verbringt er auf dem Rad oder am Crosstrainer. Das ist ein Gerät, an dem der ganze Körper koordiniert in Bewegung gerät.

„Ein Dreivierteljahr musste ich Geduld haben – und dann kamen plötzlich die Fortschritte“, sagt er. Sein Blutdruck stabilisierte sich durch das Herztraining, die kräftigeren Muskeln verlocken ihn nun auch dazu, auch außerhalb vom Fitnessstudio mal aufs Fahrrad zu steigen. „Ich hätte wirklich nicht gedacht, dass ich das alles mal mache“, sagt er. „Und nun muss ich es wohl ewig so weitermachen.“

Ja, das wäre das Beste. Gut möglich, dass Günter Schaper bald ganz auf Blutdruckmittel verzichten kann. So wie Willi Dieselhorst verhinderte, dass er sich wegen seines Altersdiabetes Insulin spritzen muss, und Gerda Koy die Krücken ablegte. All die älteren und alten Menschen bei „Go Sports“ – das Durchschnittalter liegt bei etwa 65 Jahren –, sie wirken gar nicht so alt und schon gar nicht krank. Auch nicht die 70-jährige Frau, die Alzheimer hat und trotzdem das Fitnesstraining durchzieht.

Meistens ist sie mit einer Freundin hier, die sie von Gerät zu Gerät führt oder sie daran erinnert, dass man sich eine Münze holen muss, wenn man den Massagestuhl benutzen will. Auch den Schlüssel für ihr Schließfach im Umkleideraum verlegt sie gerne mal, aber das wissen ja alle und halten ein Auge auf sie. Im Gespräch merkt man ihr die fatale Alterskrankheit kaum an. Da körperliche Bewegung viele Sinne anspricht und der Besuch im Fitnessstudio unter all den anderen Leuten auch die Kommunikation nicht verkümmern lässt, gilt regelmäßiges Training als eine der besten Methoden, den Verlauf der Krankheit zu verlangsamen.

„Mit dem Training zu beginnen, ist keine Frage des Alters“, so Jochen Siekmann. „Natürlich muss alles mit dem Hausarzt durchgesprochen werden. Das bedeutet aber so gut wie nie, dass kein Training möglich wäre, sondern nur, dass man vorsichtig und gelassen damit beginnen soll, um sich dann langsam zu steigern.“

Gerda Koy, die 81-Jährige, grinst, wenn sie so was hört. „Ich muss mich schon ein bisschen austoben“, sagt sie. „Schließlich will ich abends ja auch rechtschaffen müde sein und dann richtig gut schlafen.“ Auch sie hat ihren Vertrag gerade um zwei Jahre verlängert. 81? Das ist doch kein Alter!

Im Rentenalter ist die Grenze für den Schritt ins Fitnessstudio erreicht? Weit gefehlt. Gerade für Ältere ist es wichtig, in Bewegung zu bleiben. Treibt man gemeinsam mit anderen Sport, ist das zudem kommunikativ, was der Gesundheit ebenso zugute kommt. Unsere Zeitung hat eine 81-Jährige ins Fitnessstudio begleitet.

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