weather-image
24°
Die Verfolgung der Sinti und Roma hat – auch im Schaumburger Land – eine lange Tradition

„Nichts denn ein böses Gesindel“

Die augenblickliche Massenabschiebung von Roma aus Frankreich hat das Thema auch hierzulande ins Blickfeld gerückt. Im politischen Lager wird (wieder einmal) über den richtigen und angemessenen Umgang mit der in Deutschland derzeit 80 000 bis 120 000 Köpfe zählenden Minderheit diskutiert. Aus dem einst „fahrenden Volk“ sind längst sesshafte und zumeist unauffällige Nachbarn geworden. Trotzdem gibt es nach Aussage von Fachleuten bei vielen Einheimischen noch immer Ablehnung oder gar Angst. Dazu kommt eine merkwürdige Mischung aus operettenhafter Verklärung und schlechtem Gewissen. Zigeunermusik nämlich gehört zur beliebten Unterhaltung – und: Während der NS-Zeit wurden mehr als 200 000 Sinti und Roma umgebracht. Dabei durfte das Hitler-Regime auf großes Verständnis hoffen. Zigeuner wurden seit jeher rigoros verfolgt.

Der Verfolgungswahn fiel in der NS-Zeit auf fruchtbaren Boden: 1

Autor:

Wilhelm Gerntrup

„Heut zu Tage ist mehr als bekannt, dass die Zigeuner nichts anderes seyn, denn ein zusammengelauffenes böses Gesindel, so nicht Lust zu arbeiten hat, sondern von Müßiggang, Stehlen, Huren, Fressen, Sauffen, Spielen u.s.w. Profession machen will“, heißt es in „Zeidlers Universallexikon“, dem bekanntesten Nachschlagewerk des 18. Jahrhunderts. Deshalb sei es eine „gar billige und gerechte Straffe, dass man diese Leute aller Orten mit gewaffneter Hand aufsucht, mit Gewalt aus dem Lande verweiset und sie bey gespürten Widerstand sogleich tod schiessen lässt“.

Die Ausführungen im damals am häufigsten genutzten wissenschaftlichen Standardwerk kamen nicht von ungefähr. Zigeuner galten seit ihrem Auftauchen im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation vor 600 Jahren wegen ihrer dunkleren Hautfarbe und des unsteten Lebenswandels als „Teufelsbrut“. Im ausgehenden 15. Jahrhundert wurden sie per Reichstagsbeschluss für „vogelfrey“ erklärt. Das Gros der fürstlichen Regionalstaaten setzte noch eins drauf und ging mit äußerster Härte gegen das „lose Gesindel“ vor.

Über die Einstellung der damaligen Schaumburger Landesherrn und ihr Vorgehen gegen die mancherorts auch „Tatern“ oder „Heiden“ genannten Eindringlinge ist wenig bekannt. Die ersten gezielten Verbote finden sich in der kurhessischen Reformations-Ordnung aus dem Jahre 1650 (Grafschaft Schaumburg) und dem 1751 vom Grafen Wilhelm für Schaumburg-Lippe erlassenen „Rescript, wegen Nichtduldung der Zigeuner“. Danach durften „keine Zigeuner, so wenig Manns- als Weibs-Person, in hiesiger Grafschaft geduldet werden“.

Mit dem „Grunderlaß betr. Bekämpfung der Zigeunerplage&ldq
  • Mit dem „Grunderlaß betr. Bekämpfung der Zigeunerplage“ ordnete Himmler 1938 die systematische Erfassung von Sinti und Roma an – das Foto zeigt Roma und Sinti in einem Sammellager.
Auch der berühmte Vincent van Gogh (1853-1890) bannte eine Zigeu
  • Auch der berühmte Vincent van Gogh (1853-1890) bannte eine Zigeunerlager-Szenerie auf die Leinwand. Fotos/Repros: gp
270_008_4374880_fe_Zigeunerlager_um_1960cb.jpg

In den 1860er Jahren setzte nach politischen Umwälzungen auf dem Balkan ein Massenzustrom von Roma aus Bulgarien und Rumänien in Richtung Mitteleuropa ein. Im Deutschen Kaiserreich war schon bald von „Pack“, „Plage“ und „Abschaum“ die Rede. In den Lokalzeitungen tauchten regelmäßig „Warnmeldungen“ über herumstreunende und bedrohlich näherkommende Banden auf. Eine Art „Daueralarm“ herrschte in Orten, in denen es direkt neben der Landstraße einen Bach oder Teich gab. Solche Stellen am Wasser waren als Rast- und Lagerplätze besonders beliebt.

„Am Vorabend hat bei der Vehler Wiehe erneut eine Anzahl Zigeunerwagen mit etwa 30 Personen Halt gemacht“, berichtete Anfang September 1902 die Landes-Zeitung. „Während die Männer bei den Wagen blieben, hielten die Frauen und größeren Kinder in den nächstgelegenen Ortschaften Umschau, um Lebensmittel „einzukaufen“. Die „Stammmutter“ habe währenddessen am Chausseegraben gesessen und aus „einer kurzen Thonpfeife mächtige Dampfwolken“ in den Himmel geblasen. „Nach und nach fanden sich die ausgesandten Frauen und Kinder wieder bei den Wagen ein, Klee- und Heubündel auf dem Rücken tragend oder halbgefüllte Säcke hinter sich herschleppend.“ Vom alsbald herbeigeeilten Gendarm Langhorst aus Bückeburg sei der Sippschaft nach einigem Hin und Her die Vehler Wiehe als Übernachtungsplatz zugewiesen worden. „Hier entstand in wenigen Augenblicken ein regelrechtes Zigeunerlager: die Wagen wurden im Kreise zusammengefahren, die Pferde ausgeschirrt und angepflöckt und bald loderten Lagerfeuer zum Himmel empor.“ Nicht wenige einheimische Passanten hätten Halt gemacht, „um das für sie seltsame Leben und Treiben der Puszta-Kinder im Lager zu beobachten“. Am nächsten Morgen sei der Trupp in Richtung Bückeburg weitergezogen.

1906 bündelte die Reichsregierung die bisherigen Abwehrmaßnahmen in einer „Anweisung zur Bekämpfung des Zigeunerunwesens“. Hauptziele waren „die Verhinderung des Eindringens ausländischer Zigeuner über die Reichsgrenze“ und „die Seßhaftmachung der Zigeuner mit deutscher Staatsbürgerschaft“. Nur so könne die einheimische Bevölkerung auf Dauer vor Bettelei, Diebstahl und Entführung Minderjähriger geschützt werden.

Die mit einem umfangreichen Maßnahmenkatalog versehene und als Broschüre reichsweit verteilte Weisung löste eine neue Verfolgungswelle aus, die sich – nach vorübergehender Beruhigung während des Ersten Weltkrieges – mit unverminderter Härte auch in der Weimarer Republik fortsetzte. Man dürfe die Sippschaften nie zur Ruhe kommen lassen, spornte 1921 der Rintelner Landrat die Ortspolizeibehörden der Grafschaft Schaumburg an. Als geeignetes Mittel, um dem Nomadenleben ein Ende zu machen, habe sich die „Zuführung der Zigeunerkinder in die staatliche Fürsorge“ bewährt.

Kein Wunder, dass der Verfolgungswahn der NS-Ideologen nach der Machtergreifung Hitlers auf fruchtbaren Boden fiel. Nach Zwangsunterbringung und Massensterilisation ordnete Himmler mit dem „Grunderlaß betr. Bekämpfung der Zigeunerplage“ 1938 die systematische Erfassung der deutschen Sinti und Roma an. 1940 begannen die ersten Deportationen in die von der vorrückenden Wehrmacht besetzten Ostgebiete. Allein 21 000 kamen im berüchtigten „Zigeunerfamilienlager“ Auschwitz-Birkenau um.

Die Ereignisse und Vorgänge jener Zeit in der hiesigen Region und die Namen und Schicksale der Opfer sind bisher unerforscht.

Die Zigeuner und das Zigeunerleben haben zu allen Zeiten auch Künstler fasziniert. Weit weniger romantisch als auf den meisten künstlerischen Darstellungen sah und sieht das Zigeunerleben allerdings in der Wirklichkeit aus. Hier ein Foto aus den 1960er Jahren.

Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Kommentare