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Nicht ohne mein Handy – Jugend medial

Die „Jugend“ ist im Allgemeinen eine Phase des Ausprobierens und Experimentierens genauso wie des Emanzipierens gegenüber den Eltern oder schulischen Autoritäten. Jugendliche gehen spätestens mit der Pubertät ihren eigenen Weg – und das auch medial. „Abhängen im SchülerVZ“, „Chatten im ICQ“ und „SMSen mit den Buddies (Freunden), ist ihre Welt. Jugend ist heute nicht mehr nur Offline-Jugend, sondern gleichzeitig Online-Jugend.

Von Caroline Düvel

Die „Jugend“ ist im Allgemeinen eine Phase des Ausprobierens und Experimentierens genauso wie des Emanzipierens gegenüber den Eltern oder schulischen Autoritäten. Jugendliche gehen spätestens mit der Pubertät ihren eigenen Weg – und das auch medial. „Abhängen im SchülerVZ“, „Chatten im ICQ“ und „SMSen mit den Buddies (Freunden), ist ihre Welt. Jugend ist heute nicht mehr nur Offline-Jugend, sondern gleichzeitig Online-Jugend. Doch was bedeutet das genau? Welche Rolle spielen Internet und Handy für die jungen Leute heute? Und wie gehen sie um mit den Potenzialen und Gefahren dieser digitalen Medien? Zwei Jugendliche gewähren uns Einblicke in ihren Medienalltag.

„Eigentlich bin ich jeden Tag ‚on‘“, erzählt Anja Barklage. ‚On‘, das ist Jugendsprache und bedeutet online sein im Internet. Meistens surft die 14-jährige Gymnasiastin im World Wide Web, wenn sie nach der Schule nach Hause kommt oder auch abends vorm Schlafengehen. Sie hat hierfür ihren eigenen Computer. Damit liegt Anja voll im Trend: Laut der aktuellsten JIM-Studie (JIM steht für Jugend, Information, Multi-Media, die Studie wird jährlich als Basisstudie zum Umgang von 12- bis 19-Jährigen mit Medien und Information in Deutschland durchgeführt) besitzen rund drei Viertel aller 12- bis 19-Jährigen einen eigenen PC. Auffällig an diesem Ergebnis ist, dass die Internetnutzung die Fernsehnutzung der Jugendlichen im Alltag nicht nur eingeholt, sondern sogar schon überholt hat. Freizeitaktivitäten mit dem Computer haben also das Fernsehen, das bis vor Kurzem noch das Leitmedium der jungen Generation war, abgelöst.

Was machen also Jugendliche wie Anja in ihrer

Freizeit im Internet? Sie erzählt: „Ich logge mich oft auf SchülerVZ ein, da habe ich ein eigenes Profil – wie die meisten meiner Klassenkameraden auch.“ SchülerVZ, ‚VZ‘ steht dabei für „Verzeichnis“, ist den Angaben der Anbieter auf ihrer Website zufolge „ein kostenloses Online-Netzwerk für Schüler. Hier können sie ihr eigenes Profil gestalten, Fotos hochladen, Freunde treffen, diskutieren uvm.“ (www.schuelervz.net/). Das Besondere daran ist, dass Erwachsene von der Nutzung des Portals ausdrücklich ausgeschlossen sind, die Jugendlichen dort also „unter sich“ sein können. Und das nutzen sie auch: Die Website hat Mitte Januar 2010 5,6 Millionen Nutzer, das sind knapp 84 Prozent der insgesamt etwa 7 Millionen deutschsprachigen Schüler der Altersstufe. Anja schreibt sich darüber mit ihren Freundinnen Nachrichten, trifft sich mit ihnen im SchülerVZ-internen Chat oder guckt sich die neuesten Fotos an, die ihre Klassenkameraden „posten“, also online zeigen.

Im Mittelpunkt der Internetnutzung der Jugendlichen stehen also klar zwei Aspekte: Zum einen die Selbstdarstellung über

solcherlei Social Media Portale – sich präsentieren und von anderen gesehen werden - und zum zweiten die Vernetzung mit Freunden und Gleichaltrigen in der Online Community.

Online vernetzt ist auch Thorsten, Anjas Bruder. Der 17-Jährige verbringt seine Onlinefreizeit jedoch nicht mit SchülerVZ, sondern im „ICQ“ (Homophon für „I seek you“, zu Deutsch „Ich suche dich“). ICQ ist ein Instant-Messaging-Programm, worüber Nutzer online über das Internet miteinander chatten oder sich zeitversetzt Nachrichten senden können. Besonders beliebt ist ICQ bei Jugendlichen, weil man über das Programm sehen kann, wer von seinen Kontakten zur selben Zeit gerade auch im Internet ist. Thorsten erklärt: „Wenn mein Computer hochfährt, geht ICQ meistens gleich mit an. Dann sehe ich erstmal, wer noch so alles online ist und auch vorm PC sitzt.“

Ein weitverbreiteter Irrglaube ist dabei, dass junge Leute das Internet vor allem dazu nutzen, um globale Vernetzungen herzustellen, zum Beispiel. Leute auf unterschiedlichen Kontinenten kennenzulernen. Dabei ist eher das Gegenteil der Fall, meistens sind die Onlinekontakte auch diejenigen, mit denen die Teenager sowieso auch im lokalen Alltag befreundet sind – häufig leben sie sogar im unmittelbaren Umfeld Tür an Tür, so auch bei Thorsten: „In meiner ICQ-Liste ist auch mein Nachbar, wenn ich aus dem Fenster gucke, sehe ich ihn, aber in Kontakt sind wir dann online und schreiben uns Nachrichten und schicken uns Links und Videos über das Internet“, so der Realschüler schmunzelnd. Üblich unter den Jugendlichen ist es dabei, nicht ihre richtigen Namen im Internet preiszugeben, sondern sich Nicknames, also Spitznamen, zuzulegen. Thorsten nennt sich im ICQ beispielsweise ‚Thorto‘ und Anja benutzt im SchülerVZ nur ihren Vornamen, auch aus Sicherheitsgründen. „Dass haben uns unsere Eltern von Anfang an beigebracht, dass wir im Internet keine persönlichen Daten von uns wie unsere Adresse, Telefonnummer et cetera angeben dürfen, da einfach nichts vor Missbrauch sicher ist“, so die beiden Teenager.

Aber nicht nur für die Freizeitgestaltung spielen Computer und Internet eine große Rolle, auch für die Schule sind sie mittlerweile unentbehrlich geworden: „Ich nutze das WWW auch für die Schule“, erläutert Anja weiter, „zum Beispiel um Zusatzinfos für Hausaufgaben oder Referate zu finden, dazu gucke ich online in Lexika-Seiten.“ Beispielsweise auf www.wissen.de. Diese hat eigens einen Bereich für Hausaufgabenhilfe in vielen Fächern. Auch Thorsten erklärt: „Teilweise ist es in der Schule sogar schon Pflicht, Referate mit dem PC zu halten und eine Präsentation mit Powerpoint zu machen.“ Dabei sind die Jugendlichen Schüler in der Computer- und Internetaffinität ihren Lehrern mitunter weit überlegen, wie beide lachend zugeben. „Viele Lehrer haben echt weniger Ahnung von Computern als wir, vor allem die älteren.“ So kehrt sich das Verhältnis, wer wem im Unterricht etwas beibringt, zur Freude der Schüler auch manchmal um.

Ein Ärgernis ist bei all der Internetnutzung jedoch, dass in vielen Orten im Kreis Hameln-Pyrmont das Internet nur als „dsl-light“ verfügbar ist, sprich die Telekom nur eine Bandbreite von 384kb zur Verfügung stellt, größere Datenübertragungen wie bei Fototransfer oder Musikdownload also entsprechend lange dauern oder erst gar nicht funktionieren.

Aber Jugendliche sind nicht nur Computer- und Internetexperten, sondern auch das Handy ist aus ihrem Alltag nicht mehr wegzudenken. Auch Anja und Thorsten besitzen jeder längst eines. Genauer mit der Handynutzung Jugendlicher setzt sich Iren Schulz auseinander, Forscherin für Kommunikationswissenschaft und Medienpädagogik an der Universität Erfurt. Schulz weiß: „Rund 92 Prozent der 12- bis 19-Jährigen besitzen mindestens ein Handy, manche haben sogar zwei.“ Dabei diene es vor allem als ein „Beziehungsmedium“ für die Teenager zur Gestaltung von „Gleichaltrigen-Beziehungen“, wie es in der Wissenschaftssprache heißt. „Sich per SMS mit der Clique verabreden, mit der besten Freundin über das neueste Handyfoto des Schwarms tratschen oder erste Flirtversuche mittels „Anklingeln“ unternehmen – diese und ähnliche Kommunikationsprozesse werden unabhängig von den Eltern realisiert und sichern die Vernetzung im Freundeskreis der Jugendlichen“, fand die Wissenschaftlerin heraus. Besonders aufschlussreich über die große Bedeutung des Handys für Jugendliche war dabei ein Experiment, das Iren Schulz mit Erfurter Jugendlichen durchgeführt hat. Sie bat eine Gruppe von Teenagern, zwei Wochen lang auf ihr Handy zu verzichten. Die Ergebnisse sind erstaunlich: „Die Jugendlichen hatten zum Teil große Probleme, in ihrem Alltag zurecht zu kommen. Sie konnten sich nicht verabreden, weil sie sich gegenseitig nicht erreichten, verpassten sich häufig. Ihnen fehlten auch viele Telefonnummern, die sie nur im Handy gespeichert hatten oder auch die Uhr und der Wecker“, so die Handyexpertin. Aussagen der Teilnehmer wie „ohne Handy ist man unerreichbar und abgesehen vom Internet von der Zivilisation abgeschnitten“ waren keine Seltenheit. Groß war zudem aber auch die Frustration, als das Handy von den jungen Leuten nach zweiwöchiger Abstinenz wieder in Empfang genommen wurde und es waren keinerlei SMS oder verpasster Anruf darauf.

Ganz so dramatisch sehen Anja und Thorsten ihren Alltag ohne Handy nicht, dennoch spielt es auch für die beiden eine wichtige Rolle, auch für die Kommunikation mit den Eltern. „Zum Beispiel um Zuhause Bescheid zu sagen, dass ich später komme, oder um zu fragen, ob ich abgeholt werden kann“, so Thorsten.

Deutlich wird, wie vielfältig Jugendliche digitale Medien wie das Internet und das Handy in ihrem Alltag einsetzen und dabei als „digitale Generation“ eine ganz eigene Medienkompetenz an den Tag legen – und den Erwachsenen noch jede Menge beibringen können.

Mobiltelefon, Internet, Chatten, Surfen sind aus dem Alltag der Teenager nicht mehr wegzudenken – ein Einblick in die digitale Medienwelt der Jugendlichen.

Jeder Moment kann sofort und dauerhaft festgehalten werden – ein Klick auf den Auslöser des Fotohandys, fertig. Für Jugendliche ist der Umgang mit den längst nicht mehr neuen Medien völlig alltäglich.

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