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Chantal Willers (17) trainiert an der Sportschule Potsdam / "Ohne Disziplin geht es nicht"

Nicht nur bei Brandenburger Wetter in Form

Rolfshagen/Potsdam. 1,7, das nichtüberragend, aber doch okay, findet Chantal Willers. 1,7, das ist nicht ihr Trefferschnitt pro Spiel, sondern der Durchschnitt der Noten in ihrem Zeugnis. Auch wenn an der Sportschule Potsdam, an der die 17-Jährige seit zweieinhalb Jahren lebt und lernt, der Sport deutlich stärker im Vordergrund steht als an anderen Schulen - gelernt werden muss trotzdem. Zweimal wird täglich trainiert, von 8 bis 9.30 Uhr danach folgt regulärer Unterricht, bis 15.30 Uhr, um 17.30 Uhr steht das zweite Training an. Davor und danach kann sie Hausaufgaben machen, geht es ins Trainingslager oder zu einem Turnier, wird ihr ein Lernpensum vorgegeben, das sie in er Zeit der Abwesenheit abzuarbeiten hat: "Keiner soll den schulischen Anschluss verlieren", sagt die Rolfshägerin: "Wir müssen uns viel selbst erarbeiten." Problemlos ist sie in die 12. Klasse versetzt worden, in zwei Jahren macht sie ihr Abitur.

Chantal Willers

Autor:

Frank Westermann

Turbine Potsdam, ist eine der großen Adressen für Frauenfußball. Deutscher Meister. Pokalsieger, Uefa-Pokal-Sieger und damals noch Heimat solch hochkarätiger Kickerinnen wie Conny Pohlers, Britta Carlson oder Ariane Hingst. Stars, die alle eins gemein hatten: Sie mussten arbeiten gehen. Nur allein vom Fußball zu leben, das sei nicht möglich, erklärt Chantal Willers, selbst für die Großen der Zunft nicht. "Es sieht jetzt ein bisschen besser aus, aber allein vom Profifußball leben zu wollen, ist unrealistisch", erklärt die 17-Jährige beim Gespräch. Sie kennt nur eine einzige Fußballerin, die keinen Nebenjob hat: Eine Finnin, die neuerdings bei Turbine spielt. Der Grund: "Sie spricht noch kein Deutsch." Und ins Ausland zu wechseln, in den USA womöglich, sei heute überflüssig: "Der Boom in den USA ist abgeflaut, im Weltfußball hat Deutschland Amerika längst den Rang abgelaufen, die Hochburg des Frauenfußballs ist hier." Spielerisch seien die Amerikaner allerdings immer noch eine Macht, erzählt Chantal Willers. Sie ist zufrieden in Potsdam. Dieses Jahr hat sie in Chile mit ihrem Schulteam Deutschland vertreten, bei der Schul-Weltmeisterschaft 2007, nachdem landes- und dann bundesweit alles weggeputzt wurde. Es hat zur Vizeweltmeisterschaft gereicht, "nur", sagt Chantal Willers, denn bei der Premiere vor zwei Jahren hat sie mit ihrem Team noch den Weltmeistertitel in Dänemark geholt. In der U 18 Auswahl des Landes Brandenburg spielt sie mit, im Frühjahr hat sie dort mit ihrer Mannschaft den Länderpokal gewonnen, außerdem wird sie jetzt in der 2. Mannschaft von Turbine spielen, in der 2. Bundesliga. Und wenn sie sich am Sonnabend gegen 19 Uhr in den Zug setzt und ein paar Stunden später im Auetal eintrifft, um am nächsten Tag zwei Halbzeiten für ein Prominententeam zu spielen, dann weiß sie auch, was der Sport sie gelehrt hat: "Disziplin." Ohne, sagt sie, geht es nicht. Eine zweite Komponente für das Leben hat sie daheim gelernt: Rücksichtnahme, schließlich ist sie mit fünf Geschwistern aufgewachsen. Dort lernt man auch, wie man sich durchsetzt. "Ich hatte eigentlich alles, um mich nach dem Auszug in Potsdam gleich wohl zu fühlen" sagt sie. "Wer in einer Großfamilie aufwächst, hateher kein Problem mit vielen neuen Leuten." Und ihre Zimmerpartnerin in Potsdam in der Sportschule kannte sie vorher schon: eine gleichaltrige Fußballspielerin aus Osnabrück, die sie auf verschiedenen Lehrgängen schätzen gelernt hat. Linke Außenverteidigerin spielt sie, so wie Marcell Jansen, Philipp Lahm oder einst Paul Breitner. Ihr Lieblingsspieler ist dann auch Lahm, obwohl der einen großen Nachteil hat. Er spielt bei den Bayern, die Chantal Willers nicht besonders mag. Aber im Spiel erinnert sie dann doch eher an Jansen, wie siemit ihren blonden Haaren die Außenlinie hoch- und runterrast, sich für Abwehrarbeit nicht zu schade ist, immer bemüht, dem Spiel Tempo zu verleihen, immer mit einem Auge den besser postierten Mitspieler suchend. Das macht sie für eine linke Außenverteidigerin so gefährlich: In der letzten Saison hat sie viele Tore geschossen, sehr viele sogar. Einen Berufswunsch hat sie schon, wie sie im Gespräch erklärt, das unsere Redaktion vor dem Prominentenspiel am Sonntag mit ihr führte. Journalismus studieren, als Redakteurin arbeiten: "Weil ich gern Menschen kennen lerne", sagt sie. Erste Erfahrungen hat sie bei der "Märkischen Allgemeinen Zeitung" gesammelt, dort schreibt sie für die Jugendseite. Dann ist das Gespräch vorbei, Chantal Willers blickt zum Himmel, der seine Schleusen geöffnet hat. Stört sie der Regen? "Nein, das ist bestes Brandenburger Wetter, da sind die kämpferischen Tugenden gefragt, da wird der Rasen umgepflügt. Nein, das gefällt mir", sagt sie.

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