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Dagmar Behrens eine von 17 sozialpädagogischen Prozessbegleiterinnen in Deutschland / Noch Forderungen an Ministerin

Nicht allein im Prozess - Opfer bekommen mehr Rechte

Bückeburg (ly). Eine von 17 in ganz Deutschland: Dagmar Behrens (52), Büroleiterin der Bückeburger Opferhilfe, darf sich neuerdings sozialpädagogische Prozessbegleiterin nennen. Das entsprechende Zertifikat hat sie kürzlich während einer Weiterbildung des Instituts "Recht würde helfen - Opferschutz im Strafverfahren" erworben. Die Kosten hat die Stiftung Opferhilfe übernommen, Dagmar Behrens ihre Freizeit investiert .

Man lernt nie aus: Dagmar Behrens, Büroleiterin der Bückeburger

Damit verfügt die Diplom-Pädagogin nunmehr auch über juristisches Grundwissen, eine zusätzliche Qualifikation. Dem Pilotprojekt, angelegt über acht Monate, wird große Bedeutung beigemessen. Zum Abschluss gab Bundesjustizministerin Brigitte Zypries einen Empfang für Pilotinnen und Referenten. Grundgedanke der Absolventinnen: "Wenn wir Sexualstraftäter zur Verantwortung ziehen wollen, müssen wir dafür sorgen, dass ihre Opfer vor Gericht gut betreut werden." Dagmar Behrens weiß um die Belastungen, denen missbrauchte Kinder und Jugendliche oder vergewaltigte Frauen in Verfahren ausgesetzt sind. "Im Mittelpunkt steht der Täter", sagt sie. "Opferzeuginnen werden mit ihren Ängsten und Erinnerungen zumeist allein gelassen." Das muss nicht sein. "Wenn Beratungsstellen, Polizei und Staatsanwaltschaft, Nebenklage und Gericht gut zusammenarbeiten, erleichtert es Opfern, den Prozess durchzustehen", erklärt Behrens, die allein in diesem Jahr bisher fast 40 Klienten betreut hat. "Und es ermutigt mehr Betroffene, Anzeige zu erstatten." Das Pilotprojekt war mit hochkarätigen Dozenten besetzt: Staatsanwälte, Richter, Rechtsanwälte, Gutachter, Abgesandte von Jugendämtern. Das bedeutete: Informationen aus erster Hand. Wer Gerechtigkeit will, zumindest aber Recht, muss seine Rechte kennen. Was viele nicht wissen: Nach dem Opferrechtsreformgesetz, in Kraft seit September 2004, stehen Opfern mehr Rechte zu. So darf eine Vertrauensperson mit zur Vernehmung. Angehörige Getöteter haben im Prozess gegen den Täter Anspruch auf kostenlose Vertretung durch einen Anwalt. Dagmar Behrens hat eine Vision: "Opfern von Gewaltdelikten soll grundsätzlich vom Staat ein Anwalt bezahlt werden", fordert sie. Zurzeit gelte dies nur mit Einschränkungen, nämlich bei bestimmten Straftaten wie Vergewaltigung oder sexueller Nötigung, nicht jedoch zum Beispiel bei Körperverletzung. Österreich ist da schon weiter. "Seit 2006 hat dort jedes Gewaltopfer einen Rechtsanspruch auf psychosoziale und juristische Prozessbegleitung", berichtet Dagmar Behrens. "Dies wollen wir auch in Deutschland erreichen." Und nicht nur dies. Wer das Vergnügen mit einer leibhaftigen Ministerin hat, sollte Forderungen stellen. Dagmar Behrens und die anderen Pilotinnen haben die Gelegenheit genutzt, Zypries auf Defizite beim Opferstatus hinzuweisen. Sie verlangen, dass die Nebenklage, also anwaltliche Vertretung von Opfern, künftig auch in Strafverfahren gegen Jugendliche zugelassen wird. Gleiches solle für das Adhäsionsverfahren gelten, in dem bereits während des Strafprozesses Schmerzensgeld und Schadensersatz zugesprochen werden können. Dagmar Behrens kennt sich aus. "Rechtsberatung darf ich aber nicht machen", schränkt sie ein. "Aber ich kann erklären, wie ein Prozess läuft, welche Rechte man vorher und nachher hat." Und sie kann Opfern beim schweren Gang in den Gerichtssaal beistehen, während der Vernehmung daneben sitzen, Kontakt zum Angeklagten verhindern, ihre Klienten nach der Sitzung durch einfühlsame Gespräche beruhigen. Oder einfach nur zuhören. Das Bückeburger Opferhilfebüro ist unter Telefon (0 57 22) 290 264 zu erreichen.

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