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Spannende Diskussion im Hotel "Stadt Kassel" zur Frage, warum der Steinanger bebaut werden soll

"Neue Steuerzahler und Konsumenten für Rinteln"

Rinteln (wm). Es ist offensichtlich das Thema, das die Rintelner zurzeit am meisten bewegt: Bei der Diskussionsveranstaltung unserer Zeitung unter Moderation von Chefredakteur Frank Werner am Dienstagabend im "Stadt Kassel" zur Frage, ob der Steinanger bebaut werden soll oder nicht, mussten weitere Stühle herbeigeschafft werden, um auch im letzten Winkel noch Zuhörer unterzubringen.

Karl-Heinz Buchholz

Die waren nicht umsonst gekommen, es war ein spannender und unterhaltsamer Abend, denn zum ersten Mal standen sich Befürworter einer Steinanger-Bebauung und Gegner in einem direkten Dialog gegenüber. Frank Werner machte zu Beginn auf zwei Besonderheiten der Kontroverse aufmerksam: Es ist anders als bei anderen Themen in der Kommunalpolitik weniger ein Streit unter Parteien. Während sich der Rat bis auf die WGS weitgehend einig ist und für eine Bebauung stimmt, machen dagegen Rintelner Bürger mobil, organisiert in einer Bürgerinitiative. Und es scheint auch ein Konflikt unter Generationen zu sein. Während die junge Generation - vertreten durch die Jugendfußballer des SC - auf neue Lösungen drängt, möchte die ältere Generation eher den Status quo bewahren. Zu Beginn hatten auf dem Podium die an dem Projekt direkt Beteiligten das Wort. Bürgermeister Karl-Heinz Buchholz formulierte als Erster, warum der Rat eine Steinanger-Bebauung als Chance für die Gesamtstadt sieht: Nicht Rintelner würden an den Steinanger ziehen, sondern neue Bürger von außerhalb, das bedeute, die Stadt gewinne neue Einwohner, damit neue Konsumenten und Steuerzahler. Längst gebe es einen Verdrängungswettbewerb zwischen den Städten. Er habe schon mehrmals von Leuten gehört, die woanders gebaut haben, sie hätten in Rinteln "nichts Entsprechendes gefunden". Unumgänglich sei auch die Sanierung der Sportstätten: "Sportstätten sind ein wichtiger Standortfaktor." Der Steinanger sei, so wie er jetzt ist, in keiner Weise attraktiv. So sah es auch SPD-Fraktionschef Klaus Wißmann, der ebenfalls den Blick für den Jetzt-Zustand schärfen wollte: Am Steinanger gebe es eine Parkfläche, eine marode Reithalle, nur begrenzt bespielbare Sportplätze - "mit Historie kann ich da wenig anfangen". Eine Konkurrenz zur Altstadt sieht Wißmann nicht. Wer am Steinanger wohnen wolle, werde sich kein Haus in der Bäckerstraße kaufen. "Das sind zwei Paar Schuhe." CDU-Fraktionsvorsitzender Dr. Marc Lemmermann bekannte, er sei zunächst gegen eine Bebauung gewesen, habe sich "im Laufe des Prozesses" aber umstimmen lassen. Wichtig sei ihm, dass es keine "Nullachtfünfzehn"-Bebauung werde, sondern ein "architektonisches Highlight", ein "Alleinstellungsmerkmal", das Rinteln gegenüber anderen Städten abhebe. Sparkassenvorstand Günther Klußmeyer rückte die Dimensionen gerade: Nicht von 200 Wohnungen, wie häufig behauptet, sondern nur von 80 bis 120 Wohneinheiten sei die Rede. Erfahrungsgemäß könne man nur rund 65 Prozent der Fläche bebauen, der Rest würde für Grünanlagen, Infrastruktur, Spiel- und Parkplätze gebraucht. Klußmeyer addierte Kosten auf: Die Grundstücke müssten baureif gemacht, der Kaufpreis vorfinanziert und zunächst nicht verkaufte Flächen gepflegt werden. Die Unterstellung, die Banken seien auf Gewinnmaximierung aus, "ist schlichtweg Quatsch". Klußmeyer zu den Marktmechanismen: "Die Generation 50-plus zieht woanders hin, wenn sie hier nichts findet, was ihren Vorstellungen entspricht." Die Idee, "der Wohnraum, der da ist, muss auch angenommen werden - das funktioniert so nicht". Klußmeyer richtete außerdem an die Bürgerinitiative die dringende Bitte, persönliche Angriffe von ihrer Homepage im Internet zu nehmen: "Dass Sie uns in die Nähe von Heuschrecken rücken, das trifft auch unsere Mitarbeiter, die hier arbeiten und leben." Volksbankvorstand Joachim Schorling widersprach Skeptikern, die bezweifeln, dass die Fläche in einem annehmbaren Zeitrahmen vermarktet werden könnte. Die Erfahrungen der Volksbank in Bückeburg und Bad Nenndorf besagten das Gegenteil: In Bückeburg habe man von 60 innenstadtnahen Grundstücken in einem halben Jahr 30 verkauft, in Bad Nenndorf in zwei Jahren 80 Bauplätze. Schorlingschätzte, für den Steinanger werde man fünf bis sieben Jahre brauchen. Über Preise zu sprechen, ehe ein konkreter Bebauungsplan vorliege, sei "Kaffeesatzlesen." Klaus Peters, Vorsitzender des SC-Fördervereins, stellte unmissverständlich klar, wer glaube, dass der SC mit dem Steinanger sein "Herzstück" verliere, der irre. Der SC sei seit 13 Jahren ein geteilter Verein. 264 Jugendliche unter 18 Jahren spielten auf der Burgfeldsweide, die Erwachsenen am Steinanger. "Ich wüsste nicht, dass es so was auch bei einem anderen Verein gibt." Nächstes Problem: Der SC brauche drei Plätze, das sei am Steinanger kaum zu realisieren. Peters ließ keinen Zweifel: Die Fußballer wollen zur Burgfeldsweide umziehen, unabhängig davon, ob der Steinanger bebaut wird oder nicht. Stephan Weichert räumte als Sprecher der Steinanger-Anwohner ein, es gebe unter den Anliegern keine einheitliche Meinung. Der gemeinsame Nenner sei in einem Positionspapier festgehalten. So unter anderem, dass die Höhe der Gebäude nicht die 13 Meter erreichen dürfe, die im Gespräch waren, dass sich die Architektur "deutlich von Bausünden vergangener Zeiten abgrenzen" müsse, dass geklärt sein müsse, ob durch die Bebauung Probleme mit dem Grundwasser bei einem Weserhochwasser drohten.

Klaus Wißmann
  • Klaus Wißmann
Dr. Marc Lemmermann
  • Dr. Marc Lemmermann
Klaus Peters
  • Klaus Peters
Günther Klußmeyer
  • Günther Klußmeyer
Joachim Schorling
  • Joachim Schorling
Stephan Weichert
  • Stephan Weichert
Rappelvoll war der Saal im Hotel "Stadt Kassel": Vorne links Die
  • Rappelvoll war der Saal im Hotel "Stadt Kassel": Vorne links Dietrich von Blomberg, Initiator der Bürgerinitiative gegen den Verkauf des Steinangers. Fotos: tol
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Klaus Peters
Günther Klußmeyer
Joachim Schorling
Stephan Weichert
Rappelvoll war der Saal im Hotel "Stadt Kassel": Vorne links Die
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