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Nervenkitzel knapp unter den Wolken

Strahlend blauer Himmel und ein paar Schäfchen-wolken begrüßen mich, als ich das Gelände des Segelflugvereins Bückeburg erreiche. Ich habe zwar keine Ahnung von dem Sport, doch selbst mir scheint es das ideale Flugwetter zu sein. Ein leichter Wind weht, als ich mich langsam der Wiese nähere, die als Start- und Landebahn dient. Ich bin gespannt. Heute soll ich zum ersten Mal in einem Segelflugzeug fliegen. Angst? Hab ich nicht. Noch nicht.

Wir waren nicht die Einzigen, die den Blick auf Obernkirchen gen

Von Jessica Janson

Schon auf dem Weg zum vereinbarten Treffpunkt ändert sich das ein wenig. Mir wird das erste Mal etwas mulmig. Fünf Segelflieger stehen dort, etwa 15 Vereinsmitglieder unterschiedlichen Alters sitzen und stehen um die Maschinen herum. Wie von Geisterhand gezogen, setzt sich ein Flugzeug auf einmal in Bewegung, wird in einer rasenden Geschwindigkeit beschleunigt und hebt ab. Fast senkrecht. Okay, okay. War das hier wirklich so eine gute Idee? Ich bin bis jetzt immer nur in Passagierflugzeugen geflogen. Da hatte ich stets die Gewissheit, dass das Flugzeug ständig durch Radar überwacht wird, dass ein Kopilot zur Not eingreifen kann und dass im wirklichen Notfall Sauerstoffmasken aus der Decke fallen. Doch hier? Ich bleibe erst einmal in sicherer Entfernung stehen. Es sind ja noch fünf Minuten bis zum Treffen. Fünf Minuten Zeit, mir um etwas anderes Gedanken zu machen: das richtige Outfit. Keine Angst, ich habe nicht vor in High Heels und Glitzer-Oberteil meinen ersten Segelflug zu starten. Was mich irritiert, sind eher die Temperaturen. Wie warm oder kalt ist es da oben? Ich bin erst einmal auf Nummer sicher gegangen. In meinem Auto wartet eine dicke Winterjacke auf ihren Einsatz, im Moment habe ich noch meine Sommerjacke an.

Und schon wird es ernst. Ein sympathischer Mann kommt lächelnd auf mich zu und reicht mir die Hand. „Valentin Schlegel. Hallo. Bereit zum Fliegen?“ Ja. Nein. Jein, um eine norddeutsche Band zu zitieren. Doch soll ich jetzt kneifen? Ich setze mich zusammen mit Valentin, beim Segelfliegen duzt man sich, wie er mir erklärt, in Bewegung und frage ihm dabei kleine Löcher in den Bauch. Wenn ich rede, fühle ich mich, als ob ich die Sachen selbst in der Hand hätte.

Was ich erfahre, ist wirklich interessant. Der Luftsportverein Bückeburg-Weinberg hat zurzeit etwa 120 Mitglieder, ein Drittel davon Jugendliche. „Viele unserer Nachwuchs-Flieger kommen durch die Segelflug - AG des Bückeburger Gymnasiums zu uns“, erklärt Valentin. Als wir zu den anderen Vielfliegern gestoßen sind, oute ich mich, nicht das letzte Mal heute, als völligen Laien. „Stören die ganzen Schäfchen-Wolken nicht beim Fliegen?“, frage ich laut. Eine Frage, die mich wirklich schon immer beschäftigt hat. Denn oft sitze ich auf meiner Terrasse, beobachte einen Segelflieger und frage mich, wieso er ausgerechnet so nah an die Wolken fliegt. Als Antwort bekomme ich zunächst freundliches Gelächter. Dann erklärt mir Ausbildungsleiter Stephan Beck, dass meine Schäfchen-Wolken eigentlich „Kumulus-Wolken“ heißen und fürs Fliegen äußerst nützlich sind.

Vor dem Flug: Valentin bereitet sich in aller Ruhe vor – m
  • Vor dem Flug: Valentin bereitet sich in aller Ruhe vor – mir hingegen steht die Anspannung ins Gesicht geschrieben.

„Segelflieger nutzen die Thermik, um sich fortzubewegen“, beschreibt Beck. „Bei schönem Wetter wie heute erwärmt die Sonne den Boden. Dadurch erwärmt sich auch die Luft am Boden. Sie wird leichter und steigt auf. Dabei entstehen kleine Luftschläuche, die meist in eben diesen Kumulus-Wolken enden, da sie dort kondensieren.“ Ah ja. Segelflieger nutzen also die Thermik unter den Wolken, um an Höhe zu gewinnen. Doch was machen sie, wenn es ein wolkenloser Tag ist? Beck erklärt, dass man in diesem Fall auch Hangwinde nutzen könne. Das sind Aufwinde, die an Gebirgen, wie unserem Wesergebirge, entstehen. Gut, habe ich gespeichert. Aber heute gibt es ja Wolken.

„Wie lange werden wir überhaupt in der Luft bleiben?“, will ich wissen. „Ein durchschnittlicher Segelflug dauert etwa zweieinhalb Stunden“, sagt Valentin. Oh mein Gott. Zweieinhalb Stunden? Ich habe bisher gedacht, der Flieger verliert irgendwann automatisch an Höhe und müsste dann wieder landen. Schon wieder wird mein Laien-Wissen belustigt aufgenommen. „Ein Segelflieger kann sich immer wieder in die Höhe schrauben, wenn Thermik vorhanden ist“ erklärt mir Beck. Das erfolgreichste Vereinsmitglied, Klaus Ohlmann, bleibt sogar mal über 15 Stunden in der Luft. Er sei aber, als mehrfacher Weltrekordhalter, nicht der Maßstab. Gut zu wissen, auch wenn mein Magen langsam anfängt, ein bisschen zu kribbeln.

Ich bin gerade am Überlegen, ob ich mich wegen plötzlich auftretender Migräne verabschieden sollte, als Valentin mich aufmunternd anschaut. „Wir sind dran.“ Mist – zu spät. Doch obwohl ich wirklich ein bisschen Bammel habe, freue ich mich auch irgendwie. Wann hat man schon einmal die Chance, in einem Segelflieger zu fliegen?

Unser Flugzeug ist eine ASK 21. Ein Doppelsitzer der Firma „Schleicher“. Es hat eine Spannweite von 17 Metern, ist etwas über acht Meter lang und erreicht eine Höchstgeschwindigkeit von – wie bitte? 280 Kilometer pro Stunde?

Schon wieder habe ich keine Zeit nachzudenken, denn Valentin erklärt mir, wie wir uns in die Lüfte bewegen werden. Wir werden von einer Winde, die auf einem LKW am anderen Ende des Flugplatzes steht, gezogen und dabei beschleunigt. Dadurch gewinnt das Flugzeug Auftrieb, sodass es bei einer Geschwindigkeit von etwa 70 Kilometer pro Stunde abhebt. Das war also die „Geisterhand“, die ich zu Beginn beobachtet habe. Eine Winde. Clever.

Ich will schon einsteigen, als Valentin mich zurückhält. „Ein Fallschirm fehlt.“ Wie, Fallschirm? Brauche ich doch im normalen Flugzeug auch nicht. Ist Segelfliegen also doch gefährlicher? „Nein, ist es nicht“, beruhigt er mich. Bei Segelfliegern könne immerhin viel weniger Technik ausfallen als bei Motor-Flugzeugen. Außerdem könne man mit einem Segelflieger ganz gemütlich nach unten gleiten und zur Not irgendwo eine „Außenlandung“ machen, wenn wirklich etwas schief geht. Doch wieso dann der Fallschirm? „Vorschrift!“

Natürlich, wieso sollte es über den Lüften auch weniger Vorschriften geben als auf der Erde, wo einem beim Autofahren ja auch das Anschnallen vorgeschrieben wird. „In der Luft gibt es auch Vorfahrtsregeln“, verrät mir Schlegel. Hätte ich nicht erwartet. Aber irgendwie ist es auch beruhigend.

Ich lege also den Fallschirm an, lasse mir von vielen freundlichen Helfern erklären, wie er funktioniert, und werde dann auch schon in meinem Sitz festgeschnallt. Gar nicht so unbequem, so ein Segelflugzeug. Ich habe unglaublich viel Platz, was wahrscheinlich auch an meinen etwas kurz geratenen Beinen liegt. Vor mir sind einige Instrumente im Cockpit zu sehen. So ganz ohne Technik geht es also auch beim Segelfliegen nicht? „Natürlich nicht“, sagt Schlegel. „Du siehst hier einen Höhenmesser, ein Fahrtmesser, der die Geschwindigkeit anzeigt, ein Variometer, der den Segelflieger bei der Suche nach Thermik unterstützt und ein GPS- gestütztes Gerät zur Kollisionsvermeidung, der ,FLARM‘.“ Also doch ein bisschen Technik. Mir wird gleich etwas wohler.

Und dann geht es los. Ein Ruck geht durch das Flugzeug, wir werden schneller und schneller; plötzlich hebt sich die Nase des Flugzeuges und wir sind in der Luft. Eben war noch das Rumpeln des Rades zu hören und jetzt ist Stille. Es ist nichts zu hören, bis auf den Wind, der um die Tragflächen spielt. Ein Blick aus dem Fenster bestätigt, was der Höhenmesser vor mir anzeigt: Wir sind schon auf 500 Metern Höhe. Und haben schon nach wenigen Minuten einen beachtlichen Weg zurückgelegt. Denn links neben mir sehe ich den Steinbruch. Auf einmal ist ein hohes Fiepen zu hören. „Das ist das Variometer“, erklärt Valentin. „Je höher der Ton, desto mehr Thermik ist hier vorhanden.“ Und Valentin beginnt mit dem „Kreisen“. Er fliegt in großen Kreisen in dem Luftstrom der Thermik, schraubt sich so immer höher.

Ich versuche mich zu entspannen und das Erlebnis zu genießen. Doch mein Magen scheint etwas dagegen zuhaben. „Du hast einen sehr ausgeprägten Gleichgewichtssinn“, erklärt Valentin dieses Phänomen. Während das Flugzeug seine großen Kreise fliegt, sieht das Auge die Schräglage, mein Gleichgewichtssinn im Ohr misst jedoch, dass keine Schräglage vorhanden ist. Meine Augen sehen also etwas anderes als mein Gleichgewichtssinn fühlt – und mag das gar nicht. „Durch diese Differenz kommt das mulmige Gefühl im Bauch“, erklärt er. Alles also ganz normal. Ich versuche meinen Körper zu überlisten und schaue stur geradeaus auf Valentins Hinterkopf. Doch der hat sich in 1300 Meter Höhe schon überlegt, wie er meinen Magen davon abhalten kann, endlich Ruhe zu geben. Er zieht die Nase des Flugzeugs nach unten und wir werden sofort schneller. Und schneller. Und noch schneller. 200 Kilometer pro Stunde zeigt der Fahrtenmesser und ich fühle mich wie in einer Achterbahn. Mein Körper wird in die Sitze gepresst wie bei einem Looping und dann ist auch schon wieder alles vorbei. Die Nase des Flugzeugs nähert sich wieder dem Horizont, die Geschwindigkeit sinkt, ich kann durchatmen. „Na, wie hat dir das gefallen“, fragt Schlegel lachend. Ich bin unentschlossen. Es war Nervenkitzel pur, aber auch ein bisschen beängstigend, wenn man bedenkt, dass gerade 800 Meter unter uns das Rollfeld des Achumer Flugplatzes zu erkennen ist. Auf einmal erblicke ich einen Adler, der neben uns fliegt. „Das passiert öfter“, sagt Valentin. „Greifvögel suchen die Thermik genauso wie wir Segelflieger und schließen sich öfter uns an.“ Ein friedliches Miteinander von Mensch und Tier – und das in einem Kilometer Höhe. Meine Sommerjacke habe ich vor dem Start übrigens noch ausgezogen. Zum Glück. Denn die Sonne brennt unermüdlich auf das Glasdach des Flugzeuges. Mir wird immer wärmer. Bis mir Valentin sagt, dass es Lüftungsklappen gibt. Einmal geöffnet, verschaffen sie tatsächlich sofort Kühlung.

Mittlerweile haben sich mehrere Flieger zu uns gesellt. Unter uns und über uns kreisen sie gemeinsam mit uns. Auch sie wollen die Thermik nutzen. Ist das nicht gefährlich? „Als Segelflieger lernt man von Anfang an, den Luftraum immer im Auge zu behalten“, erklärt Valentin. „Da passiert nichts.“

Nach gefühlten zehn Minuten beginnt Valentin dann mit dem Landeanflug. In Wirklichkeit sind aber schon 45 Minuten vergangen. Über Funk wird uns vom Aufsichtswagen die Genehmigung erteilt, und schon deutet ein lautes Rumpeln an, dass ich wieder festen Boden unter den Füßen habe. Die Landung fühlt sich übrigens an wie beim Motorflugzeug.

„Und wie hat es dir gefallen? Wirst du jetzt Mitglied?“, fragt Valentin hoffnungsvoll, als ich mich im Gras niedergelassen habe, um meinen Körper wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Tja, wie hat es mir gefallen? Es war anders als alles, was ich bisher erlebt habe. Ein Gefühl von Freiheit, verbunden mit einer gewissen Portion Nervenkitzel. Es hat mir gefallen, ganz sicher. Doch Mitglied werden? Dazu bin ich wahrscheinlich ein zu großer Angsthase. Mitfliegen ist eine Sache, selber fliegen kann ich mir für mich nicht vorstellen. Obwohl ich zuvor natürlich Übungsstunden bekäme. „Normalerweise kann man nach einer Saison seinen ersten Alleinflug in Angriff nehmen“, erläutert Valentin. Naja, nächste Saison vielleicht. Wer selbst einmal in die Welt des Segelfliegens eintauchen möchte, kann unter der Homepage www.lsv-bueckeburg.de Kontakt mit dem Luftsportverein aufnehmen. „Oder einfach bei uns auf dem Platz vorbei schauen“, rät Valentin. Doch wann? „Bei schönem Wetter ist immer jemand hier“, erzählt er lächelnd. „Wer einmal Blut geleckt hat, kann nicht mehr aufhören.“

Die meisten Menschen sind schon einmal geflogen. In großen Passagiermaschinen, um von einem Ort zum anderen zu kommen. Aber wie mag es wohl sein, mit dem Segelflugzeug einfach nur um des Fliegens willen zu fliegen?

Ein Selbstversuch.

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