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SPD-Ortsverein und AWO Gesundheitsdienste informieren über „Organspende“/Betroffene berichten

„Nehmen Sie Organe nicht mit ins Grab!“

Bad Münder (hzs). „Frank Walter Steinmeiers Nierenspende an seine Frau hat dem Thema Organspende einen neuen Schub gegeben“, stellte der SPD-Ortsverbandsvorsitzende Axel Berndt fest. Dennoch blieb die Resonanz auf die Informationsveranstaltung, zu der SPD-Ortsverein und Awo-Gesundheitsdienste ins „Deutsche Haus“ eingeladen hatten, hinter den Erwartungen zurück.

Häufig muss das Organ schnell zum Empfänger gebracht werden – in speziellen Aufbewahrungsbehältnissen.

Dabei eröffnete das, was Dr. Steffen Krautzig, Nierenspezialist und Transplantationsbeauftragter an der Deister-Süntel-Klinik, und die von ihm eingeladenen Betroffenen zu berichten hatten, durchaus neue Sichtweisen auf ein in der Öffentlichkeit immer noch häufig verdrängtes Thema.

Rund 60 000 Patienten müssen sich bundesweit derzeit wöchentlich dreimal einer bis zu fünf Stunden langen Dialyse unterziehen, etwa 2000 bekommen pro Jahr eine neue Niere transplantiert. 8000 Patienten jedoch stehen – zumeist mehrere Jahre – auf der Warteliste. „Das funktioniert wie beim Bausparvertrag, der irgendwann zuteilungsreif wird“, kommentierte Krautzig die Situation mit leichter Bitterkeit.

Auch der Diplom-Ingenieur Dieter Geisemeyer aus Stadthagen hat mehr als sechs Jahre auf ein Spenderorgan warten musste, erfreut sich nun aber wieder bester Lebensqualität. „Man kann ein aktives Leben führen und darf wieder fast alles essen“, so der energische 56-Jährige.

Walburga Bleibaum aus Bodenwerder hat ihrem Mann Horst eine Niere gespendet. „Das hat uns hinterher noch enger zusammengeschweißt“, erklärt die dynamische Geschäftsfrau. Dabei sei der Eingriff auch heute noch alles andere als Routine, so der Einrichtungsleiter der Deister-Süntel-Klinik, Andreas Przykopanski: „Das ist keine Blinddarmoperation, sondern ein richtig schwerer Eingriff.“ Das von den Awo-Gesundheitsdiensten betriebene Transplantationszentrum in Hann. Münden, in dem jährlich rund 100 solcher Eingriffe vorgenommen werden, rangiert auf der von der MHH angeführten Liste der 40 deutschen Transplantationszentren auf Platz drei. Anschaulich und mit der Nüchternheit eines erfahrenen Mediziners informierte Dr. Krautzig über die vielfältigen medizinischen Hintergründe, und akzentuiert vor allem die rechtlichen Rahmenbedingungen bei post-mortalen Transplantationen. Die regelt seit 1997 das „Transplantationsgesetz“, das eine „erweiterte Zustimmungslösung“ vorschreibt.

Krautzig: „Zwei unabhängige Ärzte müssen den Hirntod feststellen, und auch bei Vorliegen eines Organspendeausweises müssen die Verwandten nochmals zustimmen. In jedem Fall soll Missbrauch verhindert werden.“ Gleich ob Lebend- oder Totspende, Deutschland liegt beim Spendeaufkommen im europäischen Bereich auf einem der hintersten Plätze. „In Österreich gilt die Widerspruchslösung, nach der jeder Spender ist, der nicht ausdrücklich widerspricht“, so SPD-Ortsverbandsmitglied Hans Müller. „Eine angesichts der in Deutschland derzeit geführten Diskussion wohl kaum zu realisierende Regelung“, erwiderte Krautzig.

So bleibt am Ende nur eine verstärkte Aufklärung und der Aufruf: „Nehmen Sie Ihre Organe nicht mit ins Grab, sondern schenken Sie als Organspender Leben an andere Menschen.“ Überschattet wurde die Veranstaltung vom Schwächeanfall eines Besuchers, der mit Verdacht auf Schlaganfall ins Krankenhaus gebracht wurde.

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