weather-image
19°
Trotz seiner beeindruckenden dokumentarischen Fotos fast ein Unbekannter geblieben

Negative hinter eine Kartoffelkiste genagelt

VON DR. ERNST-MICHAEL STIEGLER

Der 19-jährige Walter Ballhause mit „seiner“, wenn auch geliehenen Kleinbildkamera.

Wäre Walter Ballhause vor hundert Jahren in Berlin geboren worden, im Zentrum der Weimarer Republik, hätte er als junger Fotograf vielleicht frühen Ruhm ernten können. Man hätte ihn möglicherweise mit den heute weltberühmten (Presse-)Fotografen wie Dr. Erich Salomon, August Sander und Lewis W. Hine in einem Atemzug genannt. Aber Walter Ballhause wurde „nur“ in Hameln geboren, am 3. April 1911. Und er machte zwischen 1930 und 1933, also als 19- bis 22-Jähriger, seine Fotos in Hannover, in der Provinz: Bilder von der Massenarbeitslosigkeit und Verelendung nach dem Börsenkrach 1929 und vom aufkommenden Faschismus. Dieser Frühvollendete wurde spät, erst in den 70er und international in den 80er Jahren, wiederentdeckt. Aber einen Namen hat er sich noch immer nicht gemacht, auch wenn schon längst seine Fotos Schulbücher und Publikationen der Bundeszentrale für politische Bildung illustrieren. Als die Wochenzeitschrift „Stern“ im Dezember 2006 für ihre Serie „Geschichte der Deutschen“ eine doppelseitige Abbildung eines Fotos von ihm brachte, fehlte der Name des Fotografen.

Walter Ballhause fotografierte mit verdeckter Kamera: mit der damals modernsten und schnellsten Kleinbildkamera, einer (geliehenen) Leica. Ballhause hielt sie unter seiner Jacke versteckt und streifte so durch Hannover. Dabei gelangen ihm Fotos „von großer grafischer Schönheit“ und „großer Authentizität“ (Jörg Boström – der Künstler und Hochschullehrer Jörg Boström hat an der Wiederentdeckung Ballhauses mitgewirkt und sich wissenschaftlich mit ihm beschäftigt). Da gab es keine Posen, keine gestellten Arrangements, die Fotografierten setzten kein „Fotografiergesicht“ auf: „Ballhause setzt seine Menschen ins Licht. Sie werfen schwere, lange Schatten“ (Boström). Als er im März 1933 in Hannover-Linden, einem Arbeiterviertel, eine provozierende Patrouille von SA und Gestapo fotografierte, war er auch diesmal als Fotograf unsichtbar; was ihn vor Schikanen oder Schlimmerem bewahrte, vorerst jedenfalls.

Walter Ballhause wurde in der Baustraße geboren. Als Kind lebte er in einer Werkswohnung der Lederfabrik Pigge und Marquard an der Deisterstraße, wo sein Vater Werkmeister war und seine Mutter bis zu seiner Geburt als Lederstepperin tätig war; wie seine älteren Geschwister ihm später sagten, „ratterte“ zwei bis drei Tage „nach der Entbindung ... meistens schon wieder die Steppmaschine“ (W.B.). Mit der Trennung der Eltern 1918 endete diese Zeit. Zuvor hatte das Kind noch die Schrecken des 1. Weltkriegs erlebt: „Verwundete der Westfront wurden im Güterbahnhof am Ende der Deisterstraße an unserer Werkswohnung vorbei zum Lazarett getragen, das im Hotel Monopol eingerichtet war. Bein- und Armamputierte sah ich häufig in der Nähe des Lazaretts. Ein Apfel oder eine Birne, sofern wir überhaupt welche hatten und entbehren konnten, legte ich auf die Tragen der Verwundeten.“ Diese Eindrücke prägten Walter Ballhause und ließen ihn später erschütternde Fotos von Kriegsversehrten machen. Und vielleicht wurde hier auch der Grund für seine „mitfühlende Kamera“ gelegt. Walter Ballhause war – so hat ihn der Autor erlebt – ein warm- und offenherziger Mensch, der mit Engelsgeduld die Pflichten erfüllte, die ihm die Wiederentdeckung als „Arbeiterfotograf“ einbrachte – und das alles mit „der ihm eigenen Mischung aus Bescheidenheit und Stolz, Noblesse und Gefühl“ (Boström).

Gelähmtes Kind im Wagen mit Marktabfällen.
  • Gelähmtes Kind im Wagen mit Marktabfällen.
„...ein visuelles Dokument, das in der deutschen Geschichte ohne Parallele ist“ (Klappentext „Zwischen Weimar
  • „...ein visuelles Dokument, das in der deutschen Geschichte ohne Parallele ist“ (Klappentext „Zwischen Weimar und Hitler“, Schirmer/Mosel-Verlag): Arbeitslosenschlange beim Anstehen zum Stempeln im Hof des Arbeitsamts Hannover im Frühjahr 1932.
270_008_4482849_faw103_0204.jpg

Die Mutter flüchtete mit ihrem Sohn Walter aus der zerrütteten Ehe, zuerst nach Rumbeck, dann auf der Suche nach Gelegenheitsarbeiten nach Hannover. Aus dem Besuch der Mittelschule wurde nichts. Eine Lehre musste er abbrechen, um Geld zu verdienen. Schließlich setzte er sich doch gegen seine Mutter durch und machte von 1925 bis 1928 eine Laboranten-Lehre bei der Hanomag – und wurde danach arbeitslos. Im Gegensatz zu vielen anderen Arbeitslosen resignierte er nicht. Als guter Schwimmer und politisch aufmerksamer Mensch schloss er sich der SPD und den „Freien Schwimmern“ an und hätte es dabei fast zur Teilnahme bei einer Arbeiterolympiade gebracht. Die SPD bot ihm allerdings keine politische Heimat. 1929 gründete er zusammen mit Otto Brenner, dem langjährigen IG Metall-Vorsitzenden in der Bundesrepublik, eine Ortsgruppe der „Sozialistischen Arbeiter Partei“.

An Bildern von Käthe Kollwitz, Heinrich Zille, den Holzschnitten von Masereel und anderen Künstlern hatte sich Walter Ballhause autodidaktisch geschult. So entstanden Fotos, die in „ihrer Sachlichkeit und Härte der sozialen Aussage neben die von ihm geschätzten Werke der bildenden Kunst gehören“ (Boström). Weit über 50 Jahre nachdem er das Ende der Weimarer Republik dokumentiert hat, fand Walter Ballhause dafür sogar in den USA Anerkennung. In seiner Anwesenheit wurde in New York , im November 1988, die Ausstellung „Walter Ballhause. Between Weimar and Hitler“ eröffnet. In der Presseinformation dazu heißt es: „In über 500 Bildern dokumentiert er ... die deutschen Verhältnisse, die ... schon die spätere Katastrophe des Dritten Reichs greifbar werden lassen.“ In Ballhauses eigenen Worten ging es ihm darum, den „Arbeitern die Augen zu öffnen, damit sie ihr Unglück zurückweisen, damit sie Widerstand leisten.“

Walter Ballhause hat mit knapper Not das 3. Reich überlebt. Bereits 1933 musste er zeitweilig bei Freunden in Springe untertauchen. Ab 1941 lebte er in Plauen und arbeitete als Laborleiter in einer Gießerei, der späteren „Plamag“. In Hannover war ihm „der Boden zu heiß geworden“ (W.B.), ein Denunziant hatte sich an seine Fersen geheftet.

Weil seine Frau die Negative seiner Fotos hinter eine Kartoffelkiste genagelt hatte, blieben sie unentdeckt. Hausdurchsuchungen gingen dadurch noch glimpflich aus. 1944 weigerte er sich, „Blockwart“ zu werden. Ihm wurden daraufhin Konsequenzen angedroht – und in die Tat umgesetzt. Im Februar 1945 verbrannten seine Gerichtsakten beim zweitägigen Luftangriff auf Dresden. Was Zehntausenden den Tod brachte, hat ihm vermutlich das Leben gerettet. Er wurde im Zwickauer Gefängnis im April 1945 von amerikanischen Truppen befreit.

Das vogtländische Plauen lag ab 1949 auf dem Gebiet der DDR. Walter Ballhause hat nie einen Hehl daraus gemacht, dass er auf den Aufbau des Graugussunternehmens Plamag, mit ihm als technischem Werksleiter, stolz war: und dass es ausdrücklich ein sozialistisches Projekt war.

Noch im April 1987 hielt sich Walter Ballhause auf Einladung von Prof. Jörg Boström an der Bielefelder Fachhochschule auf, um dort mit Studenten zu diskutieren und seine Diatonschau zu zeigen. Ein Versuch, auch in Hameln Ende der 80er Jahre eine Ausstellung seiner Fotos auf die Beine zu stellen, scheiterte. Walter Ballhause starb am 8. Juli 1991.

Dennoch hat er seine Geburtsstadt Hameln nach dem Krieg noch mehrmals besucht. Im Jahr 1957, nach dem Besuch einer internationalen Gießerei-Messe in Düsseldorf; und in den Jahren 1986 und 1987. Fotos, die er während dieser Aufenthalte machte, haben inzwischen einen historischen Wert. Und im Zusammenhang mit Hameln bzw. der Umgebung der Stadt lohnt es sich zudem, den „malerischen“ Fotografen zu würdigen. Ein solcher war er nämlich in den 30er Jahren auch. Und man stößt bei diesen Fotos auf ein Bild, das drei Personen auf einer Ithklippe zeigt: Ein Motiv, das in Abgründe und gleichzeitig aufwärts in eine unbestimmte, „himmlische“ Ferne blicken lässt – ein romantisches Bild, das fasst zwangsläufig an den Maler Caspar David Friedrich denken lässt.

Derzeit liegt der Stadt Hameln der Antrag des Autors vor, eine Straße in Hameln nach Walter Ballhause zu benennen. Hannover hat es vorgemacht: Seit 2003 gibt es in der Landeshauptstadt eine Walter-Ballhause-Straße.

Abends auf

einer Ith- klippe (1930),

auch ein Foto

von Walter

Ballhause.

Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Kommentare