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Nachhaltig leben – aber mit Kompromissen

München, Berlin und jetzt Hilligsfeld – vor fünf Jahren kehrten die Weidners der Großstadt den Rücken. Das große alte Haus und die naturnahe, ruhige Umgebung waren für die Familie zwei gute Gründe, um in die kleine Ortschaft zu ziehen. Die Hamel fließt durch das idyllisch-beschauliche Dorf, und zu den knapp über 1000 Menschen, die in Hilligsfeld zu Hause sind, zählen auch Jennifer und Christian Weidner mit den sieben und zehn Jahre alten Söhnen Nicolas und Laurin. Die Familie bewohnt ein 100 Jahre altes Haus. Ein Resthof mit Wohnraum satt und sattem Grün drumherum.

Eine Solaranlage auf dem Dach sorgt von Mai bis September für Wa

Von Alda Maria Grüter

München, Berlin und jetzt Hilligsfeld – vor fünf Jahren kehrten die Weidners der Großstadt den Rücken. Das große alte Haus und die naturnahe, ruhige Umgebung waren für die Familie zwei gute Gründe, um in die kleine Ortschaft zu ziehen. Die Hamel fließt durch das idyllisch-beschauliche Dorf, und zu den knapp über 1000 Menschen, die in Hilligsfeld zu Hause sind, zählen auch Jennifer und Christian Weidner mit den sieben und zehn Jahre alten Söhnen Nicolas und Laurin. Die Familie bewohnt ein 100 Jahre altes Haus. Ein Resthof mit Wohnraum satt und sattem Grün drumherum. An der Haus-Außenwand hängt ein „Insektenhotel“, in dem wildlebende Bienen und andere nützliche Flügeltierchen Unterschlupf finden.

Im Naturgarten sind ein Teich, Gemüsebeete, Hühner- und Kaninchenstall und Bäume. Obstbäume, die gut tragen, aber auch uralte Kirsch- und Birnbäume, die schon lange nichts Essbares abwerfen. Deren Stamm aber Käfern einen Lebensraum bietet, und an dessen knorrigem Holz sich der Specht nach Herzenslust ausklopfen darf. Zum Shoppen geht´s zum Bauern von nebenan. Da gibt es Kartoffeln und Zwiebeln zu kaufen, andere Lebensmittel aus der Region erhält man im Hofladen des Nachbarortes. Eier liefern die eigenen Hühner. Küchenabfälle landen nicht im Müll, sondern werden an die Haustiere verfüttert. Allein das hört sich doch schon sehr nach der grünen Seite des Lebens an, oder? „Nachhaltig zu leben, ist auf dem Land in der Tat viel einfacher als in der Großstadt“, bestätigt Jennifer Weidner. „Wir bemühen uns jedenfalls…“, räumt jedoch ihr Ehemann Christian ein. Man müsse oft auch einen alternativen Weg suchen zwischen dem absoluten Anspruch, „total umwelt- und naturbewusst zu leben und den normalen Alltagsforderungen“: „Selbstverständlich fahre ich so oft es geht mit dem Fahrrad“, führt Christian Weidner das Beispiel der Fortbewegung an. Doch wenn es schnellstmöglich von A nach B gehen müsse, setze er sich selbstverständlich ans Steuer seines PKW.

Das ist für den Arzt dann der Fall, wenn er sein Auto Richtung Arbeitsplatz in Bad Münder lenkt. Dass er mit jedem der 26 gefahrenen Kilometer zur allgemeinen Erhöhung der CO2-Konzentration beiträgt, das täte schon weh: „Aber es gibt Situationen, in denen sich nun mal das Effizienz-Prinzip durchsetzt.“ Um dem Schneller-Höher-Weiter-Prinzip gerecht zu werden, müsse man sich dem modernen Lebensstil unterwerfen.

An der Haus-Außenwand hängt ein „Insektenhotel“, das
  • An der Haus-Außenwand hängt ein „Insektenhotel“, das Jennifer Weidner auf Bewohner untersucht.

Keine Frage, dass das Leben in seiner Vielfalt langfristig erhalten bleibt, ist den Weidners wichtig – und dazu leisten sie auch ihren Beitrag, bekräftigen sie. Beide engagieren sich in Sachen Natur- und Umweltschutz: Christian Weidner als stellvertretender Vorsitzender der BUND-Gruppe Hameln-Pyrmont. Jennifer Weidner ist (ohne Parteimitglied zu sein) Geschäftsführerin für die Grünen im Kreistag und Befürworterin der Gründung einer Klimaschutzagentur, setzt sich außerdem „für die Einführung einer Gesamtschule in Hameln ein, um allen Schülern gleiche Bildungschancen zu bieten“.

Als „Weltuntergangs-Fanatiker“ oder „reinrassige Müsli-Ökos“ – die es ohnehin gar nicht gebe – sehen sie sich aber nicht. Vielmehr werde ihr Denken und Handeln davon bestimmt, den Alltag rücksichtsvoll, verantwortungsbewusst und vorausschauend zu gestalten. An Möglichkeiten, die Erfüllung der eigenen Bedürfnisse auch morgen noch verantworten zu können, mangele es nicht: „Wir kaufen viele Saison-Produkte aus der Region und aus fairem Handel, Kleidung vom Bioversand. Fleisch aus der Massentierhaltung kommt bei uns nicht auf den Teller, nur Fleisch aus der heimischen Metzgerei mit eigener Schlachtung. Mehrweg- statt Einwegverpackungen und Baumwoll-Einkaufstasche statt Plastiktüte.“ Bei Ware aus dem Supermarkt werde auf die Inhaltsstoffe besonders geachtet. Schließlich wolle man ja mit gutem Gewissen konsumieren. „Wir vermeiden außerdem unnötige Energieverschwendung, duschen anstatt zu baden, heizen sparsam, gehen sorgsam mit dem Stromverbrauch um“, zählt Jennifer Weidner weiter auf. Der „Money-Saver“, eine Steckdosenleiste, die mit einem Knopfdruck alle stromfressenden Geräte abschaltet, sei selbstverständlich in einem nachhaltig organisierten Haushalt. Denn auch Stand-by und andere Leerlaufverluste setzen Kohlendioxid frei. Außerdem würden die Geräte geschont, deren Lebensdauer erhöht und damit die Müllproduktion reduziert.

„Überhaupt“, sagt Christian Weidner, „wir werfen nicht gleich alles weg, was kaputt oder nicht mehr up to date ist, sondern reparieren es.“ Altes und Gutes, aus der Natur oder vom Menschen geschaffen, zu bewahren – sei ihnen ein großes Anliegen. Giftige Materialien seien beispielsweise keine verbaut in dem erhaltenswerten alten Wohnhaus der Weidners. Und der Naturgarten komme auch ohne chemische Mittel aus. Gleichwohl: Was man auch an Sanierungsarbeiten nachträglich durchführt, einen 100 Jahre alten Resthof könne man nicht auf den Niedrigenergiestandard eines modernen Hauses bringen. Das Thema Heizen sei in der Familie ohnehin „eine schmerzliche Angelegenheit“: „Im Winter wurden wieder die Öltanks aufgefüllt…“, sagt Christian Weidner, hängt aber gleich zwei Fragen hinterher: „Ist Gas – auch ein endlicher Rohstoff – denn besser? Und, wenn man an den vermehrten Anbau von Raps und Mais denkt – wie nachhaltig ist Biogas wirklich?“

Der Gegensatz zum Heizen mit Öl: In zwei Räumen steht ein Holzofen, auf dem Dach eine Solaranlage, und mit dem Warmwassertank seien sie immerhin von Mai bis September unabhängig. „Wir ziehen außerdem in Erwägung, auf dem Scheunendach eine Photovoltaik-Anlage anzubringen“, sagt Jennifer Weidner. Was niemals ins Haus kommt: Strom aus Atomkraft. „Wir beziehen schon seit vielen Jahren Ökostrom.“

Und wie sieht es mit dem Urlaub aus? „Wenn wir fliegen“, sagt Christian Weidner, „haben wir ein richtig schlechtes Gewissen.“ Auch hierfür muss wieder ein ökologisch korrektes Arrangements her: Die Familie campt auch mal in der freien Natur. „Wir halten die Idee der Nachhaltigkeit für ein sehr wichtiges weltanschauliches Prinzip, aber wir können nicht immer unserem Ideal gerecht werden.“ Das Leben – auch das nachhaltige – ist eben (auch nur) ein Leben voller Kompromisse…

„Nachhaltig leben“ – damit wird ein Lebensstil bezeichnet, der nur von den Zinsen des Naturkapitals lebt. Doch inwieweit lässt er sich (konsequent) im Alltag anwenden? Ein Besuch bei einer Familie, die es ernst nimmt mit der Nachhaltigkeit – und der es doch nicht gelingt, jeden Wunsch auch Wirklichkeit werden zu lassen.

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