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Zwangsarbeit im Steinbruch Steinbergen / Offizielles Gedenken an die Opfer stößt bis in die neunziger Jahre auf Ablehnung

Nach Prügeln unter Geröllhalden verscharrt

In den letzten beiden Kriegsjahren des Zweiten Weltkrieges wurde der Steinbruch vom August 1943 bis zum März 1945 als NS-Straflager benutzt. Dutzende Häftlinge, zumeist Zwangsarbeiter aus Osteuropa, fanden dort innerhalb weniger Monate durch Misshandlung den Tod.

Aufsichtsbaracke im Steinbruch Steinbergen in den 1930er Jahren.

Autor:

Klaus Maiwaldund Ingmar Everding

Der Steinbruch wurde 1923 gegründet und in den 1930er Jahren durch den Privatunternehmer Walter Schmidt erworben, der den Betrieb zu einem der führenden Produzenten für Straßen- und Gleisbaumaterial in Norddeutschland aufbaute. 1939, bei Kriegsausbruch, wurden wechselschichtig etwa 240 zivile deutsche Arbeitskräfte beschäftigt. Doch als der Krieg in vollem Gang war, wurden immer mehr Stammarbeiter einberufen, sodass 1943 lediglich 40 Arbeiter übrig blieben. Da weniger Arbeiter zur Verfügung standen, musste die Kapazität gesenkt werden. Durch die Bombardierungen wurde das Verkehrsnetz zusehends beschädigt und die Nachfrage nach Gleisschotter stieg. Daher wurde der Betrieb als kriegswichtig eingestuft. Um die Aufträge zu erfüllen, wollte man sich Arbeiter aus dem verbündeten Italien holen. Eigens hierfür wurde ein Befehlslager auf der nahen Arensburg eingerichtet. Die Arbeiter wurden auch bewilligt, doch durch den Sturz Mussolinis wurde der Plan zunichtegemacht.

Gestapo vereitelt Fluchtversuche

Als der Steinbruchbesitzer im Juli 1943 einen Großauftrag über 100 Tonnen täglich für den Bau eines großen Kraftwerkes im 25 Kilometer entfernten Lahde an der Weser erhielt, wendete er sich notgedrungen an die Geheime Staatspolizei (Gestapo) in Hannover. Diese versorgte die Großbaustelle des besagten Kraftwerks mit rund 800 Zwangsarbeitern eines von ihr in unmittelbarer Nähe angelegten Lagers.

Der Steinbruchbesitzer versicherte in einem Vertrag, die Gesteinsmenge zu liefern. Im Gegenzug erhielt er 50 Häftlinge, die aus Lahde abkommandiert wurden. Die neue Bezeichnung für das neue Lager lautete im Nazi-Deutsch „Außenkommando des Arbeitserziehungslagers Lahde“. (Mit dem Lager in Lahde beschäftigt sich ein eigenes Kapitel der Serie NS-Opfer in Schaumburg)

Dass die extremen Arbeitsbedingungen nur zu oft den Tod der Gefangenen bedeutete, zeigt der folgende Blick auf die Situation im Steinbruch Steinbergen:

Für die Sicherheit war die Gestapo zuständig. Eigens hierfür wurden vier Wachleute abgestellt, die die Fluchtversuche vereiteln sollten. Die Aufgabe der meisten Arbeiter bestand im Grobzerkleinern des abgesprengten Gesteins. Dies wurde mittels eines 8 Kilogramm schweren Hammers verrichtet. Anschließend musste das zerkleinerte Gestein in die Loren geworfen werden. Die Arbeitszeiten lagen bei 66 Stunden pro Woche, aber es wurde keine Rücksicht auf das Alter genommen. So musste ein 15-Jähriger genauso hart und lange arbeiten wie ein 30-Jähriger. Daher ist es nicht verwunderlich, dass die meisten Arbeiter überfordert waren. Dies sah auch der Steinbruchbesitzer und forderte, die Arbeitszeiten von 66 auf 54 Stunden zu senken, was auch bewilligt wurde. Nun musste man annehmen, dass es den Arbeitern nicht so schwerfallen würde, da die normale Belegschaft auch eine wöchentliche Arbeitszeit von 54 Stunden hatte. Doch die hatten auch genug zu essen und vernünftige Kleidung, wobei den Häftlingen Sachen gegeben wurden, die ihnen vielleicht gar nicht passten. Schuhe gab es sowieso nicht. Die Verpflegungsrationen der Zwangsarbeiter aus Osteuropa waren wesentlich geringer als die der Häftlinge aus westlichen Ländern, wie z.B. der Niederlande. Die Rationen reichten bei weitem nicht aus, und deshalb ließ der Steinbruchbesitzer Kartoffeln und Gemüse auf dem Gelände anbauen. Doch die Zusatzrationen scheinen auch nicht ausgereicht zu haben.

Im Verlauf des Jahres 1944 wurde die Energieversorgung immer schwieriger, sodass die Häftlinge die eineinhalb Tonnen schweren Loren per Hand zu den Verladestationen schieben mussten. Da die Kleidung nicht ausreichte, halbwegs gesund zu bleiben, litten die meisten Häftlinge unter Infektionen und Lungenerkrankungen. Besonders schlimm war es im Winter 1943/44, als eine Typhusepidemie die Häftlinge heimsuchte. Um die Epidemie loszuwerden, wurde der Betrieb im Steinbruch für sechs Wochen geschlossen. In diesem Zeitraum kamen sie nach Lahde zurück. Da dort keine Desinfektion vorgenommen wurde, gab es auch noch später Typhusfälle, zu einer weiteren Schließung kam es jedoch nicht mehr.

Nach „Guten Tag“ totgeprügelt

Einige Häftlinge versuchten in ihrer Verzweiflung die Flucht. Doch der Großteil wurde gestellt und an Ort und Stelle erschossen. Andere, die vor Erschöpfung zusammenbrachen, wurden wegen „Widersetzlichkeit“ ebenfalls getötet.

Die Wärter waren brutal, wie ein ausgesuchtes Beispiel verdeutlicht: Ein Mann erkannte einen alten Bekannten in der Strafkolonie und wünschte ihm einen guten Tag. Deshalb wurde er von einem Wachposten mit einem Knüppel zusammengeschlagen. Am nächsten Tag traf der Mann seinen Freund wieder und der Häftling bat ihn, ihm Socken mitzubringen, denn es war Winter und er war ohne Socken. Dies wiederum sah ein Wärter und schlug den Häftling erbarmungslos mit seinem Gewehrkolben nieder und warnte den Passanten, dass er selbst ins Lager käme, wenn er die Socken bringen würde. Dazu kam es dann auch nicht mehr, weil der Häftling nicht mehr in der Kolonne war. Er erlag seinen Verletzungen einige Tage später in der Krankenbaracke im Alter von 51 Jahren.

Trotz der unmenschlichen Härte achtete die Gestapo akribisch auf die Abrechnung der Arbeitslöhne. Besonders absurd wirkt es, dass sogar auf die ordnungsgemäße Unfall- und Sozialversicherung geachtet wurde. Doch an den Erschießungen änderte dies nichts. Auch die Todesopfer, nämlich 37, wurden aufgezeichnet. Die Listen wurden durch einen Zufall erhalten. Demnach stammen 17 von ihnen aus Polen, 15 aus Russland und Weißrussland, zwei aus den Niederlanden und jeweils einer aus der Ukraine, Serbien und der Tschechoslowakei. Das durchschnittliche Alter der Getöteten lag bei 26 Jahren; der jüngste war kaum 15 Jahre alt. Wie viele an den Erkrankungen des Strafaufenthaltes starben, kann man nicht sagen, denn die Listen mit den Toten wurden kurz vor Kriegsende fast vollständig vernichtet.

Als im Frühjahr 1945 die amerikanischen Truppen immer weiter nach Deutschland vorstießen, lautete der Befehl Heinrich Himmlers, die gesamten KZ-Insassen zu töten. Doch dies wurde in Steinbergen nicht durchgeführt. Stattdessen wurden alle Häftlinge aus Lahde in einen Marsch Richtung Osten geschickt, bis sie schließlich in Hannover von den Befreiern eingeholt wurden, doch für viele kam dies bereits zu spät. Die Bilanz des Todesmarsches weist noch einmal 200 Tote auf, die auf einem kleinen Friedhof am Nordufer des Maschsees in Hannover begraben sind.

Schläger bleiben unbehelligt

Man hätte annehmen müssen, dass die Kriegsverbrecher nach Kriegsende in voller Härte bestraft worden wären. Dies war aber nicht so. Lediglich der Steinbruchbesitzer und ein Vorarbeiter, dem das Prügeln eines Häftlings nachgewiesen werden konnte, bekamen eine Haftstrafe von 15 Jahren. Später setzte man bei beiden das Urteil auf acht und dann auf fünf Jahre herunter. Es folgte eine vorzeitige Entlassung wegen guter Führung. In einem späteren „Entnazifizierungsverfahren“ wurde der Unternehmer als „entlastet“ eingestuft. Unbehelligt blieben die brutalen Schläger der Wachmannschaften, die sich aus Angehörigen der deutschen Minderheiten in Rumänien und Ungarn zusammengesetzt hatten, denn sie konnten nach Kriegsende in ihren Heimatländern untertauchen.

1953 erhielten 35 Zwangsarbeiter, die im Steinbruch Steinbergen unter schlimmsten Bedingungen zu Tode gekommen waren und dort unter Geröllhalden verscharrt wurden, auf dem Friedhof der evangelisch-reformierten Kirche Bückeburg eine friedliche letzte Ruhestätte. Ein Stein, auf dem ihre Namen eingraviert waren, wurde über der Grabstätte errichtet. Der jüngste von ihnen, Wassili Grebenink, war erst 15 Jahre alt.

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