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„Muss ich denn immer perfekt sein?“

Der Stress auf der Arbeit machte ihn mit der Zeit mürbe, der Ärger daheim reizbar. Irgendwann konnte er nachts nicht mehr schlafen. Er ging schlecht gelaunt ins Büro. Dort wurde der Druck immer größer, häuften sich Konflikte mit Vorgesetzten. Gefrustet fuhr der leitende Polizeibeamte Edmund D. (Name geändert) nach Hause. Doch auch im trauten Heim gab es „immer wieder Theater“ – vor allem mit den pubertierenden Kindern seiner Lebensgefährtin.

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Von Ulrich Behmann

Der Stress auf der Arbeit machte ihn mit der Zeit mürbe, der Ärger daheim reizbar. Irgendwann konnte er nachts nicht mehr schlafen. Er ging schlecht gelaunt ins Büro. Dort wurde der Druck immer größer, häuften sich Konflikte mit Vorgesetzten. Gefrustet fuhr der leitende Polizeibeamte Edmund D. (Name geändert) nach Hause. Doch auch im trauten Heim gab es „immer wieder Theater“ – vor allem mit den pubertierenden Kindern seiner Lebensgefährtin. Der 48-Jährige hatte das Gefühl, sie würden ihn nicht respektieren. Streit war programmiert. „Es war ein Teufelskreis, aus dem ich nicht herauskam“, erzählt der Beamte. Hunger habe er zuletzt auch keinen mehr gehabt. Antriebslos sei er gewesen. Edmund D. sitzt auf einem Stuhl im Zimmer des Psychiaters Dr. Reinhard Thiel und redet sich von der Seele, was ihn belastet. Seit fast fünf Wochen ist der Polizist Patient in der Psychosomatischen Klinik an der Bombergallee in Bad Pyrmont, die zur Allgemeinen Hospitalgesellschaft (AHG) gehört und ein akademisches Lehrkrankenhaus der Medizinischen Hochschule in Hannover ist. Am Mittwoch wird er entlassen. „Ich habe mich hier wohlgefühlt und viel gelernt“, sagt der Beamte. Sein Leben will er ändern, seinen Hang zum Perfektionismus ablegen. „Ich weiß jetzt, was ich falsch gemacht habe“, sagt der Polizist. Er habe immer einen „recht hohen Anspruch“ an sich selbst und an seine Mitarbeiter gehabt. Bei Einzelgesprächen mit Dr. Thiel, dem Leitenden Abteilungsarzt für Psychosomatik und in der Gruppe mit Menschen, die wie er ausgebrannt und fertig waren, kam ihm die Erkenntnis: „Es sind nicht alle so wie ich. Ich muss Rücksicht nehmen auf diejenigen, die nicht können oder wollen.“

Edmund D. kann heute in Worte fassen, was ihn krank gemacht hat. Er sei vor den Problemen daheim weggelaufen und habe sich in die Arbeit gestürzt. Ein Zehn-Stunden-Tag, das war für den leitenden Beamten die Regel. Erst als er sich von seinen Chefs ungerecht behandelt fühlte, immer mehr Aufgaben zugewiesen bekam und seine Entscheidungen plötzlich hinterfragt und sogar angezweifelt wurden, ging es ihm schlecht. „Das hat mich total nach unten gezogen. Ich hatte zu gar nichts mehr Lust“, sagt er.

Edmund D. erkannte, dass etwas mit ihm nicht stimmte. Er vertraute sich dem Polizeiarzt an. Der überwies ihn an Experten. Die Reha in Bad Pyrmont nennt Edmund D. unbewusst eine Kur. Der Aufenthalt in der renommierten Klinik, die von Professor Dr. Rolf Meermann geleitet wird, habe ihm „privat viel gebracht“. Wie das in seiner Dienststelle gesehen werde, könne er noch nicht beurteilen. Der Polizist befürchtet, dass man ihn dort „nicht mehr für stressfest“ hält, weil er die Hilfe von „Seelenklempnern“ in Anspruch nehmen musste, wie er sagt.

Einzelgespräch in der Psychosomatischen Klinik Bad Pyrmont: Dr.
  • Einzelgespräch in der Psychosomatischen Klinik Bad Pyrmont: Dr. Reinhard Thiel, Leitender Abteilungsarzt für Psychosomatik, spricht mit einem Patienten. Der Spezialist für Angst- und Belastungsstörungen sagt: „Selbsterkenntnis ist der erste Schritt zur Besserung.“ Foto: ein

Künftig will Edmund D. „nicht mehr so viele Überstunden machen“. Er hat sich vorgenommen, viel Zeit mit der Familie zu verbringen. „Ich muss an der Beziehung arbeiten, denn ich habe eingesehen, dass ich den Rückhalt der Familie brauche“, sagt der 48-Jährige.

In Gruppensitzungen hat der Polizist erfahren, dass es auch anderen Menschen so ergangen ist wie ihm. „Da waren Kollegen und auch Soldaten von der Bundeswehr. Die hatten dasselbe wie ich erlebt.“ Das habe ihm geholfen, mit der Situation klarzukommen.

„Selbsterkenntnis ist der erste Schritt zur Besserung“, sagt Therapeut Dr. Reinhard Thiel, der sich auf die Arbeit mit Polizisten, Feuerwehrleuten und Soldaten spezialisiert hat. Der Patient müsse sich fragen dürfen: „Muss ich denn immer perfekt sein? Darf ich nicht auch mal Fehler machen?“ Allerdings, so der Facharzt für psychosomatische Medizin und Psychotherapie, nütze die beste Behandlung nichts, wenn der Kranke nicht bereit sei, sich selbst zu reflektieren.

Die Psychosomatische Klinik in Bad Pyrmont ist weit über die Grenzen der Stadt bekannt, und ihr Ärztlicher Direktor Prof. Dr. Rolf Meermann – Facharzt für psychosomatische Medizin, Neurologe und Diplom-Psychologe – zählt nach Angaben von Fachleuten weltweit zu den besten Spezialisten auf dem Gebiet der posttraumatischen Belastungsstörungen. Der Ruf der Reha-Klinik ist exzellent, die Arbeit der Therapeuten anerkannt. Als der Rotary Club Bad Pyrmont vor einigen Wochen das Bundespolizeiorchester Hannover bat, kostenlos für Menschen in Not zu spielen, äußerte Orchesterchef Matthias Höfert einen außergewöhnlichen Wunsch: „Wir würden sehr gern zu Ehren der Kollegen, die in Bad Pyrmont behandelt werden, spielen.“ Der Serviceclub stimmte zu, bat Prof. Meermann, die Schirmherrschaft zu übernehmen.

Die Klinik in Bad Pyrmont hilft seit vielen Jahren Soldaten, die Kriegs- und Kriseneinsätze erlebt und überlebt, die verstümmelte Leichen und Gefolterte gesehen und am eigenen Leib erfahren haben, wie zerstörerisch Todesnähe, Gefahr, Beschuss, Einsamkeit, Heimweh und der Verzicht von Intimsphäre auf den Menschen wirken. Einige sind aus dem psychischen Gleichgewicht gekommen. Im Jahr 2001 hatte die Bundeswehr noch keine eigenen Fachleute für diese Symptomatik. Deshalb vereinbarte das Bundesverteidigungsministerium seinerzeit eine zivil-militärische Zusammenarbeit. Die Militärärzte wussten: Die Pyrmonter Experten hatten schon britische Falkland-Veteranen behandelt. Seit nunmehr 23 Jahren beschäftigen sie sich mit Traumatisierten.

Mit einem Polizisten oder Soldaten, der an einer posttraumatischen Belastungsstörung leidet und in Bad Pyrmont behandelt wird, dürfen wir nicht sprechen. Dr. Thiel und der auf Traumatisierung spezialisierte Leitende Psychologe Eberhard Okon wollen das nicht. Selbst ein Fallbeispiel möchten die erfahrenen Therapeuten mit Hinweis auf ihre ärztliche Schweigepflicht nicht nennen. Sie stellen sich schützend vor die Kranken. Ohnehin könne ein Patient, der an einer Belastungsstörung leidet, nicht erklären, was ihm widerfahren ist. „Das ist wie bei einem Kurzschluss auf einer Computerfestplatte“, erklärt Diplom-Psychologe Okon. „Die Erinnerungen sind da, aber sie können nicht in der richtigen Reihenfolge abgerufen werden.“ Würde ein Kriegstraumatisierter nach dem Warum gefragt, werde er auf unterschiedliche Weise reagieren, aber keine Worte finden. „So ein Patient fängt an zu schwitzen, er beginnt zu zittern oder er weint“, berichtet Dr. Thiel.

In Bad Pyrmont wurden auch schon Polizeibeamte, die einen Menschen erschossen oder Feuerwehrleute, die das Grauen von Eschede erlebt haben, therapiert. „Aber nicht jeder, der etwas Schreckliches erlebt hat, wird automatisch eine posttraumatische Belastungsstörung entwickeln. Das ist allerdings bei maximal 50 Prozent der Betroffenen so“, weiß Okon. Zu den schlimmsten Ereignissen, die Menschen aus der Bahn werfen, zählten Kriegserlebnisse. In der Psychosomatischen Klinik wurde einmal ein Kampftaucher therapiert, der in einem Kriegsgebiet nach Minen gesucht und dabei verweste Leichen gefunden hatte. Diese Erlebnisse hatte er nicht verkraftet. Er brauchte dringend Hilfe.

1600 Patienten – darunter Essgestörte und Depressive – werden pro Jahr in der Spezialklinik behandelt. Etwa zehn Prozent der Frauen und Männer sind Soldaten oder Polizisten wie Edmund D., der sagt: „Ich fahre mit einem guten Gefühl nach Hause, denn ich weiß: In Bad Pyrmont wurde mir geholfen.“

Gruppengespräch: Eine psychologische Psychotherapeutin der Pyrmonter Klinik spricht mit Patienten über deren Probleme. Die Farben Gelb und Rot sind vorherrschend. Sie strahlen Wärme aus, sollen entspannend wirken.

Foto: ahg

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