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Sie sind dann mal da: Kathrinhagens Küsterin erzählt über die zweijährigen Erfahrungen mit Pilgern

"Müssen die Türen und Herzen offen halten"

Kathrinhagen. Am Anfang des 300 Kilometer langen Pilgerweges Loccum-Volkenroda stand ein Buch: " Zwischen Loccum und Volkenroda". Jens Gundlach hat es geschrieben - und er hat diesen Weg auf den Spuren der Vorfahren für Menschen von heute ins Leben gerufen.

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Autor:

Stefanie Schulte

Als am 6. April 2005 der Pilgerweg von der Landesbischöfin Margot Käßmann eröffnet wurde, wussten wir in Kathrinhagen als kleine Gemeinde noch nicht, was - und vor allem wer - auf uns zukommt. Von unserer Pastorin Dr. Heike Köhler wurde ich beauftragt, mich um die Pilger zu kümmern, denn uns wurde bewusst, dass damit ein gewisser Arbeitsaufwand verbunden ist, den man auf mehrere Schultern verteilen muss. Nach einem ersten Treffen mit Andreas Litzke, der von der Landeskirche als Koordinator des Weges berufen wurde, bekam meine neue Aufgabe einen soliden Rückhalt: Es war sein großartiges Engagement. Um eine Herberge oder Schlafmöglichkeiten zu bieten, für Menschen die "unterwegs" sind, bedarf es mehr, als nur Türen aufzuschließen. Der Bereitschaft, sich auf wildfremde Menschen einzulassen, gehen Fragen voraus: Was sind das eigentlich für Leute, die sich auf diesen Weg machen? Ist es einfach nur ein Trend, nachdem einvolksnaher Spaßmacher sich ebenfalls auf einen Pilgerweg wagte und einen Bestseller darüber schrieb? Sind es Wanderer im Glauben auf der Suche nach Gott? Geht bei jedem die menschliche Sehnsucht nach Erkenntnis oder Erfüllung oder sogar Heilung mit? Welche Geschichten tragen diese Menschen mit sich, wie schwer wiegt ihre Last? Nicht nur das Gepäck auf dem Rücken, das keine zehn bis zwölf Kilo überschreiten sollte, sondern das Innenleben jedes Einzelnen wird schrittweise auf allen Etappen bewegt und mitgenommen. Plötzlich kamen Anrufe und Nachfragen von Menschen aus Bremen, Hamburg und natürlich auch aus der näheren Umgebung. Schon manches Mal fand sich spontan ein Pilger oder ein Pilgerpaar bei uns ein. Es kann dann vorkommen, dass sie per Handy versuchen, mich zu erreichen. Meistens klappt es auch, dassich sie vor dem Gemeindehaus in Empfang nehmen kann. Was aber, wenn niemand zu erreichen ist? Hier ist dann "Gemeinde" gefragt, denn Pilger sind auf der Durchreise - und es gibt nichts schlimmeres, als abweisend empfangen zu werden. Bei Voranmeldungen haben wir genügend Zeit, den schönen, neuen Pilger-Raum im Gemeindehaus herzurichten. Nicht immer aber schätzen Pilger den Weg richtig ein, und sie kommen dann sozusagen auf gut Glück hierher, obwohl sie eigentlich noch bis Hess. Oldendorf wollten. Von Loccum aus beginnt der Pilgerweg auf bequemer ebener Strecke bis Stadthagen. Danach verlässt der Weg die norddeutsche Tiefebene und überquert die Bückeberge - und gerade dieses bergige Teilstück wird oft unterschätzt. Im Sommer 2005 erhielt ich einen Anruf von einem Pilger, der vor unserer verschlossenen Kirche stand. Ich stutzte, da es schon Abend wurde, und sicher wollte der Fremde nicht weitergehen. Was nun? Mein Mann fuhr zur Kirche, um den Wanderer einzuladen. Der Tisch bei uns zu Hause war schnell gedeckt und bald saßen wir bei Brot, Käse und Wein und hörten den Lebensgeschichten eines sichtlich erschöpften Mannes zu, tauschten uns aus und sprachen im wahrsten Sinne über "Gott und die Welt". Mir wurde zu diesem Zeitpunkt klar, dass Begegnungen dieser Art etwas auslösen, was beflügelnd und bereichernd wirkt. Schließlich war ich selbst einmal eine Reisende, die von der Gastfreundschaft in der Fremde profitierte. Und ehrlich gesagt, hatte ich in jungen Jahren unterwegs immer den Wunsch, diese selbstlose Gastfreundschaft eines Tages zurückzuschenken. Man geht auf "Tuchfühlung" mit unbekannten Menschen. Ob sie reden möchten oder einfach nur schlafen und sich ausruhen wollen, stellt sich schnell heraus. Einfach mal nachfragen und vielleicht noch ein paar Tips geben, wo es etwa sonntags frische Brötchen gibt oder vielleicht eine Wander-Alternative zum vorgegebenem Pilger-Weg, dies dürfte uns als "Einheimische" ja nicht schwer fallen. Viele sind dankbar für interessante Hinweise und ein damit verbundenes Gefühl des Willkommenseins in unserer Gemeinde. Es gibt beispielsweise wundervolle Wege abseits des Pilgerweges - und alle führen doch zum Ziel. Entscheidend ist, dass wir Türen und auch Herzen offen halten und miteinander ins Gespräch kommen. Ich staunte nicht schlecht, als neulich eine Familie mit vier Kindern, das Jüngste im Krabbelalter, telefonisch nach Übernachtungsmöglichkeiten fragte. Sicher, uns steht auch noch ein zweiter Raum, der zur Zeit nicht genutzt wird, zur Verfügung. Sogar an doppelten Luftmatratzen fehlt es uns nicht. Dankbar und herzlich wurde unser Quartier gebucht. Die Familie hatte vor, die ganze Strecke zu laufen, alles war durchgeplant. MancheÜbernachtungsanfrage allerdings hatten sie aus Kostengründen abgelehnt: Zu teuer als Familie mit sechs Personen. Bei uns kostet die Übernachtung nichts. 15 Pilger haben in diesen Jahr bei unsübernachtet, zusätzlich waren es noch gut zehn Pilger, die nur den Pilgerstempel abholen wollten und weiter gingen. Bewundernswert finde ich einige Frauen, Pilgerinnen, die sich allein oder mit Hund auf den Weg machen, gut gerüstet mit Wanderstab und Pfefferspray. Eine Frau sagte neulich: "Was soll mir schon passieren? Ich habe ein Handy, bin gut zu Fuß, und wenn ich singe oder bete, dann vergeht die Angst." Der Marathonläufer Wim Luijpers sagt es so: "Was nicht zum Einsatz kommt, verkümmert mit der Zeit!" Vielleicht könnten wir in diesem Sinne nicht nur "das Gehen" begreifen, sondern auch das Ankommen und die Gastfreundschaft.

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