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Doppelter Hinter-den-Kulissen-Effekt / Spiel hinter geschlossenem Vorhang

Mozarts "Die Zauberflöte" als mundgeruchsnahe Kammeroper

Bückeburg (bus). Um die zwei Aufführungen von Wolfgang Amadeus Mozarts Oper "Die Zauberflöte" im großen Saal des Bückeburger Rathauses hatte es im Vorfeld einige Aufgeregtheiten gegeben. Von Dirk Schmeding (Inszenierung) und Fabio Vettraino (musikalische Leitung) war "eine große Überraschung" lanciert, von Kulturvereinsgeschäftsführerin Johanna Harmening ein flugs im "Ausverkauft" angelangter, hochrasanter Kartenabsatz bekannt gemacht worden. Doch als sich der Öffentlichkeit am Sonnabend und am Sonntag die Saaltüren öffneten, erblickte sie nichts als einen in der Mitte des schmuck herausgeputzten Musentempels drapierten roten Stuhl. "Parbleu! 20 Euro teures Eintrittsgeld zum Fenster hinausgeworfen", wird manch einer im ersten Moment gedacht haben.

Pamina (Julia Fritsch) spielt die Zauberflöte. Foto: bus

Mozarts bekanntestes und meistgespieltes Bühnenstück wird in Kennerkreisen häufig auch als sein inkommensurabelstes beschrieben. Was "nicht messbar" heißt und "unerfüllbar" meint. Oder auch: Moak watt du wutt, de Lüe schnackt doch. Die "Zauberflöte" kommt für gewöhnlich mal mit ägyptologischem Dekor und mal als orientalisches Götterritual daher; mal dominiert Freimaurerisches und Bildsymbolik, ein anderes Mal klassizistische Architektur oder eine niedlich bunte Disneywelt. Die Handlung ist gleichermaßen schlicht wie megaknifflig. Es geht einerseits in märchenhafter Form um den Kampf zwischen Gut und Böse, um das Gerangel zwischen Liebe und Tod. Auf der anderen Seite hat der Großmeister der filigranen Tonsetzung sein Spätwerk mit Deutungschancen, Finessen und Fallstricken gespickt, dass esInterpretationsversuche sonder Zahl hagelte. Geläufige Kritiken pflegen etwa folgendermaßen anzuheben: "Wenn die Königin der Nacht, ihre drei Damen und ihr Mitverschworener Monostatos in die ewige Dunkelheit hinabgeschleudert sind und das finstere c-Moll der Strafgerichtsszene sich zum strahlenden Es-Dur des Finales erhellt ..." Lassen wir die Flöte im Dorf und beschränken uns auf die Bückeburger Inszenierung. Erst nachdem das Publikum die Tiefe des Raumes durchmessen hatte, wurde es der eigentlichen Spielstätte gewahr. Die Bühne war auf dem Schnürboden angerichtet worden. Die jeweils 125 Besucher saßen, Vettraino am Konzertflügel mittenmang, in etwa dort, wo die Regie ansonsten die Göttinger Symphoniker oder die Bückeburger Jäger placiert - allerdings mit dem Rücken zum Vorhang. Und erst als dieser sich schloss, ging es los. Vorhang zu zur Zauberflöte! Wohl selten zuvor hat ein Auditorium die "Zauberflöte" dermaßen hautnah erlebt. Mundgeruchsnah sozusagen. Folgt man dem Sinn des Wortes: eine astreine Kammeroper. Zu Beginn erlebte die Zuhörerschaft den Hinter-den-Kulissen-Effekt gleich in doppelter Hinsicht. Schmeding stellte der Ouvertüre eine Auftaktszene voran, in der die kaum eine Armeslänge entfernt agierenden Darsteller noch rasch Erinnerungsbilder per Foto-Handy schießen. Die Aufnahmen zeigen ein Bühnenbild, das durch grandiose Schlichtheit beeindruckte. Mehr als ein im Muster barock anmutendes Schlichtrahmen-Triptychon mochte die Spielleitung ihren Sängern nicht gönnen. Und das war gut so. Die Original-Vorgaben - "... das Theater verwandelt sich in zwei große Berge, in dem einen ist ein Wasserfall ..." - muten ohnehin ein wenigüberüppig an. Wenige dezent eingesetzte Requisiten und eine pfiffige Lichtregie lenkten nicht ab, sondern Augen und Ohren auf das eigentliche Geschehen. "Ich möchte den Schwerpunkt meiner Arbeit auf die Personenregie legen, um Menschen aus Fleisch und Blut auf die Bühne zu bringen", hatte Schmeding seinen Regieansatz in einer Vorschau dargelegt. Und dieses Vorhaben darf - unterstrichen vom beinahe frenetischen Schlussapplaus - als ungemein gelungen bezeichnet werden. Da wurde nicht breitbrüstig an der Rampe gevolkstümelt, sondern mit lockerer Selbstverständlichkeit aus dem Handgelenk gespielt. Die Regie blieb überwiegend ganz dicht bei der Musik und präsentierte - im Ernsten wie im Komischen - das Menschliche der Figuren. Zu behaupten, dass deren Interpreten - Opernstudenten aus Hannover, Detmold und Saarbrücken sowie einige einheimische Könner - ohne Fehl und Tadel agierten, hieße, Papageno einen Vogelgrippefänger zu schelten. Dennoch hinterließ das junge Ensemble einen Eindruck von bemerkenswertem Niveau. Ohne die Verdienste anderer schmal halten zu wollen, müssen Susanne Eisch (als Königin der Nacht) und der als Sarastro auftretende Daniel Eggert besondere Erwähnung finden. Der aus dem bayerischen Wald stammenden Mindenerin und dem Bückeburger "Bassmann" galten die heftigsten der häufigen Zwischenbeifälle.

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