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Cellist und Pianist werden im Stift gefeiert

Mit Stil, Schwung und blühendem Ton

Obernkirchen. Ungezähmte Geiger und entfesselte Pianisten sind die Helden der Virtuosenliteratur. Aber was will ein Cellist in der Welt der Bravournummern und Kabinettstückchen? Vielleicht beweisen, dass die Sitzgeige auch paganinitauglich ist. Dieses jedenfalls ist Luc Tooten bei dessen Auftritt in Nico Benadies Reihe "Internationale Konzerte im Stift" ganz nebenbei gelungen.

Premiere: Luc Tooten ist der erste Nichtklavierspieler im Konzer

Autor:

Dietlind Beinßen

Der Solocellist des "Flämischen Radioorchesters" zeigte abenteuerliche Lagenwechsel, eine flinke Motorik und einen Bogen, der rege über die Saiten hüpfte - kurz: weitaus mehr als die gehobene Grundausstattung eines Cellisten. Dazu kam ein besonderer Luxus, nämlich Tootens Gesang auf besagten vier Saiten. Obendrein hatte der Solist mit dem belgischen Kollegen Stéphane De May einen Tastenexperten an seiner Seite, der zur rechten Zeit zum gleichberechtigten Partner aufrückte und im wechselhaften Klima der zu Gehör gebrachten Werke jede Luftveränderung sensibel beantwortete. Mit dem ersten, zweiten und vierten Satz aus Schumanns "Fünf Stücken im Volkston", op. 102, eröffneten die Künstler ihr Programm, wobei sie in bester Übereinstimmung klanglichen Feinsinn und feurigen Schwung entfalteten und die Vorträge bis in die kleinste Verästelung ausleuchteten. Dass Tooten einen edlen und vollen Celloklang ins Feld zu führen versteht und überdies auf Zwischentöne achtet, bewies er abermals in der sich anschließenden Chopin-Sonate g-Moll, op. 65. Während der Streicher nuancenreich besonders die langsamen Sätze mit warmem Ton zu cellistischen Arien formte, ließ sein Kollege keine Pointe der Begleitung aus und schaffte es, immer zum richtigen Zeitpunkt vorzupreschen oder sich zurückzunehmen. Danach fanden die Fachmänner in Debussys Cello-Klavier-Sonate überzeugende Wege der Mischung von französisch-klassizistischer Ausdrucksnegierung mit den koloristischen Extravaganzen, die der "Impressionist" Debussy hauptsächlich dem Cello auferlegt hat. Tooten entwickelte eine Musikalität und Empfindsamkeit, die - vom Piano gleichermaßen erfasst - zu reizvollen Eindrücken führten. Ganz anders hingegen Bragatos flotter "Milontan", denn hier durften sich die Gäste so richtig "austoben". Mal fetzte es jazzig, mal grüßten Stilelemente der Minimal-Musik. Mit fast beiläufiger Bravour setzten sich die Zwei überdies mit Piazollas genauso wirkungssicheren wie anspruchsvollen "Le Grand Tango" auseinander. Dieser fegte nämlich wie ein wild swingender Orkanso rasant durchs Gemäuer, dass sich das Publikum regelrecht überrumpelt fühlte von der Farbvielfalt, die Tooten und De May Piazolla ohne jeglichen Anflug von Plackerei abzutrotzen wussten. Selbstverständlich erntete dieses furiose Miteinander starken Beifall und Bravorufe. Dafür kredenzten dieKönner ihren zahlreich gekommenen Zuhörern schnell noch eine feine, ganz zarte Zugabe.

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