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Liedermacher Hannes Wader gastiert vor fast ausverkauftem Haus in der Mindener Stadthalle

Mit spitzer Feder gegen das allzu Gemütliche

Minden. Es mag viele Liedermacher geben, die sich politisch hörbar links artikulieren wie Konstantin Wecker oder Franz Josef Degenhardt. Aber zur wahren Ikone, zum Standbild linken Entertainments der leisen Töne brachte es bislang vor allem einer: Hannes Wader. Nach dem Zusammenbruch der DDR verlor der einstige Vorzeigekünstler der westdeutschen Linken seine politische Heimat und verschwand für einige Jahre von der Bildfläche. Doch Hannes Wader kam wieder, und seit 1995 ist er wie ein deutscher Bob Dylan nahezu ununterbrochen auf Tournee. Der Sean Connery der politischen Liedermacherszene gastierte jetzt vor nahezu ausverkauftem Haus in der Mindener Stadthalle.

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Autor:

Johannes Pietsch

Wader, der ganz allein mit zwei Gitarren auftritt, spart sich seinen größten Hit nicht bis zum Schluss, sondern spielt ihn gleich als erstes: "Heute hier, morgen dort". Die darin ausgesprochene Drohung "bin kaum da, muss ich fort" bleibt zum Glück leer. Wader endet erst nach gut zweieinhalb Stunden mit einem sanften Song von Carl Bellmann. Früher war dieser Momentreserviert für "Die Internationale" oder das "Arbeitereinheitsfrontlied" Doch die ganz großen Politknaller der frühen Jahre, wie seine unsterbliche Sprechgesang-Ballade vom "Tankerkönig", lässt er heute weg. Aber immer noch schießt Wader mit spitzer Feder auf bundesdeutsche Biedermeiergemütlichkeit: So wie er einst die "Langeweile in der Stadt" besang, zieht er heute über das PVC-Feuchtfolien-Biotop im heimelige Garten seiner "Ersten Liebe" her. Und noch immer marschieren Hannes Waders ewige "Moorsoldaten" mit dem Spaten zur Arbeit - ein Lied, geschrieben 1933 von Häftlingen des Konzentrationslagers Börgermoor bei Papenburg. Auch wenn sich Hannes Wader vor 15 Jahren angewidert von der DKP abwandte, seineÜberzeugungen hat er nicht verraten. Und wenn heute Neonazis seine eigenen Lieder singen, kommt dem Mann mit der Gitarre und der markanten Hakennase die Galle hoch. Entsprechend bitter fällt seine gesungene "Stellungnahme" von seinem 2004er Album "Es wechseln die Zeiten" dazu aus: "Neben Fassungslosigkeit und Zorn empfinde ich auch Scham darüber, dass sich meine Lieder offenbar so, wie sie sind, in das Gegenteil ihrer Bedeutung verkehren lassen." Zu seiner politischen Überzeugung hat sich inzwischen eine gehörige Portion Niedergeschlagenheit und Pessimismus gesellt: "Es ist diesem Volk, zu dem auch ich mich zähle, in 60 Jahren nicht gelungen, mit den alten Nazis fertig zu werden, es wird ihm mit den neuen auch nicht gelingen." Doch auch nach so langer Zeit will die Hoffnung in dem alten Schlachtross nicht verglimmen, wenn er in der Zugabe seinen Klassiker "Schon so lang" anstimmt:"Seh die Hoffnung, den Mut, seh den Glauben, die Glut, und was sich in Gesichtern von Kindern tut schon so lang."

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