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Mit Hightech ausgespäht und abgezockt

Für Gabriele und Detlef Engelsmann war die Welt bislang in Ordnung. Nie im Leben hätten die Eheleute (52, 66) aus Klein Berkel geglaubt, einmal in die Fänge der Organisierten Kriminalität zu geraten. Nun ist es doch geschehen – und das Vertrauen in die moderne Technik und der Glaube an das Gute im Menschen sind plötzlich dahin. Von Großbritannien aus haben bislang unbekannte Täter, die vermutlich zu einer weltweit operierenden Bande gehören, das Konto des Paares geplündert.

Skimming-Opfer Detlef Engelsmann aus Klein Berkel. Vom Konto des

Von Ulrich Behmann

Für Gabriele und Detlef Engelsmann war die Welt bislang in Ordnung. Nie im Leben hätten die Eheleute (52, 66) aus Klein Berkel geglaubt, einmal in die Fänge der Organisierten Kriminalität zu geraten. Nun ist es doch geschehen – und das Vertrauen in die moderne Technik und der Glaube an das Gute im Menschen sind plötzlich dahin. Von Großbritannien aus haben bislang unbekannte Täter, die vermutlich zu einer weltweit operierenden Bande gehören, das Konto des Paares geplündert. Mehrfach wurden Beträge zwischen 100 und 400 britische Pfund Sterling abgehoben – in London, Loughton und Chingford. Umgerechnet 1592,90 Euro haben die Diebe erbeutet. Es sieht so aus, als sei der Täter in der Nacht vom 30. auf den 31. Mai mit der U-Bahn von Bank zu Bank gefahren. Auch ein Hamelner Studienrat (57) ist Opfer der Skimming-Clique geworden. Innerhalb von nur 55 Minuten wurden von seinem Konto in Brooklyn (USA) fünfmal 200 und zweimal 100 US-Dollar abgehoben. Der Lehrer erfuhr davon erst, als er von der Commerzbank Hameln, die bei Recherchen auf verdächtige Abbuchungen gestoßen war, befragt wurde.

Auch ein Mann (34) aus Coppenbrügge wurde bestohlen – der Kunde der Deutschen Bank erstattete am Donnerstag Anzeige bei der Polizei. Von seinem Konto buchten die Täter in England 1800 Euro ab. Es besteht der Verdacht, dass die Daten am Automaten der Commerzbank in Hameln ausgespäht wurden.

Der englische Begriff Skimming bedeutet Abschöpfen oder Absahnen. Er steht für eine Methode, illegal die Daten von Kredit- oder Bankkarten und die PIN auszuspähen. Experten schließen nicht aus, dass es noch weitere Geschädigte gibt. „Sie haben vielleicht nur noch nicht auf ihre Kontoauszüge geschaut.“

Kleiner als ein Stecknadelkopf: Durch dieses Loch filmt eine Min
  • Kleiner als ein Stecknadelkopf: Durch dieses Loch filmt eine Mini-Kamera die Eingabe der Geheimzahlen. Foto: Polizei

Im vergangenen Jahr wurden im Zuständigkeitsbereich der Inspektion Hameln/Holzminden 30 Skimming-Fälle angezeigt. 26 werden einer rumänischen Fälscherbande zugerechnet, die am 27. Januar zerschlagen wurde. In diesem Jahr hält sich die Zahl der Skimming-Attacken offenbar in Grenzen. Ina Mähl von der Commerzbank teilte auf Anfrage mit, in diesem Jahr seien in der Filiale Hameln zwei Fälle bekannt geworden. Die Dewezet erfuhr: In der Commerzbank an der Osterstraße wurden jüngst Manipulationen an einem Geldautomaten entdeckt. „Es sieht so aus, als hätten die Täter an der Decke eine Kamera installiert“, sagt Kommissar Dirk Barnert.

„Unseren Kunden entsteht kein Schaden. Sollte es durch den Vorfall zu betrügerischen Kontobelastungen kommen, ersetzt die Bank die Kundeneinlagen schnellstmöglich und zu 100 Prozent“, sagt Sprecherin Mähl.

Wo die Daten ausgespäht wurden, steht bislang nicht fest. Es könnte überall passiert sein. Opfer Gabriele Engelsmann sagt, sie habe im Mai ausschließlich an den Automaten der Commerzbank-Filialen in Hameln und Bad Pyrmont sowie der Postbank Hameln Geld abgehoben. Aufgefallen ist ihr dabei nichts. Erst als ihr Mann Detlef am 4. Juni den Kontoauszugsdrucker benutzte, bemerkte er die Abbuchungen. „Ich habe gedacht, ich drehe durch“, sagt Postbank-Kunde Detlef Engelsmann. „Meine Frau und ich waren noch niemals in England.“ Das Skimming-Opfer verständigte seine Bank und erstattete Anzeige bei der Polizei. Umgehend wurde die Karte gesperrt – und das Geld „unter Vorbehalt“ ersetzt. Die Postbank habe sehr schnell reagiert, sagt Detlef Engelsmann. „Schon am nächsten Tag war der fehlende Betrag unserem Konto gutgeschrieben worden.“

Was Detlef Engelsmann wurmt: „Der Fall zeigt, dass du heutzutage nicht einmal mehr in Ruhe Geld abheben kannst. Immer musst du Angst haben, dass du abgezockt wirst.“

Erst im Februar hatte die Dewezet über die Zerschlagung einer Fälscherbande berichtet. Die Täter sollen bundesweit Geldautomaten manipuliert haben. Auch diese Kriminellen setzten auf Hightech, installierten Vorsatzgeräte und versteckte Kameras. Nach Angaben des Bundeskriminalamtes haben Mitglieder dieser Gruppierung auch in Hameln zugeschlagen. Kommissar Dirk Barnert von der Inspektion Hameln/Holzminden teilte mit, dass allein in Hameln 26 Fälle registriert wurden, bei denen ein Schaden von mehr als 22 000 Euro entstanden ist. In Rumänien wurden 18 Verdächtige festgenommen. In Essen und in Offenburg weitere vier. Am 7. Februar ging Zollbeamten ein 23-Jähriger bei einer Kontrolle ins Netz. Dieser Mann gilt in dem Hamelner Fall als Hauptverdächtiger. Der rumänische Staatsbürger war mit dem Zug von Italien nach Deutschland gereist und überprüft worden. Bei ihm sei belastendes Material (Technik zum Ausspähen von Kartendaten) gefunden worden, hieß es.

Nach Angaben des Zentralen Kriminaldienstes in Hameln hatten die Kriminellen am Türöffner der heimischen Bank ein präpariertes Lesegerät und oberhalb des Geldausgabeautomaten eine winzige versteckte Kamera installiert. Auf diese Weise war es den Betrügern möglich, die ausgespähten Daten wenig später auf Zahlungskarten-Dubletten zu kopieren. Bereits am nächsten Tag hoben Straftäter Geldbeträge an verschiedenen Automaten in Italien ab. In Hameln wurde die Manipulation am Montag, 30. November 2009, von Mitarbeitern der Bank entdeckt.

In den frühen Morgenstunden des 24. Januar holten die Behörden im Ausland zum Schlag gegen die Bande aus: 200 rumänische Polizisten durchsuchten 30 Wohnungen und Firmen in Bukarest, Bacau und Constanta. Rumänische Strafverfolgungsbehörden und das Bundeskriminalamt hatten gemeinsam gegen die Tätergruppierung ermittelt.

Laut BKA wurden bei der Großrazzia acht professionelle Fälscherwerkstätten ausgehoben. 18 rumänische Staatsangehörige – darunter auch der mutmaßliche Kopf der Bande – wurden festgenommen. Fahnder stellten zudem große Mengen an Skimming-Elektronik sicher. Mit den in Deutschland ausgespähten Daten hatten die Täter Bankkarten gefälscht und in Italien, Schweden, Belgien, in den Niederlanden und in den USA Geld von den Konten der Opfer abgehoben.

Ebenfalls im Februar wurde bekannt, dass die Commerzbank-Filiale in Bad Pyrmont eine Skimming-Attacke abwehren konnte. Der Geldautomat ist mit einer besonderen Alarmanlage gesichert. Als die Täter versuchten, den Automaten zu manipulieren, schaltete sich das Gerät aus. Auch andere Banken rüsten auf. So setzt die Volksbank Hameln-Stadthagen eine Anti-Skimming-Technik ein. „Bei uns wurden Karten und Geldautomaten auf die EMV-Chipkarten-Technologie umgestellt, so dass wir auf die Autorisierung der Magnetstreifen verzichten können, sobald unsere Mitbewerber dieses System auch unterstützen“, sagt Helmut Kiesewalter.

Nachdem im Dezember 2008 am Türkartenleser der Sparkassenhauptstelle und in Hämelschenburg Manipulationsspuren entdeckt wurden, zog die Sparkasse Weserbergland Konsequenzen. „Als sofortige Präventionsmaßnahme haben wir seinerzeit bei allen Geschäftsstellen die Türkartenleser ausgebaut und den Zugang über Zeitschaltuhren gesteuert“, erzählt Bernhard Kruppki.

Vorsicht ist auch beim Online-Banking geboten. Im Februar wurden auch zwei Pyrmonter Opfer. Sowohl der Mann (50) als auch die 35 Jahre alte Frau wollten ihre Bankgeschäfte zu Hause am Computer abwickeln. Beide hatten die Internet-Homepage ihrer Bank aufgesucht und ihre Geheimnummern und einen PIN-Code eingegeben. Auf dem Bildschirm tauchte dann die Sicherheitsabfrage auf, bei der eine von der Bank zur Verfügung gestellte TAN-Nummer eingegeben werden muss, um Geldgeschäfte erledigen zu können. Bei dem Versuch, die Computerseite zu schließen, wurde beiden Bankkunden in einem Sicherheitsfenster mitgeteilt, dass die Anwendung nicht ordnungsgemäß geschlossen werden könne. Ein zweiter Überweisungsversuch hatte dieselbe Fehlermeldung zur Folge.

Daraufhin riefen beide Pyrmonter ihre Bank an. Was sie dort hörten, schockte sie: Sie waren offensichtlich Opfer eines Computerbetruges geworden. Dabei dringen PC-Spezialisten mit einem „Trojaner“ auf die Internetseiten der Computerbenutzer und forschen die Daten der Kontoinhaber aus. Mit den so gewonnenen Informationen werden dann Überweisungen in Auftrag gegeben, die vornehmlich auf Konten ins europäische Ausland oder auf die Philippinen transferiert werden.

Im vergangenen Jahr wurden im Bereich der Polizeiinspektion Hameln/Holzminden 41 Fälle von Phishing angezeigt. Der Begriff Phishing ist ein englisches Kunstwort, das sich unter anderem an fishing („Angeln“, „Fischen“) anlehnt.

Auch wer Überweisungen per Hand ausfüllt und diese in Briefkästen der Bank wirft, kann eine böse Überraschung erleben. In Bad Pyrmont flog ein solcher Betrug im August 2008 auf. Die Masche der Täter war simpel: Unter Vorlage falscher Personalpapiere eröffnete der Franzose Roger F. (35) Konten. Dann „fischte“ er gemeinsam mit Komplizen Überweisungsformulare aus den Briefkästen der Geldinstitute – als Tatwerkzeug benutzte er einen Drahtkleiderbügel. Die Formulare dienten den Gaunern als Vorlage für Fälschungen, die anschließend in die Briefkästen eingeworfen wurden und mit denen das Geld auf das von ihnen neu eröffnete eigene Konto umgeleitet wurde. Der Trick wurde in Bad Pyrmont, Lügde, Hameln, Bielefeld und Lübbecke angewandt. Bevor die Kriminellen ihre Beute abheben konnten, schnappte die Polizei jedoch zu.

Das Präventionsteam der Polizeiinspektion Hameln rät zu erhöhter Wachsamkeit und Vorsicht. Beim Eingeben der PIN-Nummer sollten Kunden stets das Tastaturfeld mit der Hand abdecken, sagt Kriminalhauptkommissar Peter Linde.

Wie Sie sich vor Skimming und Phishing schützen können, erfahren Sie auf www.dewezet.de

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