weather-image
18°
Aber die Kosten schießen in die Höhe – und Bremer Firma schasst Konstrukteur wegen Wikileaks-Zitat

Mit Galileo navigiert Europa bald souverän

Bremen/Brüssel. Europas Autofahrer und Fluglotsen sollen bald noch besser navigieren können, Rettungsdienste Unglücksorte metergenau ansteuern. Polizisten werden die Daten aus dem All bei der Verbrecherjagd helfen, Landwirten beim Verteilen des Düngers auf dem Feld – und das unabhängig von der US-amerikanischen GPS-Technik, die in den derzeitigen Navigationsgeräten steckt. Allerdings: Der Aufbau des europäischen Satellitensystems Galileo wird für die Steuerzahler weitaus teurer als bislang kalkuliert. Die Europäische Kommission veranschlagt für die Infrastruktur bis 2020 nun rund 5,3 Milliarden Euro, das sind 1,9 Milliarden Euro mehr als bisher. Dies geht aus einem Bericht hervor, den EU-Industriekommissar Antonio Tajani vorgestellt hat. Deutschland pocht trotz der Kostensteigerung auf den vollständigen Aufbau des Galileo-Systems.

Ein Schwarm von Satelliten ist nötig für das europäische Navigationssystem Galileo. Jeweils drei der Geräte werden eine metergen

Autor:

Matthias Armborstund Marion Trimborn

Der Konstrukteur von 14 Galileo-Satelliten, das Bremer Unternehmen OHB, kämpft derweil mit den Folgen einer Veröffentlichung auf der Internetplattform Wikileaks. Manager Berry Smutny soll Galileo gegenüber US-Diplomaten als „Verschwendung von Steuergeldern“ und „Unfug“ bezeichnet haben – er wurde deshalb jetzt freigestellt, obwohl er die ihm unterstellten Äußerungen an Eides statt bestreitet. „Wir haben gemerkt, dass wir den Reputationsschaden aufgrund der Story nicht hätten begrenzen können, wenn wir jetzt nicht schnell gehandelt hätten“, sagte Marco Fuchs, Vorstandschef der Muttergesellschaft OHB Technology.

Mit der Kostenexplosion bei Galileo hat OHB nach eigenen Angaben nichts zu tun: „Wir liegen im Zeitplan, wir liegen im Kostenplan. Die Satelliten, die wir bauen, kosten wie vertraglich vereinbart 566 Millionen, und es gibt keine Kostensteigerungen“, versicherte Marco. Laut EU-Kommission betreffen die Kostensteigerungen vielmehr die Fertigstellung der Galileo-Infrastruktur. Bisher wird Galileo zwischen 2007 und 2013 mit 3,4 Milliarden Euro aus dem EU-Haushalt finanziert – jetzt dürften von 2014 bis 2020 weitere 1,9 Milliarden Euro nötig sein, heißt es in dem Bericht. Zu den neuen Zahlen verlautete aus Kreisen der Bundesregierung, bei der Entwicklung derart komplexer Systeme seien höhere Kosten in der Praxis fast unvermeidlich. Der Europäische Rechnungshof geht schon seit Längerem von mehr als 5 Milliarden Euro aus. Die jährlichen Betriebskosten von Galileo setzt die EU-Kommission jetzt mit 800 statt 750 Millionen Euro an.

„Wir begrüßen die bisherigen Fortschritte und sind fest entschlossen, dieses Projekt zum Erfolg zu führen“, betonte Industriekommissar Tajani. Mit Galileo könne sich Europa in einer Wachstumsbranche behaupten, die durch die Globalisierung und den Eintritt von Schwellenländern geprägt sein werde. Das weltweite Geschäftsvolumen mit den Satellitennavigationsanwendungen sei kräftig gestiegen und werde für 2020 auf 240 Milliarden Euro geschätzt. Die ersten drei Dienste sollen ab 2014 angeboten werden und über zunächst 18 Satelliten laufen; 14 sind bei OHB in Bremen in Auftrag gegeben. Geplant ist, zwei weitere Dienste bereitzustellen, sobald die volle Funktionsfähigkeit mit 30 Satelliten erreicht ist.

Satelliten-Konstrukteur Berry Smutny ist vom Bremer Unternehmen OHB wegen belastender Wikileaks-Informationen von seinen Aufgabe
  • Satelliten-Konstrukteur Berry Smutny ist vom Bremer Unternehmen OHB wegen belastender Wikileaks-Informationen von seinen Aufgaben freigestellt worden.

Mit Galileo wollen die Europäische Union und die Europäische Weltraumagentur die Vormachtstellung des Global Positioning Systems der USA brechen. China und Russland haben ähnliche Systeme am Start. Mit Galileo wollen die Europäer unabhängig werden, denn GPS könnte im Falle eines bewaffneten Konfliktes plötzlich nur noch dem US-Militär zugänglich sein. Galileo ist dagegen als System unter ziviler Kontrolle konzipiert. Polizei und Rettungsdiensten könnten nach Plänen der EU besonders verschlüsselte Signale zur Verfügung gestellt werden. Die Anwendungen für Autofahrer und Handynutzer sollen kostenlos sein.

Ursprünglich sollte Galileo schon im Jahre 2008 an den Start gehen, nun ist der Betrieb zum Jahresbeginn 2014 geplant. Kernstück des Galileo-Systems sind die 30 Satelliten, die die Erde auf drei verschiedenen Umlaufbahnen in mehr als 23 000 Kilometern Höhe umkreisen und Signale zur Erde senden. Dort wird berechnet, wie lange die Daten aus den drei Quellen gebraucht haben, um somit genaue Positionen zu bestimmen.

Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Kommentare