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Mit dem Tod kommen auch viele Fragen

Etwa alle anderthalb Minuten stirbt in Deutschland ein Mensch. Und dass wir alle einmal sterben müssen, ist nun wirklich kein Geheimnis. Umso erstaunlicher ist es, dass der Umgang mit Tod und Sterben in unserem Alltag kaum mehr Platz findet. Eine Ausnahme ist da die Hospizarbeit. Elf Bürger werden derzeit in Rinteln wieder zu Sterbebegleitern ausgebildet – und auf die Fragen, die gleichzeitig mit dem Tod kommen, vorbereitet. Wenn wir kommen, heißt das nicht, dass man jetzt gleich sterben muss!“ Ja, an Sätzen wie diesem, die im Gespräch mit Anke Claus und Cornelia Strübe vom Hospizverein Rinteln fallen, merkt man gleich:

„Richtig üben kann man die Aufgaben, die einem bevorstehen, nicht“, sagt Cornelia Strübe (r.). Gemeinsam mit Anke Cl

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Cornelia Kurth

Etwa alle anderthalb Minuten stirbt in Deutschland ein Mensch. Und dass wir alle einmal sterben müssen, ist nun wirklich kein Geheimnis. Umso erstaunlicher ist es, dass der Umgang mit Tod und Sterben in unserem Alltag kaum mehr Platz findet. Eine Ausnahme ist da die Hospizarbeit. Elf Bürger werden derzeit in Rinteln wieder zu Sterbebegleitern ausgebildet – und auf die Fragen, die gleichzeitig mit dem Tod kommen, vorbereitet.

Wenn wir kommen, heißt das nicht, dass man jetzt gleich sterben muss!“ Ja, an Sätzen wie diesem, die im Gespräch mit Anke Claus und Cornelia Strübe vom Hospizverein Rinteln fallen, merkt man gleich: Das Thema Tod und Sterben ist nicht leicht zu bewältigen. So viel Angst, Bedrückung und Unsicherheit bewegt oft die Menschen, die sterben müssen oder in deren Familie ein Kranker dem Tod entgegengeht. Der Hospizverein bildet in aufwendigen Seminaren „Sterbebegleiter“ aus, ehrenamtliche Mitarbeiter, die todkranken Menschen und ihren Angehörigen zur Seite stehen. Zu den vielfältigen Themen dieser Seminare gehört auch die Auseinandersetzung mit der Thanatologie, der kühlen Wissenschaft von Tod und Sterben.

Zehn Frauen und ein Mann nehmen am diesjährigen Seminar „Sterbende begleiten“ teil. Ein Jahr lang treffen sie sich alle zwei Wochen, um Vorträge zu hören oder zum Beispiel das Hospiz in Bad Münder zu besuchen, um sich mit der Altersdemenz zu beschäftigen, die verschiedenen Phasen des Sterbens zu begreifen, Techniken der Gesprächsführung zu erlernen und natürlich auch, mithilfe von Psychologen, das eigene Verhältnis zum Tod zu reflektieren. Niemand, der gerade selbst einen tragischen Todesfall zu bewältigen hat, würde als Sterbebegleiter eingesetzt werden.

Das Thema Tod und Sterben ist nicht leicht zu bewältigen. Den Sterbenden und ihren Angehörigen helfen sogenannte Sterbebegleiter
  • Das Thema Tod und Sterben ist nicht leicht zu bewältigen. Den Sterbenden und ihren Angehörigen helfen sogenannte Sterbebegleiter. Ein Jahr dauert ihre Ausbildung. Was sie erwartet, wenn sie in Haushalte kommen, wissen sie selbst nicht. Foto: Dalmatin.o, Fotolia.com

Anke Claus und Cornelia Strübe sind die Koordinatorinnen der Seminare, die eine ehemalige Krankenschwester, die andere Sozialpädagogin und beide seit vielen Jahren erfahren in diesem schwierigen Betätigungsfeld. Wer sich an den Hospizverein wendet, um kostenlos die Unterstützung durch einen Sterbebegleiter zu erhalten, der wird zunächst mit einer der beiden Frauen zu tun haben. Im „Erstgespräch“ erkunden sie die Wünsche und die individuelle Situation der Betroffenen, um dann aus dem Pool der Mitarbeiter den hier am besten passenden Betreuer auszuwählen.

Was den Einzelnen vor Ort erwartet, es ist nicht direkt vorauszusehen. Manchmal ist da ein schwer krankes Kind, manchmal ein verwirrter alter Mensch, manchmal hat jemand noch viele Monate zu leben, oft aber wird der Hospizverein erst in der letzten Phase des Sterbens gerufen.

„Richtig üben kann man die Aufgaben, die einem bevorstehen, nicht“, so Cornelia Strübe. „Genau deshalb ist die Ausbildung so umfangreich und mit so vielen Gesprächen verbunden. Wir alle müssen dabei auch lernen, auf unser Gefühl zu achten, ohne unsere eigenen Gefühle anderen aufzudrängen. Wenn wir in die Familien kommen, haben die Menschen keine Masken auf.“

In vielen Fällen geht es darum, die Angehörigen zu entlasten. „Die meisten nehmen sich sehr zusammen und wagen nicht, selbst Schwäche zu zeigen“, so Anke Claus. „Sie wollen nicht, dass Nachbarn und Freunde ihre ganze Sorge und Angst wahrnehmen – und schon gar nicht der Todkranke selbst. Bei uns können sie ruhig weinen und klagen.“ Das Handy der Mitarbeiterinnen ist rund um die Uhr angestellt, wann immer es nötig ist, dürfen sie angerufen werden, natürlich auch dann, wenn ein bevorstehender Tod sich direkt ankündigt. „Oft sind dann alle schon ganz ruhig. Wer uns um Unterstützung bittet, war ja bereit, sich dem Tod zu stellen.“

Im Seminar „Sterbende begleiten“ werden nicht nur die das Zwischenmenschliche betreffenden Bereiche thematisiert. Natürlich geht es in erster Linie darum, beruhigend, tröstend und in aufmerksamer Offenheit am Krankenbett zu Stelle zu sein, letzte Wünsche zu erfahren, vielleicht ein Geheimnis entgegenzunehmen, hinzuhören auf das, was den Sterbenden bewegt.

Seine Hand zu halten.

Eine alte Dame, von der die beiden Koordinatorinnen erzählen, brauchte lange, um zu begreifen, dass sie nicht die höfliche Gastgeberin sein muss, die ihre Gäste unterhält, sondern ganz einfach schwach sein darf. Doch setzen sich die Seminarteilnehmer auch mit den biologischen Vorgängen rund um den Tod auseinander.

So wurde gerade die Onkologin Constanze Priebe-Richter, 2. Vorsitzende des Hospizvereines, zu einem Vortrag über den Tod aus medizinischer Sicht eingeladen. Ab welchem Zeitpunkt gilt ein Mensch als tot? Wie nehmen es diejenigen wahr, die am Sterbebett sitzen und auf den letzten Seufzer warten? Muss ein Arzt gerufen werden und wenn ja, wann? Was geht in dem Körper vor, der seinen Geist aufgegeben hat?

Angesichts der psychologischen Ebene bei den Sterbenden und ihren Angehörigen scheinen diese sachlichen Fragen nicht so bedeutsam zu sein. Und doch drängen sie sich auf, das ist die Erfahrung der Mitarbeiter.

Etwa alle anderthalb Minuten stirbt in Deutschland ein Mensch, die Hälfte davon in den Kliniken, 30 Prozent im Seniorenheim, 20 Prozent zu Hause. Doch das Verhältnis verschiebe sich allmählich, so Constanze Priebe-Richter. Immer mehr Menschen wünschen sich, zu Hause zu sterben oder in einem Sterbehospiz wie in Bad Münder und Bad Pyrmont.

Demzufolge sind die Sterbenden auf dem Totenbett häufiger auch nicht (nur) mit Fachpersonal umgeben, sondern mit unerfahrenen Angehörigen. Woran erkennt man, dass ein Mensch jetzt wirklich gestorben ist?

Es gäbe den „sozialen Tod“, wenn jemand einsam und allein ohne alle Kontakte bereits vor dem klinischen Tod aus der Gemeinschaft mit anderen ausgetreten sei. Den „psychischen Tod“, wenn der Körper noch lebt, das Bewusstsein aber vollkommen ausgeschaltet ist. Den „klinischen Tod“ beim Zusammenbruch von Herz-Kreislaufsystem und Atmung, ein Zustand, bei dem eine Reanimation theoretisch möglich ist, weil das Gehirn noch über einen Sauerstoffvorrat von einigen Minuten verfügt, und den „juristischen Tod“. Der ist definiert ist als Hirntod, das heißt, der Mensch ist aufgrund seines abgestorbenen Gehirns als Individuum verloschen, der Körper aber kann noch maschinell am Leben erhalten werden, üblich dann, wenn es Organtransplantationen geben soll. Der „biologische“ Tod schließlich bezeichnet den Zustand, in dem sämtliche Organfunktionen endgültig zum Erliegen gekommen sind.

Für die Menschen am Sterbebett ist der Tod dann eingetreten, wenn das Herz nicht mehr schlägt, sich der letzte Atemzug durch das sogenannte „Schnappatmen“ angekündigt hatte, die Pupillen nicht mehr reagieren, keinerlei Reflexe mehr stattfinden.

Ganz sicher sein können sie aber nur, wenn sich 20 bis 30 Minuten nach dem Sterben die ersten rötlich-violetten Totenflecke zeigen, dort, wo sich an tiefer gelegenen Körperstellen das nun aus den Zellen austretende Blut versammelt. Nach etwa zwei bis vier Stunden setzt die Leichenstarre ein, die bei den Augenlidern beginnt und sich vom Kopf aus langsam über den gesamten Körper ausbreitet.

Da diese Vorgänge sich erst allmählich einstellen und sich die Möglichkeit des Scheintods nur ausschließen lässt, wenn Totenflecke und Leichenstarre eingetreten sind, darf ein Arzt erst frühestens zwei Stunden nach dem klinischen Tod einen Totenschein ausstellen.

Ein Arzt sollte übrigens immer gerufen werden. Er hat festzustellen, ob ein natürlicher Tod vorliegt. Lässt man ihn außen vor, kann er später nur eine „ungeklärte Todesursache“ in den Totenschein eintragen, was bedeutet, dass der Leichnam beschlagnahmt wird und in der Pathologie untersucht werden muss.

Was viele nicht wissen: Bis zu 36 Stunden darf ein Gestorbener im Haus der Familie verbleiben, bevor ein Bestattungsunternehmen ihn mitnimmt. Hört man der Ärztin zu, bekommt dieser Gedanke im ersten Moment leicht etwas Unheimliches. Im toten Körper setzt die Fäulnis ein. Spätestens nach ein bis zwei Tagen beginnen Enzyme und Bakterien ihre Zersetzungsarbeit, zunächst im Darm und den inneren Organen, später dann übergreifend auf den gesamten Körper. Aber keine Sorge, sagt sie. Davon ist von außen erst mal viele Tage lang nichts zu merken.

Bedrückend sind diese Fakten, das merkt man auch den Seminarteilnehmern an. Doch, so Constanze Priebe-Richter, es führe ja kein Weg daran vorbei, zu begreifen, dass der Tod etwas Endgültiges sei. „Begreifen“, diesen Ausdruck will sie auch wortwörtlich verstanden wissen.

Es sei gut, von einem Toten Abschied zu nehmen, auch, indem man ihn noch einmal berührt. Der tote Körper, der manchen noch fast lebendig erscheint, er ist nicht mehr lebendig. Er fühlt sich kühl, starr, leblos an.

Die Berührung macht das klar.

Und eröffnet den Weg zur Trauerarbeit, den die Sterbebegleiter dann noch ein Stückchen mitgehen werden.

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