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Mit dem Stift macht er Phantome sichtbar

Als Kriminalhauptkommissar Andreas Zoch zum Hörer greift und die Nummer des Lage- und Informationszentrums des Landeskriminalamtes Niedersachsen in Hannover wählt, weiß er genau, was ihm jetzt fehlt – ein Phantombild-Zeichner. Er soll ein Bild von dem Mann machen, der versucht hat, an der Weser ein zehn Jahre altes Mädchen zu vergewaltigen. Dirk Scheerle, Kriminalhauptkommissar aus Hannover, ist dieser Mann.

Der Schädel der Wasserleiche ist präpariert worden.

Von Ulrich Behmann

Als Kriminalhauptkommissar Andreas Zoch zum Hörer greift und die Nummer des Lage- und Informationszentrums des Landeskriminalamtes Niedersachsen in Hannover wählt, weiß er genau, was ihm jetzt fehlt – ein Phantombild-Zeichner. Er soll ein Bild von dem Mann machen, der versucht hat, an der Weser ein zehn Jahre altes Mädchen zu vergewaltigen. Dirk Scheerle, Kriminalhauptkommissar aus Hannover, ist dieser Mann. Ein Spezialist, der schon so manchen Dieb, Räuber, Mörder und Sexualstraftäter mit Stift, Laptop und einem grafischen Zeichenbrett hinter Schloss und Riegel bringen konnte. Er ist einer von zwei Zeichnern des LKA Niedersachsen.

Es ist 9.40 Uhr, als Zoch Scheerles Hilfe anfordert. Der Experte befindet sich gerade in Walsrode. Er sitzt in einem Zimmer des Polizeikommissariats und schaut auf ein flaches Gerät, das so ähnlich aussieht wie ein iPad. Auf dem Spezialcomputer entstehen in diesem Moment aus vielen Strichen, kleinen Rundungen und etlichen Schraffuren Bilder von zwei Trickdieben. Wenn Scheerles digitale Kunstwerke fertig sind, soll der 52-Jährige gleich weiterfahren nach Braunschweig. Dort wartet die Polizei schon auf den talentierten Mann, der Täter nach Angaben von Opfern und Zeugen ein Gesicht geben kann. Auch in Braunschweig geht es um Seriendiebe, die mithilfe von Phantombildern gefasst werden sollen.

Doch es kommt anders. Scheerles Handy vibriert. Der Anruf des Lage- und Informationszentrums des Landeskriminalamtes (LKA) verheißt nichts Gutes. Der Kriminalist mit dem Zeichenbrett erfährt: In Hameln hat es ein Sexualverbrechen gegeben. Das Opfer ist ein kleines Mädchen. Es gibt drei Kinder, die den Täter gesehen haben. Braunschweig muss warten. Hameln hat Vorrang.

Nun beginnt die Rekonstruktion der Gesichtsweichteile.
  • Nun beginnt die Rekonstruktion der Gesichtsweichteile.
Die Kopfform, die Augenpartie, Mund, Nase und Kinn entstehen.
  • Die Kopfform, die Augenpartie, Mund, Nase und Kinn entstehen.
Die Haare werden gezeichnet – als Vorlage dient die Leiche
  • Die Haare werden gezeichnet – als Vorlage dient die Leiche.
Bei der Toten wurde eine Brille gefunden.
  • Bei der Toten wurde eine Brille gefunden.
Dirk Scheerle zeichnete von der Frau ein Ganzkörperbild.
  • Dirk Scheerle zeichnete von der Frau ein Ganzkörperbild.
Einsatz in Hameln: Dirk Scheerle zeichnete dieses Phantombild. E
  • Einsatz in Hameln: Dirk Scheerle zeichnete dieses Phantombild. Es zeigt einen Sexualverbrecher, der inzwischen gestanden hat, ein Kind in ein Gebüsch gezogen und entkleidet zu haben. Foto: ube
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Nun beginnt die Rekonstruktion der Gesichtsweichteile.
Die Kopfform, die Augenpartie, Mund, Nase und Kinn entstehen.
Die Haare werden gezeichnet – als Vorlage dient die Leiche
Bei der Toten wurde eine Brille gefunden.
Dirk Scheerle zeichnete von der Frau ein Ganzkörperbild.
Einsatz in Hameln: Dirk Scheerle zeichnete dieses Phantombild. E
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Zeichner Scheerle setzt sich in seinen Skoda Octavia, startet den Motor. 100 000 Kilometer legen er und sein Kollege Kriminalkommissar Michael Wolff (52) pro Jahr zurück. Zu 500 bis 600 Einsätzen rücken die Experten aus. In der Regel kommen diejenigen, die einen Kriminellen beschreiben können, zur Dienststelle. Wenn die Zeugen gebrechlich oder verletzt sind, machen Scheerle und Wolff aber auch schon mal Hausbesuche. Gerade für Ältere sei es anstrengend, sich über einen längeren Zeitraum zu konzentrieren, sagt Scheerle. „Da ist es hilfreich, wenn die Befragung in einer vertrauten Umgebung stattfindet.“

Ein Polizeizeichner muss Geduld und Einfühlungsvermögen haben, er muss spüren, wann sein Gegenüber eine Pause braucht. „Im Laufe meiner Tätigkeit habe ich eines gelernt: Ich darf von keinem Zeugen etwas erwarten“, sagt Scheerle – und begründet das so. „Jeder Mensch nimmt einen anderen Menschen anders wahr.“ Deshalb sei ein Phantombild auch kein Foto. „Es ist nur ein subjektiv erstelltes Täter-Porträt, ein Typ, ein Erscheinungsbild.“ Gerade bei vergewaltigten Frauen müsse er sehr sensibel vorgehen. Solche Opfer brechen leicht in Tränen aus und verlieren schnell die Fassung.

An diesem Dienstag trifft Dirk Scheerle um 14.15 Uhr im Gebäude des Zentralen Kriminaldienstes an der Zentralstraße in Hameln ein. Opfer und Zeugen sind auf 15 Uhr bestellt. Wenn sich der Zeichner nach dem Aussehen eines Täters erkundigt, dann sind nur er und der Zeuge im Raum. „Die Atmosphäre muss möglichst ungezwungen sein. Ein Telefonklingeln, ein Türschlagen oder die bloße Anwesenheit einer anderen Person im Raum würden stören und könnten das Ergebnis beeinträchtigen“, sagt Kriminalhauptkommissar Scheerle, der auch Leiter der Arbeitsgruppe der Phantombildersteller der Bundesländer ist. Der Fahnder am Zeichenbrett konzentriert sich ganz auf sein Gegenüber. Er fragt behutsam nach, versucht die Erinnerung des Zeugen zu reaktivieren, kitzelt viele Details heraus. Sie ergeben später ein Mosaik und damit ein Bild. „Wir haben zwar den Anspruch, Phantombilder zu zeichnen, die dem Täter so ähnlich wie möglich sind“, sagt Scheerle. „Aber wir wissen genau, wie schwer es ist, dem Aussehen des Gesuchten nahe zu kommen.“

Zeichnungen wurden erst spät als Fahndungshilfsmittel eingesetzt. In Niedersachsen werden seit 1975 Täterskizzen angefertigt. Horst Reder, ein Polizist im Ruhestand, gilt als Pionier in Sachen Phantombildzeichnungen in Niedersachsen. Bis 1994 wurde noch mit dem Kohlestift gearbeitet, seitdem kommt Hightech zum Einsatz. Computer und grafischer Stift gehören heute zum Standard.

Ende 1975 hat Scheerle seine Ausbildung bei der Schupo begonnen. Später ging er zur Bereitschafts- und zur Kriminalpolizei, kümmerte sich unter anderem um Falschmünzer. Sein Talent schlummerte da noch im Verborgenen. Nach Dienstschluss malte er Gebäude und Landschaften. Manchmal machte der Polizist Skizzen für Kollegen. „Irgendwann wurde ich gefragt: ,Kannst du dir nicht vorstellen, Zeichner beim LKA zu sein?’“ Scheerle konnte sich das ausmalen – und machte sein Hobby zum Beruf.

16.30 Uhr. Anderthalb Stunden hat es gedauert, bis Dirk Scheerle ein Bild des Mannes angefertigt hat, der sich an der Zehnjährigen vergehen wollte. In dieser Zeit hat er das Opfer und die drei Augenzeugen befragt. Am Ende sagte das Mädchen: „Ja, so ähnlich hat er ausgesehen.“

Es ist 16.55 Uhr, als sich das Lage- und Informationszentrum des LKA meldet. Ein neuer dringender Einsatz? Nein. Scheerle wird mitgeteilt, dass seine am Morgen in Walsrode angefertigten Bilder bereits auf die Spur des Diebespärchens geführt haben. Ein Augenzeuge hat die Gesuchten auf den Zeichnungen wiedererkannt. „Toll“, sagt Scheerle und freut sich.

Der erfahrene Phantombildzeichner kann nicht nur Täter-Porträts zeichnen, er ist sogar in der Lage, am Computer Gesichtsalterungen zu machen. „Wenn wir ein Bild von einer seit zehn Jahren vermissten Person haben und die Kollegen wissen wollen, wie die Frau oder der Mann heute aussehen könnte, kommen sie zu mir.“ Scheerle ist einer von drei Spezialisten in Deutschland, die sich auf dieses „Aging“ verstehen.

Unter den deutschen LKA-Zeichnern gilt neben Liane Bellmann vom Landeskriminalamt Hessen auch die unter anderem vom FBI ausgebildete Diplom-Ingenieurin Steffi Burrath vom Landeskriminalamt Sachsen-Anhalt als Koryphäe. Die Wissenschaftlerin führt sogenannte Gesichtsweichteilrekonstruktionen durch. Als am 11. Februar 2006 eine verweste weibliche Leiche in der Aller bei Ahlden gefunden wurde, schlug Kriminalhauptkommissar Scheerle vor, die Kollegin aus Magdeburg hinzuzuziehen. Steffi Burrath gelang es, ein Bild der bis heute nicht identifizierten Frau zu zeichnen. Als Vorlage diente allein der Schädelknochen. Scheerle zeichnete später ein Ganzkörperbild von der Unbekannten. Erst vor wenigen Tagen ging das LKA mit den Bildern an die Öffentlichkeit.

Es ist faszinierend, was heute alles möglich ist“, sagt der Zeichner, als er Hameln verlässt. „Ich hoffe nur, dass mein Phantombild dazu beitragen wird, dass der Sexualstraftäter identifiziert wird.“ Scheerles Wunsch ist in Erfüllung gegangen. Nach Veröffentlichung seiner Skizze dauerte es nicht einmal zwei Tage, da legte der mutmaßliche Täter Dennis L. (22), ein wegen schweren sexuellen Missbrauchs von Kindern vorbestrafter Häftling der Jugendanstalt Hameln, ein Geständnis ab.

 

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