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Projekttag Sehen: Blinde besucht Fünftklässler / Kinder durchlaufen Parcours mit Augenbinde

„Mein Leben vertraue ich dem Hund an“

Bad Münder (lil). Ihre Mitmenschen und ihre Umwelt sehen zu können, ist für die Fünftklässler der Kooperativen Gesamtschule (KGS) Bad Münder selbstverständlich. Dass es Menschen gibt, denen es nicht so geht, haben sie gestern während ihres Projekttags erfahren. Zum Welttag des Sehens hatte Lehrerin Malihe Papastefanou die 34-jährige Nicole Beckmann, die seit ihrer Jugend nur hell und dunkel unterscheiden kann, in die Schule eingeladen.

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„Woher wissen Sie, wie spät es ist?“, „Sehen Sie alles schwarz?“, „Ist es schlimm für Sie, blind zu sein?“ – ihrer Neugierde ließen die Fünftklässler freien Lauf. „Jammern nützt nichts“, erklärte Beckmann den Mädchen und Jungen. „Man muss seine Behinderung oder Krankheit annehmen und das Beste daraus machen.“

So gab die 34-Jährige, die in Hannover lebt, den Schülern einen Einblick in ihren Alltag. Beckmanns wichtigster Begleiter ist ihr Blindenführhund „Fanny“. Die schokobraune Labradorhündin weist Beckmann den Weg. „Fanny ersetzt meine Augen“, erzählte die 34-Jährige, deren Ehemann auch blind ist. „Hätte ich kein Vertrauen zu ihr, würde sie es gleich merken.“ Trägt Fanny ihr Geschirr, darf sie nicht gestreichelt werden. „Sonst wird sie abgelenkt, und wir fallen eine Treppe runter“, erklärte sie den Schülern.

Neben ihrem „lebendigen Hilfsmittel“ machen etwa ein sprechender Taschenrechner, eine Armbanduhr mit Zahlen zum Fühlen und ein Farberkennungsgerät Beckmanns Leben leichter. Diese technischen Helfer durften die Schüler ausprobieren. Besonders beeindruckt waren die Fünftklässler jedoch, als die Labradorhündin ihr Können zeigte und in der Menge einen leeren Stuhl für ihre Halterin fand.

Selbst das Blindsein erfahren konnten die Mädchen und Jungen bei Übungen in ihrer Turnhalle. Mit verbundenen Augen ließen sich die Fünftklässler von ihren Mitschülern führen. Bei einem Hindernis sollte der „Lenker“ dem „Blinden“ auf die Schulter tippen. „Euer Partner passt auf euch auf“, sagte Lehrer Fahit Gözacan. Das klappte allerdings nicht immer. „Es gibt zwei Fehler“, erläuterte Gözacan. „Entweder hat der Lenker nicht aufgepasst, oder der andere hat nicht auf sein Zeichen reagiert.“ Auch wenn die Schüler die Übung im ersten Moment lustig gefunden hatten, überwog doch ihre Angst, zu stolpern oder gegen ein Hindernis zu laufen.

Den Ernst der Lage für einen sehbehinderten Menschen machte ihnen ihr Lehrer deutlich. „Könnt ihr euch vorstellen, was passiert, wenn Frau Beckmann nicht auf ihren Hund reagiert? Für einen Blinden kann jeder Fehler tödlich sein.“

Abgerundet wurde Projekttag zum Thema Sehen in den fünften Klassen der KGS durch eine Aktion zur Blindenschrift, Informationen zum Aufbau und zur Funktion des menschlichen Auges und einem Film.

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