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Per Kettensäge gegen Umsturzgefahr

Mein Freund der Baum ist tot

RINTELN. Es muss nicht immer „Kyrill“ sein. Potenziell jeder Orkan kann Bäume zum Umstürzen bringen. Um dieser Gefahr vorzubeugen, müssen in Rinteln die Bauhofleute mit der Kettensäge ran.

Christian Flasche (v. li.), Christian Aldag und Ann-Kathrin Gerber vom Baubetriebshof kämpfen mit den zum Teil fast armdicken Trieben des Efeus an der gefällten Birke. Fotos: jan
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Jan Oldehus Reporter zur Autorenseite

RINTELN. Auf dem Friedhof ist es am Morgen des 25. Januar vorbei mit der Totenruhe. Am Seetor knattert und kreischt die Benzinmotorsäge. Späne stieben aus dem Stamm der 15 Meter hohen Birke, die unter der rasenden Sägekette Stück für Stück zu Kleinholz wird. Christian Aldag vom Bauhof legt die Säge beiseite und zeigt den durchtrennten Efeustrang, dessen Arme sich wie eine ganze Familie von Würgeschlangen bis in die Krone emporgearbeitet haben.

„Mit dem Efeu hätte der Baum noch eine ganze Weile leben können“, sagt Aldag. „Das Problem ist: Die Birke ist vom Pilz befallen. Die Gefahr war einfach zu groß, dass sie eines Tages umfällt.“ Das Grün in der Krone der mächtigen Friedhofsbirke bestand fast nur noch aus dem immergrünen Araliengewächs. „Ein schöner Lebensraum für Vögel“, sinniert der Bauhofmann mit der Kettensäge, „aber …“

Seit Mitte Januar sind Mitarbeiter des Rintelner Baubetriebshofs damit beschäftigt, die von Baumgutachterin Antje Wiskow aufgelisteten Bäume zu fällen. „Die Sachverständige legt für uns die Maßnahmen und die entsprechenden Zeiten fest“, erklärt Bauhofleiter Klaus-Ulrich Hartmann beim Besuch unserer Zeitung im Büro im Emerten. „Wir verlassen uns ganz auf ihren Sachverstand“, fügt der Gärtnermeister hinzu. „Und wir pflanzen ja für die gefällten Bäume junge Bäume nach“ ergänzt sein Stellvertreter Heino Stemme. So eine Pflanzaktion soll übrigens in Kürze an der Steinberger Straße stattfinden.

Vorsichtsmaßnahme: Drei kranke Robinien sind am Mittwoch in der Ost-Contrescarpe gefällt worden.
  • Vorsichtsmaßnahme: Drei kranke Robinien sind am Mittwoch in der Ost-Contrescarpe gefällt worden.
Martin Welsch schaut sich die morschen Überreste einer Robinie an.
  • Martin Welsch schaut sich die morschen Überreste einer Robinie an.
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Spätestens, seit Sängerin Alexandra Ende der 60er-Jahre in ihrem berühmten Lied „Mein Freund der Baum“ den Tod eines Baums musikalisch betrauerte, reagieren viele Menschen mit Mitgefühl, einige gar mit offener Empörung darauf, wenn sie hören, dass ein Baum gefällt werden soll, oder es selber miterleben. Das wissen natürlich auch die Bauhofleute. „Sehen Sie sich an, wie morsch diese Robinie gewesen ist“, sagt Martin Welsch, der am Mittwoch in der Ost-Contrescarpe einen Fällauftrag per Kettensäge erledigt (wir berichteten). „Nicht, dass die Leute denken, wir legen hier einfach so Bäume um.“ Der ungefähr 80 Zentimeter dicke Stamm, der, wie auch die beiden benachbarten Robinien dicke Wucherungen an der Rinde aufweist, die teilweise schon abplatzt, ist in der Tat so morsch, dass selbst der Laie das Problem erkennen kann. „Die Kronen waren fast vollständig trocken und behinderten zudem durch ihre Ausmaße die anderen Bäume auf dem kleinen Friedhof neben der Straße“, sagt Welsch. Fast möchte man ein leichtes Bedauern in seinem Gesicht ablesen, doch sein Chef Heino Stemme erklärt auf die Frage, ob es den Profis nicht doch manchmal leidtut, wenn sie die Motorsäge an Bäume anlegen: „Nein, eigentlich denken wir darüber nicht nach. Wir wissen ja, dass die Bäume aus gutem Grund gefällt werden müssen.“

Für Gefühle bleibt ja ohnehin kein Platz, wenn es schlicht darum geht, der Verkehrssicherungspflicht nachzukommen. Schließlich dreht sich bei der Frage, die sich Stadt und Gutachterin im Rahmen der gesetzlich vorgeschriebenen Baumkontrollen stets aufs Neue stellen müssen, alles um den Aspekt Standsicherheit. Nichts und niemand soll durch umstürzende Bäume gefährdet werden. „Die Ursachen für die fehlende Standsicherheit“, erläutert Bauhofchef Hartmann, „sind unter anderem Befall mit holzzersetzenden Pilzen, Bakterienkrankheiten, Einfaulungen im Stammbereich oder mangelnde Vitalität.“ Auf all diese Dinge achtet die Baumsachverständige aus Stadthagen. Dipl.-Ing. Landschaftsplanung Antje Wiskow hat im Jahr 2012 das Baumkataster für Rinteln erstellt und nimmt seitdem regelmäßig Baumkontrollen vor. „Nicht immer sind nur Pilze oder Einfaulungen problematisch“, sagt sie im Gespräch mit unserer Zeitung. „Ist der Boden zu nass, wie in diesen Tagen, und es kommt noch der Sturm hinzu, können selbst gesunde Bäume entwurzelt werden. Das kann man nicht vorhersehen.“ Erkennen dagegen kann die Expertin, wenn der Hallimasch, auch Honigpilz genannt, einen Baum bedroht. „Der Hallimasch ist ein Kambiumkiller“, sagt Wiskow. Das Kambium ist beim Baum die Wachstumsschicht zwischen Holz und Rinde. „Durch Hallimasch kippen Bäume um.“

Und was ist mit dem Efeu, das so manchen Baum zu „erwürgen“ scheint? „Efeu bringt Bäume nicht um“, erklärt Wiskow. „Zum Problem kann allenfalls das zu hohe Gewicht werden, besonders bei Schneefall und Eisregen.“ Sie habe den Bauhof gebeten, aufstrebenden Efeu an Baumstämmen zu durchtrennen, um ein Weiterwachsen zu verhindern. „Das machen die inzwischen sehr zuverlässig“, freut sich die Sachverständige. Misteln hingegen, die auch in Rinteln vermehrt in Bäumen zu beobachten sind, seien als Schmarotzer eine Gefahr für ihren Wirt. „Sitzen zu viele Misteln in einem Baum – je nach Größe etwa mehr als 15 –, dann ziehen diese zu viele Nährstoffe ab. Der Baum stirbt.“ Die Drosseln seien es wohl, mutmaßt Antje Wiskow, die zuhauf in Bäumen sitzen, Misteln fressen, noch ein halbes Stündchen verweilen und dann die neue Saat für den Mistelnachwuchs an Ort und Stelle einfach „auskacken“.

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