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Aus der Gründungsgeschichte der gewerblichen Berufsschulen

Meilenstein für die Bildung

Der Besuch ist ein verhältnismäßig reger“ schrieb 1887 der Bückeburger Lehrer Volmer an den Magistrat. Die von ihm im Herbst des Vorjahres ins Leben gerufene freiwillige „Fortbildungsschule für Gesellen, Gehilfen, Lehrlinge und Fabrikarbeiter bis 18 Jahre“ komme gut an.

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VON WILHELM GERNTRUP

Die Darstellung des hauptberuflich an der örtlichen Bürgerknabenschule tätigen Pädagogen war stark übertrieben. Das neue Lernangebot hatte gerade mal 17 Interessenten angelockt. Der Unterricht ging abends zwischen 8 und 9.30 Uhr über die Bühne. Pro Woche fielen sechs Stunden an – montags Zeichnen, dienstags Deutsch und Schreiben, donnerstags Rechnen und Schreiben, und freitags war Buchführung angesagt. Unterrichtet wurde nur außerhalb der Saat- und Erntesaison in der Zeit zwischen Michaelis (29. September) und Ostern. Das Gros der teilnehmenden jungen Burschen kam laut Volmer aus „minderbemittelten Familien“.

Was aus heutiger pädagogischer Sicht eher dürftig anmuten mag, war in Wirklichkeit ein Meilenstein der hiesigen Bildungsgeschichte. Die Initiative Volmers markiert den Start des Schaumburger Berufsschulunterrichts. Kurz darauf ging es auch in den beiden anderen heimischen Metropolen Rinteln (1892) und Stadthagen (1901) los. Etwas später folgten Obernkirchen, Hessisch Oldendorf und Rodenberg.

Was und wie sich die berufsbegleitende Ausbildung hierzulande anfangs abspielte, ist weitgehend unerforscht. Allerdings lässt bereits ein flüchtiger Blick in die alten Akten ahnen, dass es heftig zur Sache ging. Das hat vor allem mit den damaligen politischen und gesellschaftlichen Verhältnissen zu tun. Die Arbeitswelt hatte sich im Zuge der Industrialisierung dramatisch verändert. Die zuvor über Jahrhunderte hinweg von den Zünften geregelte und auf rein handwerkliche Tätigkeit abgestellte Ausbildung (Lehrling – Geselle – Meister) war in den neuen Fabriken nicht mehr gefragt. Schlimmer noch: In den Städten wuchs ein immer größeres, von sozialer Verelendung bedrohtes (und auf die fürstlichen Obrigkeiten und die Industriebarone bedrohlich wirkendes) Heer proletarischer Jugendlicher heran. Der Ruf, die jungen Leute von der Straße zu holen und ihnen mittels ergänzender Ausbildungsangebote mehr berufliche und gesellschaftliche Chancen zu eröffnen, wurde immer lauter. Die staatlichen Stellen stellten sich taub oder schoben das Thema – nicht zuletzt aus Kostengründen – vor sich her. Einzige Reformanstrengung war eine Änderung der Reichsgewerbeordnung. Danach konnten Städte und Gemeinden ab 1869 den in ihren Mauern wohnenden und arbeitenden „Gesellen, Gehülfen und Lehrlingen“ den Besuch einer Fortbildungsschule vorschreiben. Parallel dazu durften die Unternehmer verpflichtet werden, „ihren Arbeitern unter achtzehn Jahren, welche eine von der Gemeindebehörde oder vom Staate als Fortbildungsschule anerkannte Unterrichtsanstalt besuchen, die hierzu erforderliche Zeit zu gewähren“. Vom Gesetzgeber unbeantwortet blieb die Frage, wer für die Einrichtung und den Unterhalt derartiger „Fortbildungsschulen“ zuständig war. Auch die Möglichkeit, die Arbeitgeber zur Freistellung ihrer Lehrlinge zu verpflichten, erwies sich wegen zahlreicher Schlupflöcher als Makulatur.

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  • Hinweis des Bückeburger Schulvorstands auf den Beginn des Fortbildungs-Schulunterrichts 1917 (Schaumburg-Lippische Landes-Zeitung vom 16. April 1917).

In dieser Situation trieben überall im Reich sozial und fortschrittlich denkende Einzelkämpfer die Sache voran. Zu den Wegbereitern in Bückeburg sollen – neben dem bereits erwähnten Lehrer Volmer – auch dessen Kollegen Heine und Bonwitt sowie der Ratsherr Middendorf gehört haben. In den Rintelner Aufschreibungen taucht immer wieder der Name des Lehrers Pfingsten auf. Und leidenschaftlichster Verfechter eines berufsbegleitenden Weiterbildungsangebots in Stadthagen war der überregional als Wortführer der Armen und Hilfsbedürftigen in seiner Stadt bekannte Pastor Walzberg.

Die Schilderung der weiteren Entwicklung würde mehrere Bände füllen. Anzahl, Größe, Organisation, Qualität und Lernziele der neuartigen Schulen änderten sich häufig. Etliche Fachbereiche und Wirtschaftszweige, darunter Handel, Land- und Hauswirtschaft, Industrietechnik oder Seefahrt (Zielgruppe Heringsfänger), führten zeitweise eine Art „organisatorisches Eigenleben“. Auch die Handwerkerausbildung bekam den Wandel zu spüren. Laut Klassenliste gingen 1898 in Rinteln Zöglinge aus den „klassischen“ Berufen Schlosser (12), Schreiner (8), Maler (5), Bäcker und Schlachter (je 4), Schmied, Drucker und Tischler (je 3), Maurer, Bildhauer, Schuhmacher und Sattler (je 2) sowie je ein Barbier, Dachdecker, Klempner und Mollenhauer in die Fortbildungsschule. An Fahrzeug- und Fluggerätemechanikeroder IT-System-Elektroniker dachte noch keiner.

Auslöser und Ursache des stetigen Wandels waren – neben dem gewaltigen technischen und wirtschaftlichen Fortschritt – vor allem die politischen und gesellschaftlichen Umbrüche des letzten Jahrhunderts. In den 1920er Jahren drohten die von der Weimarer Regierung in „Berufsschulen“ umgetauften Einrichtungen in den Sog der Großindustrie zu geraten.

Nach der „Machtergreifung“ nutzte das NS-Regime die Ex-Fortbildungsschulen zur ideologischen Ausrichtung der künftigen Kriegsgeneration. Etliche der dabei angeordneten Neuerungen wie Berufsschulpflicht, Besoldungsrecht der Lehrer oder Trägerschaft der Landkreise und Städte wurde nach 1945 beibehalten. Ansonsten hat sich das Leben und Treiben in den heute hierzulande zuständigen „Berufsbildenden Schulen“ (BBS) Stadthagen und Rinteln komplett verändert. So sind aus den sechs Unterrichtsstunden pro Woche für 17 Schüler, durchgeführt von Lehrer Volmer, mittlerweile 4000 Wochenstunden für 3500 Schüler durch 210 Lehrkräfte geworden.

Die BBS Rinteln ist zusammen mit ihrer Schwestereinheit in Stadthagen für Organisation und Durchführung des berufsbegleitenden Angebots im Landkreis Schaumburg zuständig.

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