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Warum Landwirt Henning Priesett trotzdem Verständnis für die Massentierhaltung vieler Kollegen hat

Masthähnchen? Kommt ihm nicht auf den Tisch

Bad Münder (mf). 40 000 Küken stehen dicht an dicht. Nur von der Decke herabstrahlendes Kunstlicht erhellt die riesige, fensterlose Halle. Ein moderner Hähnchenmastbetrieb, wie ihn derzeit auch mehrere Bauern zwischen Deister und Süntel planen. Dagegen verkörpert Landwirt Henning Priesett mit seinem Hof an der Hannoverschen Straße den krassen Gegenentwurf. Auf seiner großen Streuobstwiese laufen Gänse, Puten, Enten und Hühner frei umher, gackern und schnabeln vergnügt. Mit den Tieren aus der Massentierhaltung teilen sie allerdings ein Schicksal: Am Ende landen sie alle im Schlachthof.

Bauernhofidylle, die ihren Preis hat: Henning Priesetts Freiland

Gleichwohl käme Priesett niemals ein Tier aus einem der großen Mastbetriebe auf den Tisch, wie er sagt. „Man sieht und schmeckt den Unterschied“, ist er überzeugt. Zum Geflügel kam er eher zufällig. Weil die Obstwiese neben dem Gehöft vor langer Zeit in eine städtische Liste schützenswerter Bäume aufgenommen wurde, muss er ihren Zustand erhalten. Früher fraßen sich rund 200 Schweine durch die kübelweise von den Bäumen fallenden Kirschen, Zwetschgen und Äpfel und sorgten so für eine „aufgeräumte“ Wiese. Nachdem Priesett seinen Hof auf Ackerbau konzentriert hatte, mussten andere Verwerter her. Der heute 55-Jährige entschied sich für Geflügel. Das ist jetzt 20 Jahre her. Die Küken holt er seitdem in jedem Frühjahr persönlich aus einer Brüterei bei Wildeshausen, wenn sie drei Wochen alt sind.

Acht Monate leben sie anschließend auf seinem Hof, bevor es dann Anfang November und damit rechtzeitig vor dem Weihnachtsfest zum Schlachthof geht. „Damit werden sie doppelt so alt wie die Tiere aus Massenhaltung, die nur vier Monate leben“, betont Priesett. Die im Eiltempo unter industriellen Bedingungen gemästeten Tiere hätten denn auch einen deutlich höheren Fett- und Wasseranteil als ihre freilaufenden Artgenossen. „Da schrumpft eine Gans im Ofen schnell mal auf die Größe eines Hähnchens“, frotzelt er.

Das von ihm gezüchtete Federvieh habe allerdings auch seinen Preis, räumt Priesett offen ein. Mit elf Euro je Kilo sei sein Gänsefleisch doppelt so teuer wie das aus Massenhaltung. Wer zu ihm komme, sei aber bereit, diesen Aufschlag ohne Murren zu zahlen, „weil es ihm wichtig ist zu wissen, woher das Fleisch stammt, das auf seinem Teller liegt“.

Priesett ist aber auch Realist: „Meine Kunden gehören zu einer Minderheit. Es gibt viele Menschen, die sich das schlichtweg nicht leisten können.“ Der Großteil der Verbraucher treffe seine Kaufentscheidung über den Preis – und das bedeute dann aus intensiver Erzeugung.

Ein Verhalten, das der Bauer keineswegs verurteilen will. Ebenso wenig wie jene Berufskollegen, die sich für die Massenmast entscheiden. Im Gegenteil, er habe dafür sogar großes Verständnis, weil es nämlich in der Regel notgedrungen darum gehe, den Betrieb so zu positionieren, dass er auch die nächste Generation noch ernährt.

„Früher waren die Höfe kleiner, und trotzdem konnten mehrere Generationen von ihrer Bewirtschaftung leben. Heute reicht es oft kaum mehr für ein Einkommen“, sagt Priesett. Nur weil seine Kinder sich beruflich außerhalb der Landwirtschaft orientiert hätten, blieben ihm diese Probleme glücklicherweise erspart.

Dass die derzeit überall wie Pilze aus dem Boden schießenden Mastanlagen allerdings eine wirklich lohnende Existenzgrundlage sein sollen, glaubt der 55-Jährige nicht. „An jedem Hähnchen sind dort gerade mal zwei bis drei Cent zu verdienen. Da macht es, wenn überhaupt, nur die Masse.“

Zumal zunächst Millionenbeträge in den Bau der Ställe investiert werden müssten, die vielfach nach 20 Jahren noch nicht zurückgezahlt seien. Keiner könne außerdem vorhersagen, wie sich das Verbraucherverhalten in dieser Zeitspanne entwickeln wird. Bei einbrechender Nachfrage drohe dem Landwirt, auf einem gewaltigen Schuldenberg sitzen zu bleiben, gibt sich Priesett nachdenklich. „Ganz ehrlich, mir wäre das zu unsicher. Ich bin deshalb heilfroh, dass ich von der Tierhaltung nicht leben muss.“

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