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Jahreswechsel in der Prince Rupert School: Böller sind verboten – aber ein bisschen wird trotzdem gefeiert

„Man merkt nicht, dass Silvester bevorsteht“

Rinteln. Es ist ruhig an diesem Tag vor Silvester in der Prince Rupert School. Die Büros der DRK-Mitarbeiter werden nicht belagert wie sonst, die Flure sind relativ leer, die Geräuschkulisse hält sich in Grenzen. Gut die Hälfte der 600 dort untergebrachten Flüchtlinge, schätzt DRK-Mitarbeiter Wissem Ben Larbin, haben sich über die Feiertage aufgemacht, um Verwandte zu besuchen. Und viele der Mitarbeiter haben Urlaub. Deutschkurse, Sportangebote, Kinderbetreuung finden erst wieder ab Montag statt. Bleiben immer noch rund 300 Flüchtlinge, die über die Feiertage in Rinteln sind. Unsere Zeitung hat mit einigen von ihnen gesprochen, um zu erfahren, wie sie Silvester verbringen.

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Abdul Jalil Al Esmadi aus Damaskus wird den heutigen Silvesterabend mit seiner Familie in Rinteln verbringen. Böller oder Raketen habe er allerdings nicht gekauft. „Die sind hier auch nicht erlaubt“, sagt er. Tatsächlich wird auf handgeschriebenen Zetteln an den Wänden der Notunterkunft in fünf Sprachen darauf hingewiesen, dass Feuerwerkskörper in der Prince Rupert School verboten sind. Aus zweierlei Gründen: Man will in einer Masseneinrichtung wie dieser kein unnötiges Brandrisiko eingehen, wie Unterkunftsleiter Eckhard Ilsemann vom DRK sagt. Aber auch, um tunlichst explodierende Böller auf dem Gelände der Unterkunft zu vermeiden, wie Ben Larbi anmerkt. „Viele der Menschen hier sind durch Kriegserlebnisse traumatisiert. Ein Mann wurde schon von einem Böller, der in einer Nebenstraße gezündet wurde, völlig aufgeschreckt“, erzählt er. Also keine Raketen und Böller für Al Esmadi und seine Familie.

Al Asmadi wundert sich ein wenig. „Man merkt Rinteln gar nicht an, dass Silvester bevorsteht“, sagt er. In Damaskus seien schon Tage vor Silvester die Straßen geschmückt, besonders in dem überwiegend von Christen bewohnten Stadtteil Bab Tuma. Dort, sagt er, ziehe es die Menschen an Silvester besonders hin. „In Damaskus feiern wir alle Feste gemeinsam, Muslime und Christen“, merkt er an. Es entspinnt sich eine lebhafte Diskussion darüber, ob Silvester eigentlich „Haram“, islamisch gesehen also Sünde sei. Nach kurzer Zeit kommt man darin überein, dass der religiöse Hintergrund dieses Festes für die meisten Menschen völlig unbedeutend sei und deshalb nicht wirklich sündhaft sein könne.

Zu Hause wäre Al Asmadi mit seiner Familie in ein Restaurant mit Silvesterbüffet, Feuerwerk und allem Drum und Dran gegangen, sagt er. Aber es herrscht Krieg, da sei alles anders. Seine drei Kinder wünschen sich, dass er und ihre Mutter heute Abend mit ihnen rausgehen. In der Mühlenstraße gibt es seit Kurzem ein neues Café, das Masaya. Der Besitzer ist Syrer. „Dort werden wir wohl hingehen“, sagt Al Asmadi, der auch einen Wunsch hat. „Dass die Menschen in Damaskus an Silvester etwas Ablenkung vom Krieg finden und dass der Krieg bald endet. Und für meine Familie und mich wünsche ich mir ein normales Leben, sodass wir bald nicht mehr zu fünft in einem neun Quadratmeter großen Zimmer zusammenhocken müssen“, sagt er.

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In einem anderen Zimmer spielt Bilal Zarour mit einem Zimmergenossen Schach. Sein Vater Ihsan (76) schaut ihm dabei auf die Finger. „Er ist unser Trainer“, sagt Bilal Zarour und lacht. Die beiden Männer kamen mit einem weiteren männlichen Verwandten, der inzwischen in der Theatergruppe der Prince Rupert School aktiv ist, ebenfalls aus Damaskus nach Deutschland.

Zu Beginn ihrer Flucht vor dem Bürgerkrieg hätten sie noch ihre Frauen, Kinder und Enkelkinder dabeigehabt. Aber angesichts der gefährlichen Fahrt mit dem Schlauchboot von der Türkei nach Griechenland schickten sie sie wieder zurück. Zu gefährlich.

Der 37-jährige Bilal Zarour zückt sein Smartphone und zeigt ein Foto seiner drei Kinder, glücklich am Wasser spielend. „Wir hoffen, sie möglichst bald nachholen zu können“, sagt er.

In Syiren würden sie heute mit ihren Familien ins neue Jahr reinfeiern. „Die Menschen in Damaskus lassen keine Feier aus“, sagt Ihsan Zarour, „egal, ob es ein christliches oder muslimisches Fest ist.“ Aber natürlich fielen kriegsbedingt jetzt auch die Feste verhaltener aus.

Aber auch in der Prince Rupert School hält sich die Feierlaune in Grenzen. Die jüngeren Zimmergenossen wollen heute nach Hannover, „da ist was los“, sagt einer. Ihsan Zarour, sein Sohn und sein Neffe werden wohl mitfahren. Aber in Gedanken, sagen sie, sind sie bei ihren Familien.pk

Abdul Jalil Al Asmadi mit seiner Frau Ferial Ali, seiner Tochter Inas Cesandir (16) und seinen Söhnen Mahjid (14) und Suher Al-Smad (11) in ihrem Zimmer in der Prince Rupert School. In Damsakus würden sie heute schön essen gehen, mit allem, was zu Silvester dazugehört. Heute Abend werden sich die Feierlichkeiten wohl auf einen Besuch in einem Café beschränken.pk (2)

Ihsan Zarour (Mitte) mit seinem Sohn Bilal (2. v. l.), seinem Neffen und ihren Zimmergenossen.

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