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Machtkämpfe um die Schaumburg-Identität

Landrat – im Jahr 2010 ein eher unpassender Titel für den Topmanager eines Dienstleistungsunternehmens, Chef von rund 1900 Mitarbeitern, zuständig für rund 160 000 Menschen und für vieles, was Zivilisation ausmacht – Bildung, Mobilität, medizinische Versorgung.

Ernst-August Kranz, der Landrat der Einheit, der verhinderte, da

Autor:

Hans Weimann

Mit einem Landrat verbindet man, historisch gewachsen, eher das Bild eines „kleinen Königs“, einer Obrigkeit, die ihre Tage mit Wildschweinjagd und Festbällen zugebracht hat. Soweit ein Geschichtsbild, das eher einer Karikatur entspricht und so auch nicht stimmt, wie Rintelns Museumsleiter Dr. Stefan Meyer an einem Beispiel schildert: Hans Dietrich von Ditfurth war ein korrekter Beamter mit großem Engagement für seinen Geburtsort Rinteln.

Auch das mit der einstigen Allmacht eines Landrates hält Meyer für eine Mär: In der wilhelminischen Zeit hatte ein Bürger durchaus reelle Chancen, gegen Verwaltungsentscheidungen anzugehen. Die 48er-Revolution war gerade vorbei, Verwaltungshandeln kontrollierbarer geworden. Startschuss für das, was man heute unter moderner Exekutive versteht.

Mit Ende des Zweiten Weltkriegs brachen die Briten die Tradition der Einmannshow. Der Landrat wurde entmachtet und Repräsentant, die Verwaltung führte jetzt ein Oberkreisdirektor. Ein Modell, von dem sich die damaligen Besatzer wohl eine bessere Kontrolle der Exekutive versprachen. Ein Modell, das 30 Jahre hielt.

Werner Vehling, mehr Moderator und Repräsentant als Politiker.
  • Werner Vehling, mehr Moderator und Repräsentant als Politiker.
Herbert Sass, der Machtmensch, opferte sich für die Parteiräson.
  • Herbert Sass, der Machtmensch, opferte sich für die Parteiräson.
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Die Namen der ersten Amtsträger dieser neuen Konstellation sind bis in die siebziger Jahre aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwunden. Dann kamen 1976 Innenminister Rötger Groß und seine Weber-Kommission und setzten die Verwaltungs- und Gebietsreform auf die Tagesordnung. Der Landrat wurde plötzlich wieder zum Hüter von Heimat und Besitzstand. Die Rintelner gingen auf die Barrikaden, denn den Bürgern wurde schnell klar, bei einer Kreisreform konnten sie nur verlieren, würde ein Behörden-Exodus eingeleitet. Was dann auch eingetroffen ist.

Die Ausgangslage in beiden Landkreisen hätte unterschiedlicher nicht sein können: In der Grafschaft hielt der übermächtige Landrat und Genosse, Ernst-August Kranz, seit 1973 im Amt, die Fäden in der Hand. Sein Oberkreisdirektor Ulrich Neidhardt durfte zuarbeiten. In Schaumburg-Lippe kam an Landrat Herbert Sass, ebenfalls SPD-Mitglied, und Oberkreisdirektor Hans-Heinrich Eckmann niemand vorbei. Sass bestimmte die Politik, Eckmann führte seine Verwaltung in bester preußischer Manier. Mit der Fusion prallten die unterschiedlichen Führungsstile aufeinander, was Veränderungen erzwang. Herbert Sass musste auf Druck der Partei dem ehemaligen Grafschafter Ernst-August Kranz das Amt des Landrates überlassen. Eingefädelt hatte den Deal Ernst Kastning, der als Unterbezirksvorsitzender beide Altkreise vertrat. Sass, gleichzeitig Landtagsabgeordneter, verlagerte sein Engagement nach Hannover. Was ihn nicht hinderte, seinem Nachfolger im Kreistag das Leben so schwer wie möglich zu machen. Genosse hin, Genosse her. Auch Eckmann musste zurückstecken. Die neuen Kreistagsabgeordneten zeigten ihm seine Grenzen als Verwaltungschef – und auch, dass ein Kreistag mehr kann, als nur Vorlagen abnicken. Eckmann schied 1990 aus dem Amt. Ulrich Neidhardt übrigens, Bauernopfer der Fusion, machte sich nach Auflösung seiner Behörde als Rechtsanwalt selbstständig und entdeckte die Freuden des Landlebens. Warum Rinteln nicht nach Hameln und damit auf die Weserschiene geschoben worden ist, wie es sich heute manche Kommunalpolitiker wünschen, Schaumburg-Lippe nicht in einem Großkreis Hannover aufgegangen ist? Das ist eine andere Geschichte.

Dominiert wurde die Politik nach Eckmanns Abgang von seinem Nachfolger Dr. Klaus-Henning Lemme und – das war neu in dem Geschäft – nicht mehr vom Landrat, sondern den Fraktionsspitzen. Mit Wolfgang Foerstner (SPD) und Joachim Gutsche (CDU) erreichte der Kreistag eine bis dahin nicht gekannte Debattenkultur. Vor allem Foerstner sorgte für intellektuelle Schärfe und stand für einen neuen Pragmatismus in der Politik jenseits des Parteienklüngels. Dafür hatten die Landräte großen Einfluss auf die Stimmungslage der Bevölkerung im neuen Großkreis.

Wer eine Biografie über Schaumburgs Landräte nach der Fusion schreiben wollte, kann zwei nicht mehr befragen: Ernst-August Kranz und Heiner Schoof sind tot. „Er war ein Politiker mit großer Beharrlichkeit“, schrieb die Schaumburger Zeitung im Nachruf auf Kranz, der am zweiten Weihnachtstag 2003 im Alter von 84 Jahren starb. Kranz war nach der Fusion der Landrat der Einheit. Im Parlament und an den Theken der Vereine warb er für ein neues Schaumburg-Gefühl, das seinen Ausdruck in der von ihm ins Leben gerufenen Schaumburger Begegnung fand: Essen und Trinken für eine neue Schaumburger Identität. Kranz hat der Nachwelt die noch heute bestens funktionierende Schaumburger Deutsch-Amerikanische Gesellschaft hinterlassen, die er mitbegründet hat.

Heiner Schoof, Landrat von 1981 bis 1986, war wie Kranz fest verwurzelt in der Schaumburger Scholle. Kranz und Schoof, das war eine Liga. Schoof knüpfte nahtlos an den Repräsentationsstil von Kranz an: jovial, volksverbunden und mit derbem Humor, beseelt von dem Wunsch, die Gräben zwischen Grafschaftern und Schaumburg-Lippern einzuebnen. Schoof starb am 15. Juli 1998 im Alter von 74 Jahren. Er hat die Partnerschaft mit der französischen Stadt Soissons mitbegründet.

Und noch einer war nah am Volk: Cord Bothe aus Hagenburg, erster stellvertretender Landrat unter Ernst-August Kranz. Bothe starb 66-jährig am 30. März 1987.

Es war die Wahlniederlage der SPD, die Schoof 1981 auf den Landratsstuhl gebracht hatte. Bei den nächsten Kommunalwahlen wählte die Mehrheit der Schaumburger wieder links und damit schlug die Stunde des Sozialdemokraten Werner Vehling. Foerstner wie Lemme wollten nämlich den aufsässigen Querdenker in der SPD, den Bückeburger Bürgermeister Helmut Preul, der Ansprüche auf das Amt angemeldet hatte, auf alle Fälle verhindern. Für Vehling sprach: Er war unbelastet, populär und Schaumburg-Lipper – und die waren nach den Grafschaftern auch mal dran. Vehling war ein guter Moderator und stand verlässlich zur Fraktion. Ein cleverer Schachzug für beide Seiten. Vehling blieb zwölf Jahre im Amt, ehe mit Heinz-Gerhard Schöttelndreier beide Funktionen, Landrat wie Oberkreisdirektor, wieder vereint wurden.

Eine De-facto-Koalition zwischen SPD und CDU bestimmte in den nächsten Jahren die Marschrichtung im Landkreis, Konsenspolitik wurde Markenzeichen made in Schaumburg.

Für die Regionalfürsten war das Ziel nach der Fusion klar: Möglichst viel aus der Konkursmasse herauszuholen. So hatte die Grafschaft in den ersten Jahren mit Kranz, Foerstner, Gutsche und Werner Schlütsmeier (FDP) eine starke Lobby gegenüber den allmächtig erscheinenden Schaumburg-Lippern. Dass nach und nach immer mehr Behörden in Rinteln abgezogen wurden, konnten sie nicht verhindern. Der Einfluss der Grafschafter im fernen Kreishaus schwand kontinuierlich und ist inzwischen auf einem Tiefpunkt angelangt.

Stellvertreter gab es auch während der Zeit der Zweigleisigkeit. Doch weil sich dieses Amt in der Regel darauf beschränkte, auf diversen Festen diverse Umschläge an diverse Vereine zu überreichen, lagen die Schwerpunkte der politischen Arbeit bei den jeweiligen Amtsinhabern woanders: Ernst Kastning, Mitglied des Haushaltsausschusses im Bundestag, mischte in Bonn mit. Helmut Günther und Heinz Grabbe hielten die SPD auf Linie, Gunter Feuerbach die CDU. Was den ehrenamtlichen stellvertretenden Landräten geblieben ist: Bei Terminen gibt es einen Dienstwagen mit Chauffeur.

Eckmann war es, der 1990 den Hannoveraner Dr. Klaus-Henning Lemme als Oberkreisdirektor nach Stadthagen holte. Lemme manövrierte den neuen Großkreis souverän durch die Finanzkrise in Niedersachsen. Nur drei von 38 Landkreisen schrieben damals keine roten Zahlen. Schaumburg war einer davon.

Lemme stand als Alt-68er für Teamarbeit und ließ, anders als Eckmann, seinen Fachdezernenten Spielraum für kreative Ideen und bezog im Kreistag die Opposition bei wichtigen Entscheidungen immer mit ein.

Ein Führungsstil, der sich auszahlte, als die Krise da war und damit das Ende der Wohltaten. Lemme schlug die „Rasenmähermethode“ vor, Kürzungen von zehn Prozent über alles – und die Opposition zog mit. Betroffen waren davon auch die Rollstuhlfahrer, die keine Taxigutscheine mehr bekommen sollten und einen Protestmarsch ins Kreishaus organisierten. Lemme stellte sich den Behinderten persönlich im Gespräch, bei dem es ziemlich emotional zuging. Diese Stunde, sagt Lemme, sei für ihn als Sozialdemokrat die schlimmste in seiner Amtszeit gewesen.

Der Zwang zu sparen, der auch mehr Effizienz in der Verwaltungsarbeit bedingte, hat Lemme und seinen Nachfolger nie mehr verlassen. So krempelte Lemme mit Schöttelndreiers Hilfe, damals zweiter Wahlbeamter, die Verwaltung um, so weit das in einer Behörde machbar ist, und führte ein, was man heute „Benchmarking“ nennt, ein Verfahren, bei dem Produkte und Dienstleistungen mit anderen Verwaltungen verglichen werden. Eine Methode, die später als Schaumburger Modell von anderen Landkreisen kopiert worden ist.

Lemme ist zwar Alt-68er, aber auf dem Teppich geblieben. Petersilie in den Blumenkästen war ihm immer suspekt. So verhinderten Lemme und Foerstner erfolgreich die Wahl des Grünen-Chefs Michael Dombrowski zum zweiten Mann in der Verwaltung und setzten dafür mit Eva Burdorf die Frauenquote und vor allem eine Parteilose durch – auch als Schlussstrich unter die Parteibuchpolitik von Eckmann und Sass.

Dr. Klaus-Henning Lemme residiert heute als Anwalt und Spezialist für Verwaltungsrecht in Bückeburg. Weggegangen ist er übrigens aus dem Kreishaus noch vor Ablauf seiner Wahlperiode, weil ihn Gerhard Schröder als Staatssekretär im Hannoveraner Finanzministerium wollte.

Oberkreisdirektor Hans-Heinrich Eckmann hat sich nach seinem Ausscheiden ins Privatleben zurückgezogen.

Wolfgang Foerstner hält sich weitgehend aus der Politik heraus und engagiert sich dafür im Vorstand des DRK-Kreisverbandes.

Ehemalige Kommunalpolitiker charakterisieren den wechselnden Politikstil im Kreishaus so: Eckmann habe den Kreistagsabgeordneten nur die Informationen vorgelegt, die er für nötig hielt. Wer andere Meinungen hören wollte, musste dicke Bretter bohren, frei nach Eckmanns Motto: „Worüber wollen wir hier noch groß diskutieren, ich habe Ihnen doch eine Vorlage gemacht.“ Lemme zeigte den Abgeordneten immer Alternativen auf, wobei seine Regierungskunst darin bestand, Optionen so zu gewichten, dass der Kreistag am Ende meistens dann doch so entschied, wie es die Verwaltung vorgeschlagen hatte. Mit Schöttelndreier als erstem hauptamtlichen Landrat betrat ein Verwaltungsprofi die Bühne, der unter verschärften Bedingungen bei Eckmann das Überleben trainiert hatte, bei Lemme als graue Eminenz und unbestrittener Herr der Zahlen im Kreishaus immer den entscheidenden Informationsvorsprung besessen hatte, den er zu nutzen wusste.

Lemme sagt heute scherzhaft wie anerkennend über seinen Nachfolger: „Normalerweise legt man im ersten Jahr nach der Amtsübernahme einen Steilflug hin und geht dann in den Langstreckenmodus über, der Energie spart. Schöttelndreier ist immer im Steilflug geblieben.“

Sie sind die Hüter von Heimat, jovial und volksverbunden: Männer wie Heiner Schoof oder Ernst-August Kranz haben das Amt des Landrats mit Leben erfüllt. Ein Streifzug durch die Geschichte – in der Grafschaft, in Schaumburg-Lippe und im Landkreis Schaumburg.

Heiner Schoof (rechts, hier mit Franz-Josef Stöckl beim Bockbieranstich, im Hintergrund Ernst Kastning), wie ihn die Schaumburger kannten: Volksnah, immer für einen guten Witz zu haben und um keine schlagfertige Antwort verlegen.

Fotos: Archiv/ rg

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