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Jörg Holst (47): Volksfürsorge will trotz Berufsunfähigkeit nicht zahlen / Berufung im November

Lkw-Fahrer fühlt sich von Versicherung betrogen

Möllenbeck (cok). Jörg Holst (47) aus Möllenbeck war Lkw-Fahrer und besaß einen eigenen 40-Tonner. Dann wurde er krank und konnte nicht mehr fahren. Seine Versicherung ließ ihn im Stich. "Und jetzt", sagt er, "jetzt beschäftige ich mich schon seit Jahren mit nichts anderem mehr als damit, dass ich mein Recht bekomme."

Hofft auf die Verhandlung im November: Jörg Holst.

1992 hatte er sich selbstständig gemacht und für 100 000 Mark einen Lkw gekauft. Im Auftrag der Firma Heye war er damit für die Rinteln-Stadthäger Eisenbahn unterwegs. Damit der enorme Kredit bei der Sparkasse Obernkirchen vernünftig abgesichert wäre, schloss er bei der Volksfürsorge eine Berufsunfähigkeitsversicherung ab, die im Fall des Falles mit damals 3000 Mark pro Monat eintreten sollte. Dieser Fall trat im Jahr 2001 tatsächlich ein. Jörg Holst erlitt eine Nervenentzündung im Oberschenkel, in deren Folge eine Oberschenkelvenen-Thrombose auftrat. Nach der Behandlung konnte er kaum noch laufen und sein Arzt sagte ihm: "Den Lkw können Sie verkaufen - haben Sie eine Versicherung?" Mit zwei ärztlichen Attesten, dieihm eine Berufsunfähigkeit bescheinigten, wandte er sich an die Volksfürsorge. Damit nun begann ein Marathon von Gutachten und Gegengutachten, von Anwaltschreiben hin und her und endlosen Zwisten mit Gericht und Versicherung. Es stellte sich nämlich heraus, dass der Versicherungsvertrag eine Zusatzklausel enthielt, die besagte, Holst müsse sich im Krankheitsfall eine andere Beschäftigung suchen, für die er noch als berufsfähig angesehen werden könne. Außerdem vermutete die Versicherung, deren Arzt zunächst erkannt hatte, dass das "Bein kaputt" sei, die Schmerzen kämen vielleicht doch vom Rücken, und Rückenprobleme waren im Vertrag ausdrücklich ausgeschlossen worden. Damit wurde praktisch alles angezweifelt, was Grundlage für die Auszahlung der Versicherung gewesen wäre. Bei einer ersten mündlichen Verhandlung wurde beschlossen, dass es vor einer Entscheidungsfindung langwierige neue medizinische und auch ein berufskundliches Gutachten geben müsse. "Alles, worauf ich mich verlassen hatte, fiel wie ein Kartenhaus in sich zusammen", sagt Jörg Holst. Er konnte nicht arbeiten, verdiente nichts mehr, musste Haus und Lkw abzahlen und verbrauchte seine finanziellen Rücklagen. "Die Schlinge zog sich immer fester zu..." Über drei Jahre zog sich die Erstellung der Gutachten hin. Die Versicherung beauftragte einen Orthopäden, der nicht Bein-, sondern Rückenprobleme bestätigte. Und das berufskundliche Gutachten der Industrie- und Handelskammer in Frankfurt an der Oder kam zu dem Schluss, dass Holst zwar keinen Lkw mehr fahren könne, aber zum Beispiel noch als Auslieferungsfahrer zum Beispiel für Apotheken einsetzbar wäre. In der Verhandlung vor dem Landgericht Bückeburg, die endlich am 6. Februar dieses Jahr stattfand, fiel ein Urteil dergestalt, dass die Volksfürsorge keinen Pfennig zu zahlen habe. "Das ist alles so absurd", meint Jörg Holst, der die Zwangsversteigerung seines Hauses, die für Juli dieses Jahres angesetzt war, um ein halbes Jahr verschieben konnte. Von der Agentur für Arbeit bekommt er nur eine minimale Unterstützung (er könne ja in seinem Haus, wo er mit Frau und Ziehsohn lebt, Zimmer untervermieten), und ohne seine Eltern, so sagt er, wäre er schon längst "unter der Brücke". Dabei stehen seine Chancen in der im November anstehenden Berufungsverhandlung beim Oberlandesgericht gar nicht schlecht. Der Gutachterarzt war nämlich Orthopäde und als solcher gar nicht zuständig für Gefäßerkrankungen. Und im Alternativberuf Auslieferungsfahrer, der sein Thrombose-Bein ähnlich belasten würde wie derjenige des Lkw-Fahrers und deshalb eigentlich unvorstellbar ist, könnte er sowieso nur einen Bruchteil des früherenEinkommens verdienen. Schon bei über 33 Prozent Einkommensverlust durch einen Berufswechsel aber muss nach den gesetzlichen Vorgaben die Versicherung eben doch einspringen. Bis zum Herbst also will Jörg Holst sich noch irgendwie durchschlagen, in der Hoffnung, dass er dann doch Recht bekommt. "Für mich ist die Zukunft der Prozesstermin. Das ist meine Zukunft!"

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