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Experte: "Dieser Baum gehört zu den schönsten zehn Linden in ganz Deutschland"

"Linde darf nicht leichtfertig geopfert werden"

Kathrinhagen. Stefan und Uwe Kühn, Herausgeber des Fotobandes "Deutschlands alte Bäume" und vor zehn Jahren Gründer des "Deutschen Baumarchives" haben sich vor gut sechs Jahren die alte Sommerlinde vor der Katharinenkirche persönlich angeschaut - und waren recht begeistert: Von den 80 herausragenden alten Linden, die deutschlandweit noch zu finden seien, "würde ich die Kathrinhäger auf Platz 20 setzen", erklärt Stefan Kühn auf Anfrage. Und wenn man diese Linde nicht als mehrteiligen Baum definieren würde, sondern als einstämmig, "dann würde ich sie auf Rang 10 setzen", sagt Kühn.

Auf Platz 10 der schönsten und prächtigsten Linden in ganz Deuts

Autor:

Frank Westermann

Für den Gießener ist es daher überhaupt keine Frage, dass der als nicht verkehrssicher eingestufte Baum erhalten bleiben muss. "Die Kathrinhäger Sommerlinde ist - auch durch ihre Vielgestaltigkeit - eine durchaus bundesweit prominente Vertreterin ihr Art", wertet Kühn. Bürger, Gemeinde, Kirchengemeinde und Landkreis sollten eine gemeinsame Lösung suchen, damit die Linde gerettet werden könne: "Sie darf nicht leichtfertig geopfert werden, nur weil es an Geld für Rettungsmaßnahmen fehlt", sagt Kühn. Zwar könne er verstehen, wenn etwa ein Landkreis sich zweimal überlegen würde, wo er sich finanziell engagiert, weil im Durchschnitt jeder Landkreis in Deutschland über 200 Naturdenkmale verfüge, "aber bei den nationalen Highlights darf es am Geld nicht scheitern". Kühns generelle Forderung geht daher auch einen deutlichen Schritt weiter: "Die besonderen Bäume müssen aus einem Geldtopf mit Bundesmitteln unterhalten werden." Was Bäume sind, haben die Brüder Kühn in ihrem Prachtband "Deutschlands alte Bäume" deutlich formuliert: "Bäume sind Lebewesen wie wir. Sie haben eine Geschichte, ein Schicksal wie wir - nur leben sie länger." Im Baum habe der Mensch immer wieder ein Symbol seiner eigenen Existenz erkannt - auch wenn der Baum natürlich deutlich friedfertiger und bescheidener sei als der Mensch. Und Eiche hin, Buche her, kein Baum erfreut sich bei den Deutschen einer derartigen Beliebtheit wie die Linde. "Der Lindenbaum wird dank seiner heilenden und eben "lindernden" Blüten geschätzt, unter der sanften Linde sind Innigkeit und Heimat, Geborgenheit und Gerechtigkeit zu Hause", meinen die Brüder Kühn. Auf einen anderen Aspekt der Linde hatte Kathrinhagens Küsterin Stefanie Schulte-Rolfes einmal in einem Vortrag über "ihre" Linde vor der Katharinenkirche hingewiesen: Der Baum ist sagenumwoben. Ihre mythologische Wurzel führt zurück zu einer Wesensgleichheit mit einem mächtigen mythischen Wesen: dem Drachen. Die Menschen längst vergangener Zeitenempfanden die Natur und die Bäume als belebt - von guten oder schädlichen Kräften. Und mit intuitiven, phantasiebegabten Blick muten die alten, verformten und zerfallenen Linden zuweilen wirklich wie ein Drache an. Dieses Wesensart, so heißt es bei Kühn, "erschloss sich unseren Vorfahren auch aus der scheinbar unerschöpflichen Lebenskraft der Linde. So wie beim unsterblichen Drachen ist ihre Lebensspanne nach menschlichen Ermessen auf die Ewigkeit ausgerichtet." Bleibt zu hoffen, dass in Kathrinhagen der neue Kirchenvorstand diese Sicht teilt und den Auftrag zur Erhaltung des Baumes erteilt. Sonst wäre die Ewigkeit für die Linde auf dem Kirchplatz bald beendet.

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