weather-image
20°

Leitgedanken zum Stromsparen

Bis zum 11. März dieses Jahres war Japan weit weg, Tausende Kilometer von Deutschland entfernt, und Lichtjahre von unserer Gefühlswelt. Erdbeben, Tsunami und die atomare Katastrophe brachten uns das ferne Land näher als wir jemals gedacht hätten. Fukushima? Kannten wir doch gar nicht.

Wieviel Strom verbraucht was? Wer seinen täglichen Verbrauch mit einem Messgerät prüft, kommt auf verblüffende Ergebnisse.
Jens Meyer

Autor

Jens Meyer Leiter Redaktion PR- und Sonderthemen zur Autorenseite

Wir verschleudern die Energie

Bis zum 11. März dieses Jahres war Japan weit weg, Tausende Kilometer von Deutschland entfernt, und Lichtjahre von unserer Gefühlswelt. Erdbeben, Tsunami und die atomare Katastrophe brachten uns das ferne Land näher als wir jemals gedacht hätten. Fukushima? Kannten wir doch gar nicht. Dass Japan über 50 Reaktoren betreibt? Selbst wenn wir uns dieser Tatsache bewusst gewesen wären, hätten wir daran kaum einen dunklen Gedanken verloren. Jetzt tun wir’s. Nicht für ewig, sondern nur für eine Zeit lang. Darin liegt die Crux. Wir vergessen schnell, zu schnell.

Vor 25 Jahren flog Tschernobyls Reaktor in die Luft. Zeit heilt alle Wunden, heißt es. Für die Folgen des Super-GAUs von damals trifft das nicht zu. Tschernobyl hat Wunden hinterlassen, die niemals heilen. Sie heilen nicht bei den Menschen, sie heilen ebenso wenig im verstrahlten Umfeld des Reaktors. Es ist die Ironie des Schicksals, dass jenes schlimme Ereignis alle anderen Katastrophen bis heute überstrahlt.

Brauchen wir Atomkraft oder geht es ohne? – Wer die Kernenergie infrage stellt, muss gleichzeitig Alternativen benennen, weil er sonst nur ein Dampfplauderer ist. Man kann die Politik mit Demonstrationen und Wahlen in die Pflicht nehmen, aber vehementes Fordern nützt ohne vehementes Handeln nicht. Wir alle verschleudern Energie. Sich gegen die Risiken der Atomkraft aufzulehnen, bedeutet deshalb vor allem, ernsthaft Strom sparen zu wollen.

Sinnvoll ist zum Beispiel, auf den Stand-by-Modus konsequent zu verzichten. Weil es mittlerweile Elektrogeräte gibt, die gar keinen „Aus“-Schalter mehr haben und auf Dauer-Stand-by rund um die Uhr Energie verbrauchen, muss man also tricksen. Die Lösung: eine dazwischengeschaltete Steckerleiste mit Schalter, um die Stromzufuhr zu kappen. Experten schätzen, dass ein Atommeiler in Deutschland allein für „Stand-by“ produziert und für nichts anderes. Das ist blanker Irrsinn.

Nicht sinnvoll ist die Energiesparlampe! Das ist eine provokante Feststellung, aber keine ohne begründetes Fundament. Die dunkle Seite dieser „Leuchte“ ist die Tatsache, dass sie Quecksilber enthält, deshalb als Sondermüll zu betrachten ist und infolgedessen viel schädlicher für die Umwelt ist als herkömmliche Glühbirnen. Bei der Herstellung von Energiesparlampen wird im Vergleich zur guten, alten Glühbirne bis zu zehnmal mehr Energie verbraucht. Also Finger weg von diesem Quatsch! Viel besser: Lichtquellen, die auf LED-Technik basieren. Und außerdem: Licht anschalten nur dort, wo es auch gebraucht wird. Zimmer, in denen wir uns stundenlang nicht aufhalten, müssen nicht beleuchtet werden, nur weil’s schön aussieht. Noch besser: Intelligente Lichtsysteme von Fachfirmen einbauen lassen. So erlischt das Licht zum Beispiel, wenn man den Raum verlässt – Schalter nicht mehr notwendig.

Allein die Forderung nach ökologisch produziertem Strom reicht nicht. Der umweltfreundlichste Strom ist der, der gar nicht erst verbraucht wird. Mit vielen kleinen Dingen können wir Großes bewegen, ganz selbstverständlich im alltäglichen Handeln. Die „Eco“-Taste am Geschirrspüler drücken. Den Trockner, eine der größten Energieschleudern in deutschen Haushalten, so selten wie möglich benutzen und stattdessen die Wäsche auf dem Dachboden oder an der frischen Luft trocknen lassen. Den Computer nach Gebrauch ausschalten. Und, und, und. – Der Energieanteil von Haushaltsgeräten und Beleuchtung am Gesamtenergiekuchen beträgt rund 12 Prozent. Gemessen an der Heizung (über 75 Prozent) ist das relativ wenig, und doch bleibt genügend Raum, diesen Anteil drastisch zu verringern.

Es gibt viele Dinge, die wir ändern können. Aber wir müssen wollen. Mit Verzichten hat das nichts zu tun, denn alles entspringt offensichtlich nur noch einem unglaublich gewachsenen Anspruchsdenken. Drinnen Klimaanlagen, draußen gasbetriebene Heizstrahler für die Terrasse – wir verschwenden Energie in einem ständigen Widerspruch. Und um unser Gewissen davon reinzuwaschen, spenden wir bei der nächsten Gelegenheit für den guten Zweck, um Hungersnöte in Dritte-Welt-Ländern zu bekämpfen. Das ist die schändliche Wahrheit, eine Wahrheit, die den High-Tech-Kindern in Deutschland früh mit auf den Lebensweg gegeben wird. Hier stehen die Eltern in der Verantwortung. Nicht mit Verbot und Strafe, sondern spielerisch müssen sie ihren Kindern erklären, warum es sinnvoll ist, Energie zu sparen, anstatt sie gleich mit der neuesten Handy-Generation auszustaffieren, mit iPod, iPad, Home-Entertainment-Anlagen und allem anderen Gedöns. Alles davon verbraucht Unmengen Strom, im Gebrauch wie in der Produktion, und wie es scheint, stellen sich viele Menschen nicht mehr die Frage nach der Notwendigkeit dieser Dinge, sondern nur noch nach dem Habenwollen.

Am 18. März, genau sieben Tage nach der verheerenden Katastrophe in Japan, war die morgendliche Spitzenmeldung im Radio schon nicht mehr die der atomaren Bedrohung in Japan. Und in spätestens vier Wochen wird dieses Inferno weit weg sein von uns, so weit weg, dass viele derer, die noch heute aus gutem Grund gegen die Atomkraft zu Felde ziehen, in Zimmern das Licht brennen lassen, in denen sie sich nicht aufhalten. Bequemlichkeit duldet Atomkraft und ihre Risiken.

Wir vergessen schnell. Zu schnell.

Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Kommentare