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Leid gehört dazu

Wenn man Umfragen glaubt, ist Religionsausübung gut für die Gesundheit. Menschen mit einem festen Glauben rauchen weniger. Ehen sind stabiler und die Selbstmord- und Depressionsrate ist bei Gläubigen geringer. Laut einer Studie aus den USA haben religiöse Menschen sogar einen niedrigeren Blutdruck und einen niedrigeren Cholesterinspiegel als der Durchschnitt. Außerdem ist ihr Risiko geringer, an Darmkrebs zu erkranken.

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Autor:

Andreas Kühne-Glaser

Ich kann mir das gut vorstellen. Schon allein deshalb, weil ich glaube, dass ein religiöser Mensch - wenn er sich und sein Leben vor Gott in Verantwortung führen möchte - bewusster und mit mehr Selbstdisziplin lebt als andere. Er wird in den Dingen des Lebens leichter sein Maß und seine Grenzen finden. Wer seinen inneren, seelischen Frieden hat oder sich um ihn bemüht, braucht auch nicht so viele äußere Ersatzbefriedigungen. In ein paar Wochen beginnt wieder die Passions- beziehungsweise Fastenzeit. Nach wie vor scheint sie nicht so richtig in eine Zeit zu passen, die so spaß- und erlebnissüchtig ist wie die unsere. Eine Auswirkung der vielen Angebote ist, dass wir in unserem Streben nach ständigem Wohlgefühl so dünnhäutig für alles werden, was Schmerz und Leid bereitet. Da wir uns ständig ablenken können, trainieren wir viel zu wenig das Aushalten von dunklen Zeiten, von Leidenszeiten, von Zeiten, in denen die Dinge privat oder beruflich nicht so gut laufen. Und doch gehören diese Zeiten zu jedem Leben dazu, und ihnen auszuweichen, macht uns nicht stärker, sondern schwächer. Täusche ich mich, oder jammern die Menschen heute mehr als früher? Dabei müsste es ihnen doch eigentlich grundsätzlich besser gehen, oder? Könnte da die kommende Passionszeit nicht einmal mehr auch die Zeit sein, in der wir im Gedenken an Jesu Lebensweg auch angehalten sind zu sehen, dass menschliches Leid zu jedem Leben dazu gehört? Das meine ich nicht im Sinne einer Rechtfertigung oder Festschreibung - es gibt nicht einen Grund, Leid und Schmerz zu beschönigen -, aber das ändert noch nichts daran, dass das Erfahrungen sind, die zur menschlichen Existenz dazu gehören, so sehr der Mensch sich auch bemühen wird, sie zu verhindern oder zu minimieren. Und selbst wenn es einem persönlich gut geht, wird man doch auch als Mitmensch immer Anteil am Leid anderer nehmen und es mitzutragen versuchen. Sonst ist keine wirkliche Gemeinschaft mit anderen möglich - im Guten wie im Schweren. Andreas Kühne-Glaser ist Superintendent des ev.-lutherischen Kirchenkreises Grafschaft Schaumburg

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