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Wie ein viel zu spät Gekommener doch noch allen voranstürmte / "Abendgespräche" mit viel Nähe

Lebendig bleiben, Herausforderung suchen!

Rinteln. Ökumenische Abendgespräche. Diesmal schon um 18 Uhr, denn Henning Scherf Menschensohn referiert zum Thema "Wohnen und Leben" im Alter und will doch nur zu gern am Abend wieder zurück in der Geborgenheit seiner Wohngemeinschaft in Bremen sein.

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Autor:

Ulrich Reineking

Das versteht man. Hat sich darauf eingerichtet und während Pastor Heiko Buitkamp von der evangelisch-reformierte Kirchengemeinde noch den prominenten Gast vom Bahnhof in Minden abholt, beschließt der Kirchenrat kurzerhand, die Veranstaltung aus dem Gemeindesaal nach nebenan in die Jakobikirche zu verlegen. Denn das interessierte Publikum - es strömt. Und strömt. Buitkamp sieht es mit Sorge, als er wenige Minuten vor Beginn zurück ist auf dem Kollegienplatz. Ohne Henning Scherf, der nicht am Bahnhof stand - und auch nicht mit dem nächsten Zug gekommen war. Ein fundamentales Missverständnis zu Ort und Zeit der Handlung? Folge plötzlicher Krankheit oder gar eines Unfalls? Auf dem Anrufbeantworter des Kirchenbüros keine Mitteilung. Telefonate nach Bremen bringen ebenfalls keine Aufklärung. Im Kirchenschiff sind inzwischen alle Plätze besetzt: "Wie sonst nur bei Weihnachten oder Konfirmation!", flüstert eine Dame in der Reihe hinter mir, die schon vor einer Stunde ihren Platz eingenommen hat. Spontan entschließt sich Kantor Werner Hermann, frühlingshafte Lieder an der Orgel anzustimmen und ganz ohne zusätzliche Animation fängt das Publikum an, "Geh aus mein Herz und suche Freud" anzustimmen. In dieser Situation! In Rinteln! Ohne Gotthilf Fischer! Dann der wohl schwerste Gang für jeden Pastor: "Volles Haus und absagen müssen..." Buitkamp zögert diesen Schritt immer weiter hinaus, um 18.45 Uhr entschließt er sich zum Handeln: "Zwar wissen wir nicht, was geschehen ist, aber wir hoffen doch, unseren Referenten im nächsten Jahr für einen neuen Termin gewinnen zu können." Die Besucher entfernen sich, nach und nach - doch plötzlich schallt ein Ruf über den Kollegienplatz: "Da kommt ein Taxi. Mit Scherf!" In wenigen Minuten ist die Kirche wieder gefüllt - doch Scherf hat noch zu tun: Sich von dem türkischen Taxifahrer zu verabschieden, der ihn aus Minden im Eiltempo nach Rinteln brachte und "aus der Bremer Partnerstadt Izmir stammt. Wir haben schnell herausgefunden, dass wir dort die gleichen Ecken kennen. Drei Kinder hat er, der Kollege, fühlt sich aber bei uns noch nicht so richtig wohl." Mit Umarmung verabschieden sich da schon mal wieder Freunde für's Leben - und über 200 Zentimeter Mensch erscheinen strahlend in der Jakobikirche: "Die Bahn hatte Verspätung, da spielten Kinder auf den Gleisen" verkündet er eingangs. Um danach erstmal in aller Gelassenheit durch alle (!) Reihen zu gehen, hunderte Hände zu schütteln, Damen im Silberhaarzu knuddeln und sogar zu küssen, ihm woher auch immer bekannte Herren in die Schulter zu knuffen. Das alles geschieht ohne Peinlichkeit. Vermittelt Offenheit und Freude an der Begegnung mit Fremden, die Freunde oder gar Wahlverwandte werden können. Scherf liest einige Sätze aus seinem aktuellen Bestseller "Grau ist bunt" und spricht über das Entstehen des Buches: "Da kam dieser Verlag auf mich zu, von dem ich als Calvinist dachte, er sei Organ der Katholischen Bischofskonferenz und will dieses Buch von mir. Ich habe zugesagt - und inzwischen sind über 200 000 Bücher verkauft." Das Geld lässt er einem Hilfsprojekt in Nicaragua zukommen, für das sich seine Frau und er engagieren: "Ich hab doch genug, da macht das noch mehr Spaß." Zumal er ja auchüber ein Thema schreiben durfte, das ihn auch in seiner Politikerzeit schon lange umtrieb: Wie kann man sein Leben so einrichten, dass man spätestens im Alter wieder mit den Möglichkeiten leben kann, die in der Großfamilie und dem generationenübergreifenden Miteinander liegen. Dazu Beiläufiges und Zentrales aus seiner Wohngemeinschaft. Heiteres und Ernstes, die Frage nach der Pflege, nach Einsamkeit, dem Zerfall und dem Tod. Welche Rolle spielen die Kinder und Kindeskinder - welche Rolle kommt gemeinsamen Mahlzeiten mit wechselseitiger "Bekochung" zu? Wie lassen sich Beziehungen nach außen in die "Wahlfamilie" integrieren - und funktioniert das Ganze nicht doch nur, wenn alle auf gleicher intellektueller und materieller Basis leben? "Wir haben bei uns Rentner mit rund 600 Euro. Und ich hab mehr, na sicher. Aber es geht. Zusammen geht es..." Wichtig sei die Bereitschaft, sich auf andere und anderes einzulassen,über Grenzen zu gehen, ohne dass sie unbedingt verschwinden. Gesetzliche Möglichkeiten nutzen, andere informieren. Lebendig bleiben, Herausforderungen suchen, wenn sie nicht von selber kommen. Bei so manchem Zuhörer und vielleicht noch mehr Zuhörerinnen kam offenbar der Gedanke auf: "Wäre das auch was für mich?" Antworten gab es auch - und wie man noch am selben Abend in einigen Innenstadtlokalen feststellen konnte, klopften einige schon die Möglichkeiten gemeinsam ab: "Vielleicht kann man ja mal mitdem wechselseitigen Bekochen beginnen und sehen, was sich entwickelt..." Zum Schluss ein langes Defilee von Menschen, die dem Bremer noch einmal die Hände schütteln wollten. Um eine Widmung in das Buch baten. Oder wissen wollten, wie Scherf sein Christentum in das Leben mit Glaubensfernen einbringt. "Kommen Sie doch zum Kirchentag nach Bremen! Da bekommen Sie ganz sicher genügend Anstöße!" Jedem Leser dieser Zeilen sei empfohlen, das Buch zu lesen - nicht nur wegen der Einnahmen für Nicaragua. Und den Kirchengemeinden sei geraten, dieses hier dokumentierte Interesse an gemeinschaftlichem Leben zu nutzen und gerade zum Kirchentag passende Angebote zu entwickeln - auch für jene, die nicht mit so viel Charisma und Enthusiasmus ausgestattet sind wie Henning Scherf.

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