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"STROMstelle": Eg Witts verrücktes Kunstprojekt auf der Weser mit zehn Akteuren und 150 Zuschauern

Kunst ist, wenn man die Kraft des Stroms spürt

Rinteln. Ein kleiner flinker Mann mit leuchtend weißen Haaren befestigt gelbe Stangen am Ufer der Weser, morgens gegen 9 Uhr. THW-Boote kurven auf dem Wasser, Jugendliche vom DLRG laufen umher, und gerade werden Kajaks vom Kanuclub am neuen Anleger am Weseranger bereitgelegt. "Bist du auch dabei? Und Sie auch? Und du auch?", fragen einige Frauen und Männer, die sich dort einfinden. Sie sind es. Sie alle machen Kunst.

Die "Bongo Tigers" machen Musik - und Eg Witt macht Kunst.

Autor:

Cornelia Kurth

Wieder einmal nämlich wollte der Bildhauer Eg Witt eine Skulptur schaffen, nicht aus Metall, wie es sein Metier ist, sondern - und auch das hat bei ihm Tradition - aus dem mehr oder weniger organisierten Zusammenspiel menschlicher Aktionen, eine "soziale Skulptur" (Joseph Beuys), diesmal rund um das Thema "Schwimmen gegen den Strom". Zehn ungeübte Menschen würden in die wackligen Kajaks steigen, eine kleine Einweisung bekommen und dann nacheinander lospaddeln, dem mit einer Geschwindigkeit von sechs Kilometern in der Stunde fließenden Weserwasser entgegen. Oben auf der Brücke hatte sich der in solchen Happenings erfahrene Musikwissenschaftler Andreas Hoppe einen Beobachtungsposten gebaut, seine Stimme hallte weit über die Straße und über die Weser: "Dies ist ein Kunstprojekt, kein Wettbewerb", rief er zum Beispiel. "Es gilt, den Puls des Stromes zu fühlen, seine Kraft, seine widerständige Natur." Und es galt, den Strom zu feiern, vielleicht auch, ihn zu beschwören. Die Herren der Vereinigten Chöre Rinteln kommen an, singen wunderschön die alten Weserlieder, während die ungeübten Kajakfahrer in der stillen Weserbucht üben und einige etwas beunruhigt feststellen, wie schwer es doch ist, das Boot zu steuern. Auf dem Anleger steht, die Stoppuhr in der Hand, Lars Steinmann mit einigen Helfern. Sie werden für die Dokumentation aufschreiben, wie lange die Fahrer gegen die Strömung paddeln, wie weit sie kommen. Und endlich, nachdem ein gewaltiger Regen alle durchnässte und die Lautsprecher außer Gefecht setzte, wagt sich der Erste auf den Strom, Nicolai Requardt, der noch nie vorher in einem Kajak saß und nun, unter den anfeuernden Trommelgesängen der jungen "Bongo Tigers", auf Anhieb 60 Meter weit kommt. Er ist ganz schön ins Schwitzen geraten dabei: "Ich wollte es schaffen", sagt er. "Mich hat dann doch der Ehrgeiz gepackt!" Bei der nächsten Fahrerin aber zeigt die Weser, dass sie nicht einfach mit sich spielen lässt. Petra Oszinda-Steinig wird gnadenlos stromabwärts abgetrieben, ihr Boot dreht sich um sich selbst (die Profis vom Kanuclub sind ihr dabei wie Bodyguards zur Seite) und schließlich nimmt ein THW-Boot sie ins Schlepptau, was sie sich, die wacker gekämpft hat, gerne gefallen lässt. Nach und nach, mit jedem neuen Gegenstrompaddler, bildet das Kunstwerk seine Konturen heraus. Sven Kielgas zum Beispiel wird erst mal vom Dampfschiff "Wappen von Minden" gestoppt, dessen lustig betrunkene Passagiereüber den Trubel am Weserufer staunen. Hannelore Lachmann, die älteste unter den Kunstkandidatinnen, ackert sich über 20 Minuten lang den Strom herauf, bis sie bei der letzten Markierung Meter 110 anlangt und sich überglücklich abwärts treiben lässt. Werner Grolm, wackerer Rentner, setzt sichunglaublich gelassen zum ersten Mal in so ein Bötchen; Dieter Kischl, zuerst nur Zuschauer, wagt trotz seines Asthmas eine Fahrt, bei der er immerhin nicht abgetrieben wird. Überall zur rechten Zeit am rechten Ort ist Eg Witt, im Doppelkajak kutschiert, um die wechselnden Gegenstrom-Schicksale mit der Kamera für einen seiner hübschen Kataloge zu dokumentieren. Etwa 150 unbeteiligte Zuschauer hatte das Kunstprojekt, die meisten davon Spaziergänger, die neugierig aufder Weserbrücke stehen blieben und von dem dort oben postierten Andreas Hoppe in Gespräche verwickelt wurden. Aber war das Spektakelüberhaupt für Zuschauer gemacht? War es nicht ein großer, verrückter, lehrreicher Spaß für all die vielen Menschen, die sich von Eg Witt in das Geschehen verwickeln ließen? "Kunst heißt, dass Leute Dinge tun, die ihnen die Möglichkeit geben, Erfahrungen zu machen, die man sonst nicht macht", so zitiert er den Avantgarde-Komponisten John Cage. Diesmal war es so, das kann man wohl sagen. Hinweis: Ein ganz persönlicher Erfahrungsbericht unserer Autorin erscheint am Sonnabend, 15. Juli, auf der Seite Lokale Kultur.

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