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Edith Bobe zeigt Collagen im Stift / Brief aus Stalingrad verarbeitet / Ausstellung bis 30. Juli zu sehen

Kunst aus Blattgold, Seidenpapier, Kartoffelsack

Obernkirchen (sig). Auch für sie und ihre Familie wurde Stalingrad zum Synonym für das sinnlose Hinmetzeln von Soldaten. Die Künstlerin Edith Bobe aus Haverbeck bei Hameln hat auf diese Weise ihren Vater verloren - noch bevor sie selber auf der Welt war. Eine Kopie jenes Briefes, in dem die Nachricht von seinem Tod bei Stalingrad mitgeteilt wurde, verarbeitete sie in einer ihrer Collagen, die bis zum 30. Juli im Kreuzgang des Obernkirchener Stiftes zu betrachten sind.

Ihre Collagen zeigt Edith Bobe im Kreuzgang des Stifts. Foto: si

Vielleicht macht es besonderen Sinn, dass es diese Ausstellung gerade zu einem Zeitpunkt gibt, an dem sich ein ganz anderes Deutschland präsentiert. Ein Land, in dem die Menschenwürde geachtet wird, ein Land, das sich Freunde eingeladen hat. Edith Bobe vereint in den 20 Arbeiten, die sie im Stift zeigt, viel scheinbar Nutzloses zu einer besonderen Ausdrucksform. Die Briefkopie und der dazu gehörende Umschlag haben hier natürlich einen herausragenden Stellenwert. Sie waren der Grund dafür, dass sich Edith Bobe auf ihre Art in einer ihrer Collagen mit dem Thema Krieg auseinander setzte. Sie wollte dabei aber nicht tödlich getroffene oder vor Schmerzen wimmernde Menschen in den Mittelpunkt der Betrachtung stellen, sondern gibt dem Motiv durch eine Vielzahl ineinander verwobener Teilchen eine dramatisch wirkende Zuspitzung. Darin kommt auch die Farbe Rot vor, mit der sie sonst sparsam umgeht. "Meine Mutter hat die Todesnachricht im März 1942 erhalten", berichtet Edith Bobe. Zu diesem Zeitpunkt, als Zehntausende bei dem aussichtlosen Kampf um Stalingrad ihr Leben ließen, war die 63-Jährige noch nicht einmal geboren. Natürlich konzentrierte sich das Interesse zahlreicher Besucher bei der Vernissage gerade auf diese Collage, nachdem sie erfahren hatten, um was es bei diesem Motiv ging. Aber auch alle anderen Arbeiten wurden zum Gegenstand vieler Deutungsversuche. "Das ist der Kopf eines Vogels, hier sind die Umrisse menschlicher Gestalten zu erkennen" - so oder so ähnlich lauteten die Ansichten der Betrachter. Edith Bobe gab auf Fragen gerne Auskunft, aber sie wollte die Phantasie der Betrachter durchaus nicht immer in bestimmte Richtungen lenken. Was sie geschaffen hat, lässt eine komplizierte und tief gehende Gefühlswelt erkennen. Immer wieder sind als Ausdruck einer bestimmten oder auch einer undifferenzierten Stimmungslage ganz unterschiedliche Collagen mit Hilfe von Materialien entstanden, die vom Blattgold über Seidenpapier bis hin zum Gewebe eines Kartoffelsacks reichen. Ein Besuch dieser Ausstellung, die von Altäbtissin Gabriele von Späth eröffnet wurde, ist allen Freunden einer so ungewöhnlichen Kreativität nur zu empfehlen. Die Künstlerin will sogar sonntags ins Stift kommen, falls Besucher Interesse an einem persönlichen Gespräch haben.

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