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Krankenpfleger haben die Wahl: Kliniken kämpfen um Personal

BAD MÜNDER. 30 Krankenpfleger sind derzeit in der Deister-Süntel-Klinik beschäftigt – aber eigentlich braucht Dirk Fidorra noch mehr. Der Pflegedirektor kann die offenen Stellen nicht besetzen,: der Arbeitsmarkt ist leergefegt. Im Kampf um die noch verfügbaren Fachkräfte steht die mündersche Klinik nicht gut da.

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Benedikt Dittrich Redakteur zur Autorenseite

„Ich kenne keine Klinik, die nicht nach Pflegepersonal sucht“, erklärt Fidorra die Situation. „In dem Bereich ist die Arbeitslosenquote in Deutschland unter einem Prozent. Das ist gleich null.“ Das bedeutet im Umkehrschluss: Die Pfleger, die nach einer Stelle suchen, haben die freie Auswahl. Entsprechend konkurrieren Kliniken in ganz Deutschland um die besten Kräfte.

Und da kann Bad Münder nicht groß protzen, muss Fidorra eingestehen, vor allem nicht bei Nachwuchskräften: „Es gibt in Bad Münder keine Schwerpunktversorgung und keine eigene Chirurgie.“ Hinzu komme die Distanz zu großen Städten. „Es möchte eben nicht jeder in einer Kleinstadt wohnen, schon gar nicht die jüngeren Menschen.“ Kurzum: Die Deister-Süntel-Klinik in Bad Münder ist nicht sonderlich attraktiv. Dass die Klinik mit den 70 Betten auch die Insolvenz der Awo-Gesundheitsdienste verkraften musste, spiele da natürlich mit rein, denn viele hätten sich in der unsicheren Zeit einen neuen Arbeitsplatz gesucht. „Dadurch haben wir viel junges Personal verloren.“

Fidorra ist auch für die Klinik in Hann. Münden verantwortlich – entsprechend kann er den direkten Vergleich ziehen: Dort ist eine Pflegeschule in den Krankenhausbetrieb eingegliedert, außerdem gibt es mehr Beteiligungen an Fachbereichen und Betten für bis zu 140 Patienten – doppelt so viele wie in Bad Münder. Die Klinik bildet zum Teil also ihren eigenen Nachwuchs aus und die Vielfalt bei den Arbeitsplätzen ist höher.„Den Unterschied merkt man eindeutig“, erklärt Fidorra. Längst suchen die Krankenhäuser nach Alternativen, stellen Personal aus anderen Ländern ein, rekrutieren weltweit (wir berichteten).

Aber sie versuchen auch, die Attraktivität der Arbeitsplätze zu erhöhen, erklärt Holger Habenicht, Sprecher der Bundesagentur für Arbeit. Das geht laut Habenicht von bezahlten Dienstwohnungen über Gehaltserhöhungen bis hin zu besseren Arbeitszeitmodellen, bezahlten Weiterbildungen und besseren Arbeitsbedingungen.

Abgesehen davon, dass die Krankenhäuser diese Zusatzleistungen auch bezahlen müssen – aus der Sicht von Habenicht bleibt ein Problem bestehen: „Wenn Kliniken unterbesetzt sind, erhöht das die Belastung der Kollegen und die Unzufriedenheit steigt weiter.“ Das schlage sich auch in Bewertungen nieder, die Arbeitnehmer für ihren Arbeitsplatz verteilen – für alle im Internet einsehbar. Und wenn andere Kliniken bessere Noten haben, fallen die ohnehin schon unterbesetzten Kliniken eben durchs Raster. Ein Teufelskreis.

Aus Sicht eines Arbeitnehmers eine bequeme Situation, sagt Habenicht. Auf 17 Stellengesuche in Bad Münder und in bis zu 25 Kilometern Umgebung kommen nach Daten der Agentur 9 direkt passende und 28 ungefähr geeignete Bewerber. Ähnlich sieht es im verwandten Arbeitsbereich Altenpflege aus.

Die Kliniken kämpfen also bereits um jeden einzelnen Bewerber und können trotzdem nicht jede Stelle besetzen. Personal weltweit zu rekrutieren ist aus Fidorras Sicht aber auch nicht der Königsweg: „Das ist eine sehr teure Alternative.“ Personal müsste von einer Agentur erst angeworben, dann von der Qualifikation her eingestuft und schließlich mit Sprachkursen geschult werden. „Dafür brauchen wir acht Monate Vorbereitung.“

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