weather-image
12°
Evangelische Nonne Marion Lambers spricht vor den Landfrauenüber Lebenskrisen

Konfrontiert mit der Armseligkeit des Daseins - und das Leben doch bejahen

Rinteln (cok). Sie kam vom Ende der Welt her nach Rinteln angereist, genauer: aus einem winzigen Dorf an der Küste Ostfrieslands - Marion Lambers (49), "Schwester", Diakonissin, eine evangelische Nonne. Ihr "Kloster" in Westerbur, die christliche Lebensgemeinschaft "Zugvögel", ist ein gastfreundliches Haus für alle Mühseligen und Beladenen. Als sie vor den Landfrauen aus Rinteln und Hessisch Oldendorf über den Umgang mit Lebenskrisen sprach, löste sie echte Bewunderung aus.

Im Gegensatz zu so manchem glatten Lebensberatungs-Vortrag gab es bei Schwester Marion keine Sekunde einen Zweifel daran, dass sie aus tiefer Erfahrung um das Leiden der Menschen an ihrem Alltag sprach. Als Seelsorgerin und geschulte Therapeutin hat sie ungezählte Male mit Frauen und Männern gesprochen, deren Leben in Chaos, in Sinnlosigkeit oder Ernüchterung unterzugehen schien. "Warum ist eine Lebenskrise so unangenehm?", fragte sie an. "Weil das Alte nichts mehr gilt und das Neue noch nicht da ist." In ihrem Vortrag sprach sie den versammelten Landfrauen oft genug aus dem Herzen: "Verzagtheit" nannte sie die Angst vor dem "Burnout", vor der großen Müdigkeit, die entsteht, wenn man nicht Nein zu sagen wagt, wenn man auch im Urlaub die besorgte Hausfrau ist, und wenn es heißt "Muttern braucht eine Kur!", aber nach zwei Wochen soll sie bitte genauso fröhlich springen wie zuvor. Diese undähnliche Verzweiflungen ordnete sie ein in ein großes Schema, in dem typische Lebenskrisen mit bestimmten Lebensabschnitten verbunden wurden. Sie legte dar, wie unvermeidlich es sei, dass man irgendwann die Grenzen der eigenen Kraft erfährt und alle Illusionen verbraucht hat. "Dann werden wir mit der Armseligkeit des Daseins konfrontiert und schaudern vor der Kümmerlichkeit unseres Lebens", sagte sie. Und mit ebenso durchaus dramatischen Worten beschrieb sie gelassen die große "Ernüchterung", wenn Menschen im mittleren Alter nichts mehr vom Leben erwarten als Routine: "Der Blick sieht schärfer, das Herz aber vertraut weniger!" Erstaunlicherweise hatte diese drastische Darstellung, wie man am zustimmenden Lächeln in der Zuhörerschaft merken konnte, nichts Deprimierendes an sich. "Jeden erwischt es", sagte Schwester Marion, und das klang nicht zynisch, sondern beinahe tröstlich. Denn in ihrem Vortrag ging es durchgängig darum, solche Krisen als Herausforderung betrachten zu können, und zwar nichtin dem Sinn, dass es gelingen müsse, sein Leben umzuwälzen, sondern darum, sich zu einem "reifen Menschen" zu entwickeln. "Unsere Aufgabe besteht darin, das Leben trotz allem erneut zu bejahen." Wie das gehen soll, die Bejahung, die verhindert, dass man, wie so viele Menschen, zum ernüchterten Skeptiker wird? Schwester Marion gab allerlei kluge Hinweise, aber der wichtigste von allen war: Nicht aufgeben, sondern Hilfe suchen, wenn man nicht weiter weiß. Das Haus der "Zugvögel" in Ostfriesland zum Beispiel steht Menschen offen, die in ihrer Umgebung keine Hilfe finden können. Man darf kommen und bleiben, solange es nötig ist. Die "Zugvögel"-Gemeinschaft trägt sich allein aus Spenden. Schwester Marions Vortrag regte die Landfrauen zu großzügigen Spenden an, und der Verein legte noch 100 Euro dazu. Weitere Informationenüber "Zugvögel" unter (04933) 1269 oder im Internet unter "www.lebensgemeinschaft-zugvoegel.de".

Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Kommentare