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Die Erste, die in Osterwald unter Tage zupackt: Warum eine 20-Jährige viel Zeit im Stollen verbringt

Kohleengel Anna verzaubert Bergmänner

Osterwald (sto). In den Hüttenstollen wollte Anna Kreft eigentlich nie wieder. Der ohrenbetäubende Lärm eines Presslufthammers hat die damals Vierjährige so erschreckt, dass sie sich lange Zeit geweigert hat, den „Ort des Grauens“ wieder zu betreten. Erst mit 14 Jahren zeigten die Überredungskünste ihres Vaters Wirkung. Anna wagte erneut den Schritt in die historische Unterwelt ihres Heimatortes. Das Interesse wurde geweckt und ihr Tatendrang brachte ihr vor einigen Monaten den Titel „Kohleengel von Osterwald“ ein.

„Glück auf!“ – Anna Kreft ist der Kohleengel a

Die 20-jährige Oldendorferin unterstützt durch ihre Mithilfe das ehrenamtlich tätige Männerteam bei den Erweiterungs- sowie Instandhaltungsarbeiten des Besucherbergwerks. „Wir sind ein tolles Team. Die Männer haben mich in ihrer Runde gut aufgenommen und mich in die Arbeitstechnik eingewiesen“, sagt Anna. Immer wieder trage sie mit ihrem charmanten Lächeln zu einem entspannten Wohlfühlklima bei. „Sie ist das erste und einzige weibliche Wesen, das in Osterwald unter Tage zupackt“, sagt ihr Vater Hans-Dieter Kreft. „Der Begriff Kohleengel ist abgeleitet von den Erzengeln. So wurden früher die Klaubefrauen genannt, die im Erzbergbau das taube Gestein aus dem Erz klaubten“, erläutert Annas Vater Hans-Dieter Kreft, der auch Vorsitzender des 1980 gegründeten Osterwalder Vereins zur Förderung des Bergmannswesens ist. Die Bezeichnung soll auch ausdrücken, dass Bergleute ihre weiblichen Wesen ja immer ein wenig „anhimmeln“. Der Titel „Kohleengel“ sei also im übertragenen Sinn zu verstehen. Ihr erster Arbeitseinsatz habe für Erstaunen gesorgt bei den Männern. Einer glaubte seinen Augen nicht trauen zu können, erzählt Hans-Dieter Kreft. Ungläubig habe der Mann gerufen: „War das nicht gerade ein Mädchen?“

Seit drei Jahren verbringt Anna viele Stunden ihrer Freizeit als „Karrenläufer“. Immer, wenn ihre Hilfe benötigt wird, schlüpft sie in die bergmännische Arbeitskluft, setzt ihren Helm auf, schnappt sich eine Schubkarre und fährt mit einem fröhlichen „Glück auf“ ein in den Stollen. Ihre Aufgabe besteht darin, das von den Männern abgeklopfte Gestein, den Abraum, mit einer Schaufel in die Karre zu hieven und nach draußen zu befördern. „Wir achten darauf, dass sich Anna die Karre nicht zu voll lädt, damit es nicht zu schwer für sie wird“, betont ihr Vater.

Die Arbeit sei zwar körperlich anstrengend, mache aber viel Spaß. Das Arbeiten unter Tage ist für Anna ein Eintauchen in eine andere Welt, sagt sie. Bei der Arbeit muss sie oft an das harte Leben der Bergleute denken. Oft spricht die Familie über deren Schicksale, erzählt Anna.

Die ganze Familie und mittlerweile auch ihr Freund sind ehrenamtlich in die Arbeit des Bergmannsvereins über und unter Tage involviert. „Das Besucherbergwerk gehört zu Osterwald. Da ich meinen Heimatort schätze, möchte ich zur Bewahrung der bergmännischen Vergangenheit beitragen“, erklärt Osterwalds erster Kohleengel sein ehrenamtliches Engagement. Anna wünscht sich, dass mehr junge Leute aktiv werden im Verein. Viele „Untertagearbeiter“ seien schon über 70 Jahre alt und würden so entlastet.

In Anerkennung ihrer Leistung und aus Respekt für ihren Einsatz wurde Anna während der jüngsten Jahreshauptversammlung des Vereins urkundlich der Titel „Kohleengel von Osterwald“ verliehen.

Das umgebaute Museum wird am 13. Juni bei einem Tag der offenen Tür der Öffentlichkeit zwischen 11 Uhr und 17 Uhr vorgestellt.

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