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„Knackdesign“: Chance für junge Inhaftierte

Ein wichtiger Ursprungsgedanke bei der Gründung der LEB sei die Erkenntnis gewesen, dass die Menschen in ländlich strukturierten Regionen wesentlich schwieriger mit Bildungsangeboten zu versorgen waren als die Bürger in den Metropolen, erklärt Angelika Brandt, Bereichsleiterin für Hannover. Dabei sei die Bildungsarbeit mit Gruppen und Vereinen aus der Region ein Schwerpunkt gewesen. So fiel vor 30 Jahren mit der damaligen Gründung der Arbeitsgemeinschaft für Jugend- und Erwachsenenbildung auch der Startschuss für das Bildungszentrum in der Jugendanstalt Hameln.

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Autor:

Matthias Rohde

Das Angebot sei dabei im Laufe der Jahre dem sich entwickelnden Bedarf kontinuierlich angepasst worden, wie der Leiter des Bildungszentrums, Jürgen Zimmermann, erklärt: „Wir haben uns auf die Qualifizierung und der beruflichen Orientierung der Inhaftierten spezialisiert, denn für eine komplette Ausbildung reicht die Zeit, die die jungen Erwachsenen in der Strafanstalt weilen, in der Regel nicht.“ Die durchschnittliche Haftdauer eines Inhaftierten der Jugendanstalt beträgt 1,7 Jahre. Zu wenig für eine Berufsausbildung, aber auch zu viel Zeit, sie gerade angesichts des demografischen Wandels ohne berufliche Orientierung, ohne Qualifizierung und ohne Bildungsangebote verstreichen zu lassen, wie die LEB-Mitarbeiter übereinstimmend meinen.

Ein Schwerpunkt wird im Bildungszentrum auf sogenannte Qualifizierungsbausteine gesetzt. Zimmermann: „Ein solcher Baustein kann von den jungen Erwachsenen nach ihrer Entlassung von einem zukünftigen Ausbildungsbetrieb auf die Ausbildungsdauer angerechnet werden.“ Aber nicht nur hier profitieren die Inhaftierten von einem solchen Qualifizierungsbaustein, wie die Bereichsleiterin für das Weserbergland, Anja Franke, betont: „Es muss ja nicht immer eine Ausbildung sein, die die jungen Erwachsenen nach ihrer Entlassung anstreben.“

Gerade wenn es um eine Helfertätigkeit geht, stellen die Qualifizierungsbausteine einen Trumpf dar, den die Inhaftierten zusätzlich ausspielen können, so Franke. Angeboten würden Qualifizierungsbausteine in unterschiedlichen Berufsfeldern, unter anderem der Gastronomie. In der öffentlichen Kantine der Jugendanstalt durchlaufen zum Beispiel ein 21-Jähriger und ein 18-Jähriger aktuell eine Qualifizierungsmaßnahme. Während die Entlassung des Älteren kurz bevorsteht, hat der Jüngere noch sieben Monate Haft zu verbüßen. Einer befindet sich bereits mitten in der Entlassungsvorbereitung und schmiedet konkrete berufliche Pläne. Der andere, noch am Anfang der Qualifizierung stehend, sagt: „Mein Vater arbeitet als Koch in einem Restaurant. Wenn ich entlassen werde, möchte ich auch in diese Branche.“ Der Ältere fügt an: „Wir lernen hier alles, was dazugehört, Tische eindecken, Kunden bedienen, Gläser polieren. Ich hoffe, dass ich einen Job finde.“ Wichtig sei ihm, dass er auch nach seiner Entlassung übergangsweise betreut werde.

Brandt: „Den Erfolg unserer Bildungsarbeit hier vor Ort zu bemessen, ist kaum möglich, aber fest steht, dass die Erfolgsaussichten für einen jungen Erwachsenen von zwei Faktoren begünstigt werden. Zum einen durch die Höhe der Qualifikation und zum anderen durch die Betreuung der Inhaftierten nach deren Haftentlassung.“ Dabei sei die Finanzierung dieser speziellen Maßnahmen in der Hamelner Jugendanstalt ein kompliziertes Verfahren, und gerade der Bereich der Betreuung nach der Haftentlassung werde derzeit neu organisiert, wie Zimmermann ausführt: „90 Prozent unseres Etats sind durch Mittel des niedersächsischen Justizhaushalts gedeckt, rund 10 Prozent steuert das Wissenschaftsministerium im Rahmen des Erwachsenenbildungsgesetzes bei.“ Hinzu käme, dass einige Maßnahmen durch EU-Anstoßfinanzierungen realisiert wurden, die nach einer geraumen Zeit ausliefen.

Die Leiterin der Jugendanstalt Hameln, Christiane Jesse, meint: „Wir kooperieren mit zahlreichen externen Bildungsträgern, und neben unseren eigenen Bildungsangeboten sind es vor allem auch die Innovationen der LEB, die für ein breites Bildungsspektrum innerhalb der Jugendanstalt sorgen.“ Als Beispiel führt Jesse das Projekt „Produktionsschule“ an, das Zimmermann erklärt: „Wir qualifizieren die Inhaftierten auch im Berufsfeld Schneiderei und haben dort sogar mit der Produktion selbst entworfener Taschen begonnen.“ Selbst ein eigenes Label haben sich die Teilnehmer ausgedacht: „Knackdesign“. Hergestellt werden die Taschen aus ausrangierten Sicherheitsgurten, die erst zerschnitten, dann gereinigt und abschließend in den unterschiedlichsten Variationen wieder zusammengenäht werden. Zimmermann hat eine Vision: „Ich könnte mir gut vorstellen, dieses Projekt noch weiter auszubauen und firmenähnliche Strukturen zu schaffen, in denen die jungen Erwachsenen dann in alle Bereiche eines Unternehmens Einblick nehmen können.“

Laut Jesse nehmen derzeit mehr als 470 Inhaftierte an den Bildungsangeboten der Jugendanstalt, der LEB und den anderen externen Bildungsträgern teil. Für die Psychologin liegt der große Vorteil der externen Bildungsträger in deren Flexibilität: „Gerade in der heutigen Zeit ist es wichtig, Bildungskonzepte bedarfsgerecht anzupassen. Deswegen ist es meiner Meinung nach immens wichtig, dass neben der schulischen auch die berufliche Bildung und hier vor allem die praktischen Anteile, wie beispielsweise bei dem Taschenprojekt der LEB, ausreichend berücksichtigt werden.“

Für Brandt hat die Qualifizierung und berufliche Orientierung der jungen Erwachsenen der Jugendanstalt auch einen gesellschaftlichen Aspekt: „Vor dem Hintergrund des demografischen Wandels stellen die jungen Inhaftierten ein Fachkräftepotenzial dar. Es sind nicht wenige, die während ihrer Haftzeit einen Haupt- oder Realschulabschluss nachholen.“

Aber auch außerhalb der Gefängnismauern ist die LEB aktiv, wie Franke erklärt: „Traditionell ist die LEB eine Art Bildungskoordinator für Gruppen und Vereine, aber auch der Bereich der individuellen Weiterbildung, Qualifizierung oder beruflichen Orientierung wird zunehmend bedeutsamer.“

Gerade hinsichtlich der Qualitätsstandards sei die LEB für die Menschen im Weserbergland ein verlässlicher Partner, denn die von der LEB organisierten Bildungsmaßnahmen werden allgemein anerkannt.

Anlässlich der Jubiläumsfeier stellte die Abgeordnete des europäischen Parlaments, Gesine Meißner (FDP), klar: „Der Ausbau der Bildungsangebote hier in der Jugendanstalt ist erfreulich und nicht zuletzt der Tatsache geschuldet, dass das Begabungsniveau der Inhaftierten mit dem der Gesellschaft insgesamt zu vergleichen ist.“

Gesine Meißner war selbst zehn Jahre stellvertretende Landeschefin der LEB – und als Berufsschullehrerin und Sozialpolitikerin hat sie ohnehin ein gleichsam natürliches Interesse an Bildungsthemen. „Sicherlich gibt es innerhalb Europas Mitgliedsstaaten, wie beispielsweise Finnland, die beim Thema Bildung mit noch mehr Konsequenz agieren, aber Deutschland muss sich nicht verstecken und ist auf einem guten Weg.“ Vergleichbare Konzepte wie das der LEB gebe es in Europa nur selten und selbst in der Bundesrepublik sei Niedersachsen Vorreiter in Sachen ländlicher Erwachsenenbildung.

Bildungsträger haben derzeit Hochkonjunktur. Neben der Schul- und Berufsausbildung im klassischen Sinne kommt der Fort- und Weiterbildung eine immer wichtigere Bedeutung zu. Seit 30 Jahren leistet die Ländliche Erwachsenenbildung Niedersachsen (LEB) Pionierarbeit. Und zeigt den Inhaftierten der Jugendanstalt neue Perspektiven auf.

Jürgen Zimmermann mit einer der in der Produktionsschule gefertigten Taschen: „Das Projekt ist ausbaufähig.“

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