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Kleine Schleimer mit großem Appetit

Von Karin Rohr

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Mehr als 100 000 Arten gibt es auf der ganzen Welt. Manche tragen ein Haus, andere kriechen nackt durch die Nacht. Denn: Die meisten Schnecken sind nachtaktive Tiere, die sich am liebsten auf feuchtem Untergrund fortbewegen und die Sonne meiden, weil ihr Körper so schnell austrocknet. Schnecken können sehr alt werden: Eine Weinbergschnecke soll in einem Terrarium mehr als 30 Jahre gelebt haben. Es gibt Pflanzenfresser, Aasfresser und räuberische Arten. Viele lieben Gräser und Blätter und für einige ist grüner Salat die Leibspeise: Gefräßige Nacktschnecken können Gartenbesitzer glatt an den Rand des Wahnsinns bringen. Wo sie auftauchen, findet Radikalfraß statt.

Schnecke ist aber nicht gleich Schnecke. Manche leben im Wasser, andere an Land. Nur wenige bekommen lebende Junge, die meisten legen Eier. Und, ja, Gehäuseschnecken schlüpfen schon mit einem winzigen Haus aus dem Ei. Aber, nein, sie können ihr Gehäuse nicht verlassen. Leere Schneckenhäuser stammen entweder von gestorbenen oder von gefressenen Tieren. Die Häuschen sind in ihren Farbspielen nicht nur schön anzusehen, sondern auch beliebte Sammelobjekte. Am farbenprächtigsten sind die Gehäuse von Bänderschnecken, die auf Wiesen, in Wäldern, Parks und Gärten vorkommen. Ungewöhnlich haarig sind die Gehäuse von Riemenschnecken, die vorwiegend in Wäldern unter Laub, Fallholz und Steinen leben. An wandelnde Schmucksteine erinnern die Bernsteinschnecken, deren Gehäuseschalen dünn, glänzend und oft durchscheinend sind. Sie kommen in den Uferzonen von Flüssen und Seen, aber auch in Mooren vor. Die Posthornschnecke hat ein Häuschen wie ein Posthorn. Sie ist Allesfresser, ernährt sich hauptsächlich von Algen, abgestorbenen Pflanzenteilen und Aas. Nur wenn Nahrungsmangel auftritt, frisst sie auch lebende Pflanzen. Sie gehört zu den wenigen tagaktiven Schnecken und lebt in stehenden und langsam fließenden Gewässern. Als einzige der europäischen Schneckenarten besitzt sie als Blutfarbstoff Hämoglobin und hat deshalb rot gefärbtes Blut.

Die größte und bekannteste Gehäuseschnecke in unserer Region ist die Weinbergschnecke. Sie ist geschützt, darf also nicht gesammelt werden, ihr Bestand im südlichen Niedersachsen ist aber nicht gefährdet.

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Das ist nur eine Auswahl attraktiver und ungewöhnlicher Gehäuseschnecken, die bei uns kein Problem darstellen: „Sie richten im Prinzip keinen Schaden an“, weiß Gartenbauingenieur Reinhard Arndt, der bei der Emmerthaler Firma Neudorff die Versuchsgärtnerei leitet – „mit der Lizenz zum Töten“, wie er in Anspielung auf seine vordringliche Aufgabe, die Bekämpfung von Schädlingen, sagt. Und da werden bei den Weichtieren, deren größte Gruppe die Schnecken bilden, vor allem zwei Arten von Nacktschnecken lästig: „Die Acker- und die Wegschnecke“, sagt Arndt. Ackerschnecken würden im Herbst in der Landwirtschaft zum Teil erheblichen Schaden anrichten: „Nachdem die Saat ausgebracht wurde, fressen sie die jungen Pflanzen“, so Arndt. Auch in den Gärten machen sich Acker- und Wegschnecken über Salat und Gemüse her. „Trockenheit, Sonne und Wind sind die Feinde dieser Schnecken“, erklärt der Gartenbauingenieur. Zum Problem wird da zunehmend die Spanische Wegschnecke: „Sie gilt als widerstandsfähiger als unsere, kann aufgrund ihrer iberischen Herkunft Sonne und Trockenheit besser ab und hat scheinbar unsere Arten verdrängt“, führt Arndt aus. Sowohl für die Acker- als auch für die Wegschnecken gilt: Bei feuchtwarmem Wetter können sie sich extrem vermehren. „Das, was wir sehen, ist oft nur die Spitze des Eisberges“, bestätigt der Neudorff-Experte: „Ackerschnecken kriechen manchmal sogar in Regenwurmgänge und verstecken sich dort.“

Neben biologischen und chemischen „Waffen“ im Kampf gegen gefräßige Nacktschnecken haben sich auch Schneckenfallen bewährt. Volker Stieler vom gleichnamigen Fachgeschäft in Hameln rät zu Bierfallen: „Da gehen nur die Wegschnecken ran.“ Oder auch zu Wacholderzweigen, die man zwischen die Gemüsebeete legt: „Das mögen die Schnecken nicht.“ Ein bewährtes, altes Mittel zum Absammeln lästiger Schleimer ist ein Holzbrett: „Man legt es über Nacht zwischen den Beeten aus und kann am nächsten Tag die Schnecken, die daruntersitzen, absammeln“, so Stieler.

Doch es gibt auch Nacktschnecken, die nützlich sind: Die auffälligste ist die gefleckte Tigerschnecke, auch Egelschnecke oder Tigerschnegel genannt. Sie wurde aus südlichen Gefilden nach Mitteleuropa eingeschleppt und ist hier eindeutig auf dem Vormarsch. Mit bis zu 20 Zentimetern (!) Länge ist sie die größte hier vorkommende Schneckenart, ernährt sich aber fast ausschließlich von Pilzen und totem Pflanzengewebe, grast lästige Algenbeläge von Steinen und Hölzern ab und hat eine erfreuliche Neigung zum Kannibalismus: Sie frisst die ungeliebten anderen Nacktschnecken.

Der Nabu empfiehlt schneckengeplagten Gartenbesitzern, die Lebensbedingungen für deren natürliche Feinde zu verbessern: „Igel, Kröten, und Blindschleichen vertilgen Schnecken.“

Als Nacktschneckenvertilger erster Güte haben in den letzten Jahren asiatische Laufenten einen Boom erlebt. Wenn diese allerdings die Wahl zwischen Schnecke und Salat haben, würden sich die meisten für das Letztere entscheiden, haben Laufenten-besitzer festgestellt. Denn: Teilweise haben die Schnecken einen so üblen Schleim und Geschmack, dass er selbst diesen robusten Enten auf den Magen schlägt.

Sie haben keine Knochen, einen weichen Körper, robben sich wellenartig voran und hinterlassen deutlich sichtbare Schleimspuren: Schnecken. Die Hitliste der Lieblingstiere führen sie zwar nicht an, aber so widerlich, wie manche Schnecken-Gegner behaupten, sind die kleinen Schleimer nicht. Es gibt sogar sehr hübsche und nützliche Exemplare. Und nicht alle fressen Salatbeete kahl.

„Gehäuseschnecken richten keinen Schaden an“, sagt Gartenbauingenieur Reinhard Arndt. Besonders hübsch ist die Bänderschnecke mit ihrem gestreiften Häuschen. Die Bernsteinschnecke sieht aus wie ein wandelnder Schmuckstein. Die Riemenschnecke hat ein behaartes Gehäuse. Und die nützliche Tigerschnecke räumt mit gefräßigen Nacktschnecken auf.

Gefräßige Nacktschnecken, die Gartenbesitzern und Landwirten das Leben schwer machen: Die Wegschnecke (li.) und die Ackerschnecke (re.) können bei uns zur Plage werden.

Die Weinbergschnecke ist die größte und bekannteste Gehäuse-schnecke in unserer Region. Sie ist geschützt, aber in ihrem Bestand nicht gefährdet.

Foto: Marianne Wiora

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