weather-image
17°
Der Nachbau des Klosters Corvey mit den historischen Anker Bausteinen war eine Herausforderung

Kirchen und Dombauten an der Weser

VON CHRISTIAN MEYER-HERMANN

270_008_4959025_faw102_1911.jpg

Mit einem Schiff die Oberweser von ihrem Beginn über Hameln hinaus bis Minden herunterzufahren, bringt wunderbare Anblicke der abwechslungsreichen Landschaft mit sich. Sie besticht durch ihre sanften Berge, Wälder und reichen Felder. Doch auch interessante Gebäude, links und rechts des Ufers, erwecken immer wieder die Aufmerksamkeit. Besonders bedeutende Kirchen und Dombauten aus weit zurückliegender Zeit sind bei einer Flussfahrt gut wahrzunehmen. Einige dieser gut erhaltenen Bauten stammen in ihrem Ursprung schon aus einer Zeit um 800 nach Christi Geburt. Wenn auch natürlich im Laufe der Jahrhunderte erhebliche Änderungen an den Gebäuden vorgenommen wurden, so kann man doch noch manche Elemente aus der karolingischen Zeit und der Romanik erblicken. Auch die späteren Modernisierungen in gotische, Renaissance und klassische Baustile haben dem Aussehen der schon so alten Gebäude gar nicht geschadet, sondern im Gegenteil ihren Erhalt gesichert und uns auf diese Weise noch heute die Möglichkeit gegeben, zu erkennen, wie man um die Zeit von Karl dem Großen und dessen Sohn Ludwig dem Frommen schon gestaltet hat.

Unterhalb von Hann. Münden in schönster Lage an einer Weserbiegung erblicken wir die 1093 von Graf Heinrich dem Dicken von Northeim gestiftete Benediktinerabtei Bursfelde. Den Mönchen aus Corvey wurde die Führung des Klosters anfangs erfolgreich anvertraut. Später nach 1438 sorgte die „Bursfelder Kongregation“ dann dafür, dass sich 111 Klöster in Deutschland, Holland, Belgien und Luxemburg dazu zusammenschlossen, wieder zu geordneten Ordensregeln zurück zu finden. So wurde Bursfelde einst zu einem Mittelpunkt für kulturelles und religiöses Wirken der Benediktiner. Deutlich sehen wir noch heute bei der Außen- und Innenbesichtigung des ehemaligen Klosters, wie aufwendig bereits in der Zeit der Romanik und davor die architektonische Ausführung und aussagefähige Gestaltung erfolgten. Zwar sind die Türme, wie wir sie heute sehen, erst im 19. Jahrhundert im historischen Sinne errichtet, doch der ursprüngliche Gedanke, die linke und rechte Frontseite durch einen mit Fenstern versehenen Mittelbau über dem Eingang zu stabilisieren, ist deutlich erkennbar.

Weiter weserabwärts erblicken wir bald nach den neueren Türmen von St. Kilian in Höxter die markanten Türme des Klosters von Corvey. Das Kloster wurde um 822 als Benediktinerabtei unter dem Sohn von Karl dem Großen, Ludwig dem Frommen, gegründet und geweiht. Der westliche Teil der Kirche, aus Buntsandsteinmaterial hergestellt, zeigt noch heute wie auch die in der Krypta gefundenen Wandmalereien, dass seine ursprüngliche Ausführung tatsächlich in das hohe Altertum zurückreicht. Corvey gehörte zu den bedeutenden Abteien noch bis weit in das 13. Jahrhundert. Grundbesitz nicht nur an der oberen Weser, sondern ebenso Gebiete an der Ems, der Diemel, der Leine und diverse weitere gehörten zur Oberlehnshoheit von Corvey. Sogar die Grafschaft Schwalenberg war zeitweise in den Bereich von Corvey einbezogen. Etwa 50 Jahre nach der Gründung entstand das berühmte Westwerk der Kirche. Natürlich hat auch diese Kirche im Laufe der folgenden Jahrhunderte durch Brand und kriegerische Zerstörungen immer wieder tief- greifende Änderungen erlebt und so auch eine stetige Anpassung an die der Zeit jeweils entsprechende Gestaltungsweise erfahren. Man kann aber davon ausgehen, dass zumindest der untere Teil des Westwerks noch aus dem karolingischen Ursprung besteht, was ja unter anderem durch die freigelegte Wandmalerei dokumentiert wird. Begibt man sich in die Kirche durch den Eingang im Westwerk, verdeutlicht die große Anzahl dicht stehender Säulen mit Würfelkapitellen, wie die Bauherren seinerzeit für die Sicherung der darüberfolgenden Gewölbe sorgten. Wieder sorgt eine zwischen den Türmen waagerecht liegende mit dekorativen Fenstern versehende Verbindung für das typische Aussehen der Kirchenbauten aus der Zeit der frühen Romanik.

270_008_4959026_faw103_1911.jpg
  • Bonifatiuskirche in Hameln 1622.
270_008_4959030_faw104_1911.jpg

Die Hamelner Münsterkirche stammt aus dem 11. Jahrhundert, wurde aber immer wieder umgebaut, sodass wir nur im Bereich der Krypta noch ursprüngliche Strukturen erkennen können. Das Grafenpaar Bernhard und Christina von Engern und Ohsen hat die ursprüngliche Kirche an diesem Platz in den frühen Jahren vor 800 errichtet. Als das Paar 826 ohne Nachkommen starb, fiel deren Besitz an die benediktinische Reichsabtei Fulda, die in Hameln ein Nebenkloster gründete und die Kirche mit Reliquien des Gründers Bonifatius ausstattete. Nach einem verheerenden Brand wurde die Kirche zwar erneuert, aber dann an das Fürstenbistum Minden verkauft. Durch die umfänglichen Umbauarbeiten wandelte sich das äußere Erscheinungsbild der Kirche von einem ursprünglich romanischen Bau zunächst in ein Gotteshaus mit gotischem Aussehen.

Ein Ausschnitt aus einem Plan von 1622 zeigt uns die Bonifatiuskirche mit einem Frontaussehen, bei dem zwei Türme mit einem mit Fenster versehenen Mittelteil verbunden sind. Ob diese Darstellung Rückschlüsse auf die Ausführung in der Gründungszeit zulassen, ist zu bezweifeln, kann aber auch ein Motiv der damaligen Bauherren sein, an den Ursprung anzuknüpfen.

Weiter auf der Weser abwärts kommt das Kloster Fischbeck in Sicht. Das heutige Damenstift wurde 955 gegründet. Die dazugehörende Kirche wurde in romanischer Bauweise wohl schon im 11. Jahrhundert errichtet. Das ursprüngliche Benediktiner- Nonnenkloster war eine kurze Zeit dem Stift Corvey zugeordnet. Das bedeutende romanische Bauwerk wurde allerdings schon um 955 errichtet und von der sächsischen Edelfrau Helmburg gegründet. Statt wie in Corvey die Kirche mit zwei Türmen auszustatten, verzichtete man hier darauf und setzte einfach in die Mitte des mit einem steilen Dach versehenden markanten Querriegels ein zartes Glockentürmchen.

Ein letztes Beispiel für die Ähnlichkeit frühromanischer Bauwerke zeigt sich, weiter der Weser nach Norden folgend in Richtung der Porta Westfalica, mit dem Dom von Minden. Er diente als Bischofskirche schon um 800 für das von Karl dem Großen in Minden gegründete Bistum.

An einer Reihe weiterer Beispiele – Paderborn, Münster, Herford – ließe sich zeigen, wie intensiv schon seinerzeit für die Verbreitung des Christentums und den damit verbundenen Regeln und der Verbreitung der Bildung gesorgt wurde. Auch die teilweise deutliche Ähnlichkeit der stilistischen Ausführung der romanischen Kirchen wie Corvey, Fischbeck und Minden offenbart die zeitliche Parallele und architektonischen Grundvorstellungen damaliger Zeit. Bei den drei genannten Kirchen zeigt sich wie erwähnt noch heute über dem Haupteingang ein kräftiger Querriegel, der aber nur bei Corvey noch mit mächtigen Türmen links und rechts ergänzt wird.

Das wohl markanteste Beispiel für die frühromanischen Kirchen im Weserbereich ist sicherlich das Kloster Corvey mit den für die Westseite verwendeten Buntsandsteinen. Die hochreichenden Türme mit dem geschmückten waagerechten Querriegel über dem Haupteingang geben uns noch heute ein harmonisches Bild eines über tausend Jahre alten Gebäudes.

Dies in vielen Monaten mit den historischen Anker Bausteinen nachzubauen war eine interessante Herausforderung (siehe Abbildung links). Die Abmessungen des nachgebauten Klosters bestimmen sich durch die verwendeten Bögen, die verfügbaren Dachsteine und die Gestaltung der Turmspitzen. Die Turmhöhe beträgt daher: 106 cm. Die Breite an stärkster Stelle liegt bei 54 cm. Die Gesamtlänge, einschließlich des historischen Westteils, sowie den hintereinander liegenden heute überwiegend im Barock eingerichteten Kirchenräumen beträgt fast 130 cm.

Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Kommentare