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Jubiläum Rechtschreibreform: Gespräch mit Grundschul-Rektor

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Benedikt Dittrich Redakteur zur Autorenseite

Trotzdem verändert sich Sprache und Text immer wieder. Wir sprachen mit Christoph Schieb, Rektor der Grundschule in Bad Münder, über die Veränderungen.

Herr Schieb, hat die Rechtschreibreform im Jahr 1996 Ihre Arbeit als Deutschlehrer verändert? CHRISTOPH SCHIEB: Natürlich. Es war nötig, über Regeln nachzudenken. Das war schon eine interessante Diskussion damals, die schnell in die Breite gegangen ist. Da wurden ja gleich die Fundamente der ganzen Gesellschaft infrage gestellt. Das ist natürlich abwegig. Aber Rechtschreibung und Regeln auf ihre Notwendigkeit und ihre Brauchbarkeit im Alltag zu hinterfragen, das ist kein falscher Ansatz.

Die erste Reform war 1996, es gab zwei Nachbesserungen, die letzte ist zehn Jahre her. Braucht man bald vielleicht wieder eine Reform? Es wird sicher nicht die letzte Reform gewesen sein. Aber wann der richtige Zeitpunkt dafür ist, das wage ich nicht zu beurteilen. Sprache und Schrift sind lebendige Prozesse, sie unterliegen Veränderungen. Irgendwann ist der Zeitpunkt aber auch da wieder reif.

Was erleben Sie denn mit: Wie verändern sich Sprache und Schrift? Ganz konkret bei meinen eigenen Texten und denen meiner Kinder. Das sind weniger handgeschriebene Texte, viel mehr digitale.

Ändert das auch etwas an der Rechtschreibung? Es ist eine andere Toleranz entstanden. Gerade per E-Mail oder Whatsapp hat man eine sehr hohe Fehlertoleranz, besonders im privaten, freundschaftlichen Bereich und manchmal selbst im dienstlichen Bereich. Wir sind eben Menschen. Den höchsten Stellenwert hat Rechtschreibung noch in Rahmen von Bewerbungen. Da lege ich am meisten Wert darauf, dass da auch bis ins letzte Detail darauf geachtet wird, um deutlich zu machen: Da nimmt es jemand wirklich genau.

Wenn nicht mehr so genau auf die Rechtschreibung geachtet wird, wie kann man Schülern dann trotzdem noch vermitteln, dass Rechtschreibung wichtig ist? Ich will, dass jemand, der meinen Text liest, mich versteht. Das ist das Wichtigste. Wenn ich da regellos schreibe, wie ich will, dann werde ich nicht verstanden. Ein Mindestmaß an Regelbewusstsein muss ich also haben. Das ist das Eine. Und immer dann, wenn ich diese halboffizielle Ebene verlasse und einen Text schreibe, der nach draußen geht, dann muss eine Qualitätskontrolle sein. Ein Text in der Aula, auf der Schul-Homepage oder ein offizieller Brief. Spätestens dann muss auch Schülern bewusst sein: Den gebe ich nur top überarbeitet raus.

Inwiefern verändert das den Job des Lehrers? Ein Gewinn der neueren Zeit ist für mich, dass Texte kürzer geworden sind. Vor 50 Jahren bestanden zum Beispiel die Zeitungen aus reichlich Textwüste. Die waren zum Lesen aus heutiger Sicht nicht sonderlich attraktiv. Texte, die kürzer, prägnanter und bebildert sind, machen das Lesen viel interessanter. Ich muss aber auch lernen, in dieser Kürze das Wesentliche meiner Informationen unterzubringen. Das ist eine Herausforderung an den Schreiber. Diese Kombination macht das Schreiben anders, aber auch interessant und spannend. Dies im Unterricht anschaulich in Verbindung mit traditionellen und neuen Medien zu vermitteln, ist meiner Ansicht nach eine wichtige Aufgabe von Lehrkräften.

Kinder können immer weniger gut schreiben. Woran liegt das aus Ihrer Sicht? Es gibt immer einen Aufschrei, wenn man hört, dass Kinder immer weniger gut und sauber schreiben können. Das ist wohl aus vielerlei Gründen so, aber auf der anderen Seite sind sie in der digitalen Kommunikation viel weiter, als wir es sind. Etwas mehr zuversichtliche Gelassenheit täte der Diskussion sicherlich gut.

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