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Seit dem 11. März 2008 lebt Hameln mit der Stadt-Galerie / Gegner und Befürworter ziehen ein Fazit

Jahresbilanz mit unterschiedlichen Facetten

Hameln (ni). Er war heftig umstritten, lieferte Zündstoff für zahllose Auseinandersetzungen und wurde am Ende in einer denkwürdigen Ratssitzung mit 25 zu 18 Stimmen beschlossen: der Bau der Stadt-Galerie am Pferdemarkt. Für die Verfechter des Projektes war die künstliche Einkaufswelt im ECE-Format der Retter der Innenstadt, und sie sahen schon vor sich, wie die Hamelner Einkaufslandschaft unter ihrem Einfluss aufblühen wird. Für die Gegner war sie der Totengräber, und ihr Gesicht verdüsterte sich bei dem Gedanken an eine Fußgängerzone, deren Schaufenster, die nichts mehr zeigen, weil dahinter nichts mehr ist. Dazwischen standen die Zweifler, denen das Eine so möglich erschien wie das Andere. Seit einem Jahr lebt Hameln jetzt mit der Stadt-Galerie. Die Auswirkungen beurteilen die Kritiker, Befürworter und Skeptiker von einst heute unterschiedlich.

Der Hamelner Unternehmer Hans W. Brockmann gehörte dem Kreis der erklärten ECE-Gegner an, die sich in der Initiative „Rettet die Altstadt“ zusammengefunden hatten, um sich gegen den Bau des großen Konsumtempels in der Altstadt zu engagieren. Nach einem Jahr mit dem Center sieht er seine Befürchtungen von damals weitgehend bestätigt.

Entgegen der Prognose der Center-Befürworter, wonach die Stadt-Galerie deutlich mehr konsumfreudige Besucher aus dem Umland in Hamelns Zentrum locken werde, „hat sich die Frequenz in der Innenstadt – vorsichtig formuliert – nicht erhöht“, so Brockmann. Die Hoffnung, die Magnetwirkung aus einem „imaginären Einzugsbereich des Shopping-Centers“ werde so groß sein, dass die 500 Parkplätze auf dem Dach der Galerie nicht ausreichen und die Hamelner Parkhäuser deshalb übervoll laufen werden, habe sich nicht erfüllt. Was die Stadtwerke bestätigen: Durch ECE habe es zwar leichte Verschiebungen, aber insgesamt keine erkennbaren Zuwächse gegeben. Das Rondell sei seit 2008 zwar besser ausgelastet, dafür seien in der gleichen Zeit in den Parkhäusern Rattenfänger-Halle und Kopmanshof Rückgänge zu verzeichnen.

Fahrradstellplätze werden vermisst

Und noch eine Vorhersage der Center-Befürworter, die von den Kritikern immer infrage gestellt wurde, verweist Brockmann heute ins Reich der Utopie. Nämlich, dass sich Hamelns Fußgängerzone als Gegengewicht zur Stadt-Galerie profilieren und mit einem umso individuelleren und anspruchsvolleren Angebot ihr eigenes Gesicht entwickeln wird. „Diese Erwartung“, so der Unternehmer, „wird eine Illusion bleiben.“

Mit kritischer Distanz hat der BUND seinerzeit die Planungen für die Stadt-Galerie begleitet. Eine Annäherung an das Center hat offenbar auch ein Jahr nach seiner Eröffnung nicht stattgefunden. Für den BUND-Kreisvorsitzenden ist und bleibt „das ECE ein großer Fremdkörper in unserer Stadt“ – mit negativen Auswirkungen.

Umsatzeinbußen beim Einzelhandel

Die Befürchtungen, dass die Galerie viel Kaufkraft aufsaugt und der Einzelhandel in der Fußgängerzone das zu spüren bekommt, „haben sich erfüllt“, sagt Hermes und führt die zunehmenden Leerstände in Oster- und Bäckerstraße auf die Konkurrenz der aus dem Boden gestampften 90 neuen Geschäfte im klimatisierten Einkaufsparadies zurück. Was in seinen Augen umso ärgerlicher ist, als dass ECE bei der Realisierung seines Projektes „mit öffentlichen Geldern unterstützt wurde – wie etwa beim Bau der Busstation vor seiner Eingangstür; und jetzt wieder öffentliches Geld in die Hand genommen werden muss, um die andere Seite, nämlich die Geschäftswelt in der Fußgängerzone, gleichfalls zu stützen“.

„Geradezu arrogant“ sei der Konzern ECE über die Bedürfnisse der Fahrradfahrer hinweggegangen. Den 500 Auto-Parkplätzen auf dem Dach der Galerie stehe auch nach einem Jahr nur eine lächerliche Anzahl von Abstellmöglichkeiten für Radler gegenüber.

Holger Wellner ist alles in einer Person: Vorsitzender des Einzelhandelsverbandes, Center-Mieter und Unternehmer, der mit seinem Modegeschäft in der Innenstadt im Wettbewerb mit der Galerie steht. Je nach Perspektive, die Wellner beim Bilanzieren einnimmt, verschieben sich in seinem Resümee über das erste Jahr mit ECE die Schwerpunkte. Nach einem Jahr, so Wellner, seien die ersten Auswirkungen abzulesen: „Die Innenstadt-Einzelhändler geben in der Breite Umsatz ab.“ Sein eigenes Modehaus nimmt er davon nicht aus. „Auch Wellner hat Frequenz und Umsatz verloren“ – trotz der unmittelbaren Nachbarschaft zur Galerie. Als Mieter in der Galerie sieht er seine Erwartungen weitgehend, „wenn auch nicht ganz erfüllt“. Die gute Besucherfrequenz sowie die geringe Fluktuation unter der Mietern sprächen für das Center.

„Wenn ich mir die Mütze des Einzelhandelsverbandes aufsetze, ist es grundsätzlich richtig gewesen, das ECE nach Hameln zu holen“, wechselt Wellner seine Rolle. Durch das Center gebe es zwar Probleme in der Stadt, doch ohne „hätten wir auch Probleme. Nur andere“. Dann würden sich viele Kunden aus dem Umland anders orientieren und ihr Einkaufserlebnis eben in den Städten suchen, die ein Shoppingcenter zu bieten haben. Allerdings sei die Galerie für eine Stadt wie Hameln aus Verbandssicht eine Nummer zu groß geraten. Durch die explosionsartige Vermehrung der Verkaufsfläche um rund 20 000 Quadratmeter verstärkten sich die negativen Effekte.

Als Einzelhändler in der Stadt hatte er die Eröffnung der Galerie mit der Hoffnung verknüpft, „dass man in Hameln näher zusammenrückt“. Gemeinsam die Wettbewerbsvorteile herausarbeiten, die der Einzelhandel in der Fußgängerzone gegenüber einem Center hat und mit diesen Stärken gegenhalten gegen die Konkurrenz der neuen Einkaufswelt – diese Vision, so Wellner heute, „habe ich – ehrlich gesagt – etwas überbewertet“. Vom kollektiven Jammern hält der Unternehmer trotzdem nichts. Sondern sieht die Chance des Hamelner Einzelhandels nach wie vor darin, das Potenzial auszuspielen, das in der Urbanität einer historisch gewachsenen Innenstadt liegt.

Mit Programm für Frequenz sorgen

Wobei der falsche Weg in seinen Augen wäre, gegen das Center zu arbeiten und der richtige in einer vernünftigen Kooperation liegt. Nur mit gemeinsamen Aktionen, ist er überzeugt, könne die Innenstadt für die Kunden attraktiv gemacht werden. Eine Überzeugung, die er mit der neuen Centermanagerin Kirsten Jackenkroll genau so teile wie mit Stadtmanager Stefan Schlichte. Der nimmt zwischen den Interessen des Einzelhandels in und außerhalb der Galerie eine pragmatische Position ein: „Die Stadt-Galerie ist da, jetzt müssen wir damit umgehen.“ Er hält es mit der Devise, „nicht Teil des Problems, sondern Teil der Lösung zu sein“. Und die sieht Schlichte in dem Bemühen, durch ein ansprechendes Programm immer wieder „für Frequenz in der Stadt zu sorgen, weil mehr Besucher eben auch mehr potenzielle Kunden bedeuten“. Hoffnungsvoll stimmt ihn die Tatsache, dass der Stadtmarketing- und Verkehrsverein in jüngster Zeit neue Mitglieder gewonnen hat. Schlichte wertet das als Indiz dafür, „dass sich die anfängliche Verweigerungshaltung als Reaktion auf den Centerbau allmählich auflöst“ und beim innerstädtischen Einzelhandel das Bewusstsein wächst: „Nur gemeinsam können wir’s packen.“

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