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Nosseni-Modell als Vorlage wahrscheinlich / Adrian-de-Vries-Symposium bringt neue Erkenntnisse

Ist die Autorschaft der Stadtkirche nun geklärt?

Bückeburg/Stadthagen (mig). "Wir hatten Adrian de Vries sozusagen ganz nah bei uns", hat Dr. Dorothea Diemer (Augsburg) ein rundum positives Fazit des dreitägigen "Adriaen-de-Vries-Symposiums" in Stadthagen gezogen. Dr. Diemer, die die "Schaumburger Landschaft" und den Förderverein "Renaissance Stadthagen" schon im Vorfeld der Tagung beraten hatte, lobte vor allem die gute Organisation und eine "intensive Arbeitsatmosphäre": "Durchweg waren die international angereisten Kunsthistoriker begeistert vom wissenschaftlichen Niveau der Tagung", sagte si e rückblickend.

Das Bückeburger Taufbecken: Wollte Graf Ernst das Stadthäger Pen

Während der dreitägigen Veranstaltung wurden den 100 Teilnehmern neue historische Erkenntnisse über de Vries Ausbildung zum Bronzeplastiker vorgestellt, ebenfalls diskutiert wurden drei wiederentdeckte Werke. Hilfestellung leisteten die Spezialisten aber auch in einer ganz praktischen Frage. Nach einem Ortstermin in der Stadthäger Grabkapelle empfahlen Jane Bassett (J.Paul Getty Museum Los Angeles) und Kerstin Brendel (Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege) die Bronzen nur ganz behutsam zu restaurieren. Anstatt die Korrosionsschicht zu entfernen, sollten die Oberflächen gereinigt und mit mikrokristallinem Wachs konserviert werden. Für Diskussionsstoff sorgten aber nicht nur die Figuren im Stadthäger Mausoleum. Auch die Stadtkirche in Bückeburg und hier besonders das von de Vries gestaltete Taufbecken standen auf der Agenda. In ihrem Vortrag "Zur künstlerischen Autorschaft der Bückeburger Stadtkirche" informierte Dr. Dorothea Diemer das Publikum über die "ungeklärte Baumeisterfrage" - bekannt ist bisher nur, dass Fürst Ernst den Künstler Giovanni Maria Nosseni 1608 mit dem Modell betraut hat - und unterbreitete den Teilnehmern einen "Vorschlag", wie die als ungeklärt geltende Baumeisterfrage "im Licht unserer Erfahrungen mit Schaumburg" revidiert werden könnte. "Im Briefwechsel mit Nosseni ist nach diesem Begleitbrief nie mehr vom Kirchenentwurf die Rede, was die Literatur zu der Schlussfolgerung veranlaßt, Ernst habe sich ,nicht weiter mit Nossenis Kirchenentwürfen beschäftigt'", sagte Dr. Diemer: "Ist es sehr wahrscheinlich, dass Ernst, rational und ökonomisch wie wir ihn kennen, ein Modell, das er in der Hand hatte, weggeworfen hätte, bloß weil er dessen Architekten in einer anderen Sachedie Geschäftsbeziehungen aufkündigte?" Auch sein Mausoleum habe Ernst offenbar nach Nossenis Plänen errichten lassen, ohne dass sich in den Quellen Hinweise auf den Autor des Modells fänden. Ihre These unterstützte die Referentin mit einer vergleichenden Stilananalyse, wies aber zum Schluss darauf hin, dass es keinei Archiv-Beweise gibt. "Dennoch scheint es mir einer Überlegung wert, ob wir nicht mit dem Nächstliegenden rechnen sollten: dass die Kirche nach dem Modell Nossenis gebaut wurde, das der Fürst gerade zuvor erhalten hatte." Einen weiteren für Bückeburger Belange interessanten Vortrag hielt Prof. Dr. Lars Olof Larsson. Der Kieler Gelehrte, den Geschichtsinteressierte als Autor des Buches "Adrian de Vries in Schaumburg" kennen, konzentrierte sich diesmal allein auf das Taufbecken in der Bückeburger Stadtkirche und seine prachtvolle Ornamentik. Den Grund für die reiche Gestaltung des Beckens sieht Prof. Dr. Larsson in der 1578 gestifteten Bronzetaufe der Stadthäger St. Martini-Kirche: "Es liegt auf der Hand, dass Graf Ernst dieses repräsentative, elegant profilierte aber im Übrigen schmucklose Werk mit der geschmückten Bronzetaufe für Bückeburg übertreffen wollte." Während Fürst Ernst die formale Gestaltung wahrscheinlich im wesentlichen de Vries überließ, vermutet Prof. Dr. Larsson Vorgaben, was das inhaltliche Programm angeht. Es sei "kaum denkbar, dass der umsichtige und an theologischen Fragen interessierte Graf", bei einem so wichtigen und teueren Auftrag dem Künstler die Frage der inhaltlichen Gestaltung allein überlassen hätte. Anregungen für die Gestaltung holte sich de Vries wohl in der Form zeitgenössischer Prunkbecher mit figürlichem Fuß und Meisterstücken der Gold- und Silberschmiedekunst. In Bezug auf das theologische Programm des Beckens gibt es Zusammenhänge mit der ikonographischen Tradition - viele Motive kennt man von älteren Taufbecken Norddeutschlands. Trotz aller Vergleiche bleibt das Taufbecken in der Stadtkirche für Prof. Dr. Larsson einzigartig: "Von den vielen kurz vor und nach 1600 entstandenen Taufbecken ist mir keines bekannt, das als Vorbild für die Bückeburger Taufe infrage kommen könnte, oder an künstlerischer Bedeutung mit ihm zu vergleichen wäre."

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