weather-image
26°
Freitag bekommt Felicitas Hoppe den Erich-Kästner-Preis

Ironiebegabt und fabulierlustig

270_008_7788851_ku101_3010.jpg

Autor:

Dorothee Balzereit

Hameln/Berlin. „Ich bin Pony Hütchen“, sagt Felicitas Hoppe fröhlich. Genau wie das pfiffige Mädchen aus Erich-Kästners Roman „Emil und die Detektive“ wohnt die vielfach ausgezeichnete Schriftstellerin in der Schumannstraße 15 in Berlin. Zufall? „Das hat das Schicksal wohl so gewollt“ sagt die gebürtige Hamelnerin, und man hegt keinen Zweifel daran: Denn heute wird Hoppe in der Internationalen Jugendbibliothek in München kein anderer als der Erich-Kästner-Preis für Literatur überreicht. Pony Hütchen sei eine unheimlich tolle Mädchenfigur und auch zu Erich Kästner fühle sie eine große Verwandtschaft, sagt Hoppe. Vor allem, weil Kästner bei aller ihm eigenen Melancholie die Fähigkeit besaß, einen feinen Sinn für Komik zu kultivieren. Oder andersherum: In seiner humorvollen Art schwingt immer auch ein wenig Traurigkeit mit. „Kästner war nie nur lustig“, sagt Felicitas Hoppe über das vielschichtige Werk des Autors. „Das Nebeneinander von Hell und Dunkel würde ich auch für mich in Anspruch nehmen.“

Der Erich-Kästner-Preis, den die Erich Kästner Gesellschaft seit 1979 verleiht, geht an Autoren, die herausragende schriftstellerische Werke mit zeitkritischen Zügen veröffentlicht haben, er wird in unregelmäßigen Abständen verliehen. Vor Hoppe haben ihn unter anderem unter anderem Peter Rühmkorf, Loriot und Robert Gernhardt bekommen.

Also überaus ironiebegabte Zeitgenossen. Auch Felicitas Hoppe kann das sehr gut, zum Beispiel in ihrer fiktiven Autobiografie „Hoppe“. Sie sei eine „Meisterin der literarischen Selbstinszenierung“, heißt es in der Begründung der Jury. Und weiter: Mit „unbekümmerter Fabulierlust und unerschöpflicher Fantasie schreibt sie postmoderne Abenteuer- und Schelmenromane, immer auf der Suche nach neuen Wegen literarischer Wirklichkeitsauffassung“.

Felicitas Hoppe ist „begeistert, diesen Preis zu bekommen“. Unter anderem, weil er nach dem gewichtigen Büchnerpreis vor drei Jahren eine Befreiung sei. „Der Preis hat mit meinem Leben zu tun“, sagt sie. Ein ähnlicher Effekt sei es beim Rattenfängerliteraturpreis gewesen: „Das ist wie mit einem Mantel, den man im Schaufenster sieht und denkt: ’Der passt zu mir.’“

Dass sie den Preis als Kinderbuchautorin bekommen hat, freue sie auch deshalb, weil sie grundsätzlich nicht an einer Trennung von Literatur für Kinder und Erwachsene interessiert sei.

Die Geschichten Kästners sind für sie dennoch eng mit der eigenen Kindheit verbunden – ebenso wie die Sage vom Rattenfänger, „das ist einfach so, ich bin damit aufgewachsen“. Ihre von der Jury viel gelobte Fabulierlust habe sie auch ihrer Familie zu verdanken: „Dort herrschte eine große Erzählfreude und das Erzählen wurde zugelassen.“ Der Rest sei Talent.

Neben der Lust am Fantastischen spielen in ihrem Werk realistische Elemente eine ebenso wichtige Rolle – so wie die Grundnöte in den Märchen, sagt Hoppe. Die Eltern, die zu viele oder zu wenige Kinder haben, deren Kinderwunsch unerfüllt bleibt oder Themen wie Flucht und Vertreibung.

Und was war ihr Lieblingsmärchen? „Da gibt es viele - aber eines, was ich immer sehr gern mochte, war das Rumpelstilzchen – weil es so eine ausgestoßene Kreatur ist, die nicht allein sein will. Und die Kluge Else, allerdings nimmt das kein gutes Ende...“

Und was bringt die Zukunft?

Derzeit geht es in Felicitas Hoppes Leben sehr geschäftig zu – sie arbeitet an drei Projekten gleichzeitig: Das erste ist eine Neufassung des Nibelungenliedes, das zweite hat sie von einer sechswöchigen USA-Reise mitgebracht: Im Amerika der 30er Jahre folgt sie den Spuren zweier Russen. Das dritte liegt ihr besonders am Herzen, denn es ist wieder für Kinder und es geht um die „Tiere im Weißen Haus“. Und um ihre Besitzer, die jeweiligen Präsidenten. Tatsächlich habe jeder von ihnen ein Haustier gehabt. An diesem roten Faden könne man nicht nur die Geschichte der Präsidenten sehr gut spielerisch erzählen, sondern auch jede Menge ablesen. Denn was für ein Tier sich der Präsident zulegt, ist den Amerikanern enorm wichtig, sagt Hoppe. Grundsätzlich sei ihnen ein Präsident mit Hund lieber als mit einer mit Katze – schließlich ist er der treue Gefährte des Menschen...

Und schon ist man mittendrin in der nächsten spannenden, hintergründigen Geschichte von Felicitas Hoppe. Auf die, dass sie in Pony Hütchens Haus wohnt, ist sie übrigens rein zufällig gestoßen: Auf die Frage, warum die Kneipe unten im Haus Emil heißt, antwortete der Wirt: „Ja, wissen sie denn nicht...“. „Ich habe mir daraufhin das Buch noch mal genommen und festgestellt: „Ja, es ist tatsächlich so.“

Zur Person:

Felicitas Hoppe, geboren 1960 in Hameln, lebt als Schriftstellerin in Berlin. 1996 erschien ihr Debüt „Picknick der Friseure“, 1999, nach einer Weltreise auf einem Frachtschiff, folgte der Roman „Pigafetta‹“ 2003 „Paradiese, Übersee“, 2004 „Verbrecher und Versager“, 2006 „Johanna“, 2008 „Iwein Löwenritter“, 2009 „Sieben Schätze“ und die Erzählung „Der beste Platz der Welt“, 2010 „Abenteuer – was ist das?“, 2011 „Grünes Ei mit Speck“, eine Übersetzung von Texten des amerikanischen Kinderbuchautors Dr. Seuss, und 2012 der Roman „Hoppe“. Für ihr Werk wurde Felicitas Hoppe mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, unter anderem mit dem Aspekte-Literaturpreis, dem Bremer Literaturpreis, dem Roswitha-Preis der Stadt Bad Gandersheim, dem Rattenfänger-Literaturpreis, dem Georg-Büchner-Preis und zuletzt dem Erich Kästner Preis für Literatur. Außerdem Poetikdozenturen und Gastprofessuren in Wiesbaden, Mainz, Augsburg und Göttingen sowie am Dartmouth College in Hanover, New Hampshire, an der Georgetown University, Washington D. C., und in Hamburg.

Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Kommentare