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Ergreifende Aufführung der "Weißen Rose" macht betroffen

Inszenierung erfordert Zuschauers Kopfarbeit

Bückeburg. Für eine ergreifende Aufführung von Lillian Groags Charakterwerk "Die Weiße Rose" hat ein Ensemble des Ernst-Deutsch-Theaters Hamburg im Rathaussaal gesorgt. Alt und Jung waren von Johannes Kaetzlers anrührender Einstudierung für den Kulturverein gleichermaßen betroffen.

Autor:

Dietlind Beinßen

Basierend auf den bis 1989 in DDR-Archiven verschlossenen Verhörprotokollen und anderen Quellen, rekonstruiert die heute in den Vereinigten Staaten arbeitende argentinische Autorin in ihrem Stück von 1991 die wenigen Tage zwischen Festnahme und Hinrichtung der Geschwister Scholl und deren Freunden. Einen Fokus legt die Autorin auf die Vernehmungen des Kriminalobersekretärs Robert Mohr und Sophie Scholl. Konfrontiert mit der moralischen Standhaftigkeit der jungen Frau, geraten für den Kriminalobersekretär diese Verhöre zunehmend zu einer Auseinandersetzung über richtiges und falsches Verhalten, zum Konflikt zwischen der Pflicht zum Widerstand und der Pflicht zum Überleben. In eingestreuten Rückblenden zeichnet die Schriftstellerin außerdem ein eindringliches Porträt des politisch motivierten und von großer Liebe zum christlich geprägten deutschen Kulturerbe getragenen Widerstandes der "Weißen Rose" gegen das Nazi-Regime. Ein Blick von außen also auf ein deutsches Geschehnis, historisch sauber recherchiert, dennoch kein Doku-Drama, das nur Fakten bringt. Vielmehr handelt es sich um den Zusammenprall zweier Lebensprinzipien: hier die von ihrer Mission überzeugte Sophie Scholl, dort der sie vernehmende Pragmatiker mit Herz, Robert Mohr, dessen durchaus Sympathien weckenden Charakter Gerhard Palder unter die Haut gehend ausformte. Etwas mehr emotionale Schübe hätte die sonst glaubhafte Fabienne Schürch in ihren schwierigen Part der Sophie einbringen können. Allerdings traf die Protagonistin - und besonders Andreas Vögler als deren idealistischer Bruder Hans - vom Typus und Ausdruck her die vierziger Jahre erstaunlich gut, was man von den drei Mitstreitern der Geschwister ohne Einschränkung ebenfalls behaupten darf. Von fanatischer Erfüllungsgehilfenpsyche geprägt war die von Frank Jordan verkörperte Figur des Gestapomannes Anton Mahler. Kam die Einstudierung im ästhetisch-kühlen weiß-grauen Bühnenraum zu Beginn etwas schwerfälligdaher, nahm sie im Gegeneinander von Mohr und Sophie doch schnell Fahrt auf. Mohr, offenkundig kein Nationalsozialist, erkennt, dass die Weiße Rose nie eine Gefahr für das Regime bildete und will Sophie Scholl retten, was sie ablehnt. Am Ende standen der Tod und das Wort "Freiheit". Die Intensität dieser anhaltend beklatschten Inszenierung auf sich wirken zu lassen, ist nun Zuschauers Kopfarbeit.

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