weather-image
12°
Nach Peking lädt nun die chinesische Wirtschaftsmetropole zur Expo – das „Reich der Mitte“ ist in Aufbruchstimmung

In Shanghai liegt die Kontinuität im Wandel begründet

Chinas nationales Erfolgserlebnis hat ein Symbol: das „Vogelnest“. Wuchtig und elegant zugleich steht es für den olympischen Höhenflug des Landes im vergangenen Jahr. Und in der Erinnerung der Welt verbindet sich mit der Metallkonstruktion die Vorstellung von

Blütenpracht im Yu-Garten in Shanghai. Fotos: Kregel

Autor:

Dr. Bernd Kregel

chinesischem Perfektionismus und Durchsetzungswillen. Eigenschaften, mit denen das aufstrebende Riesenreich unaufhaltsam zur Spitzengruppe der Nationen aufschließt.

Und in der Tat hat sich die Hauptstadt Peking mit ihren modernen Glasfassaden und Marmorpalästen längst

eingereiht in die Gruppe vergleichbarer Metropolen. Mit 17 Millionen Einwohnern scheint sie als Regierungssitz geradezu darauf zu warten, im weltweiten Konkurrenzkampf um Einfluss und Macht weiter vorzupreschen. So verbreiten sich überall Aufbruchstimmung und neues Selbstbewusstsein.

270_008_4097040_rei111_020.jpg

Mit dem Fortschritt des Landes haben sich auch die Bedürfnisse der Menschen verändert, weiß Reiseleiterin Jang. Denn träumte man in den ersten Jahrzehnten noch von einem Fahrrad, einer Armbanduhr und einer Nähmaschine, so waren es zum Ende des 20. Jahrhunderts bereits Fernseher, Kühlschrank und Waschmaschine. Heute stehen Auto, Eigentumswohnung und Klimaanlage an der Spitze der Wunschliste.

Denn inzwischen hat in breiten Bevölkerungskreisen ein bescheidener Wohlstand Einzug gehalten, der zu Maos Zeiten undenkbar schien. Unvorstellbar, dass nach den zerstörerischen Jahren der „Kulturrevolution“ breite Bevölkerungsschichten heute ein ausgesprochenes Interesse entwickeln an den unversehrt gebliebenen Stätten nationaler Identität. Zuallererst die „Verbotene Stadt“ mit ihren prächtigen Palastanlagen.

In der Großen Mauer erwacht Vergangenheit

Oder der „Himmelstempel“, das mit seinen farbigen Runddächern wohl schönste Gebäude der Stadt. Hier hatte sich einst selbst der Kaiser einer höheren Instanz unterzuordnen, wenn er von den Naturgottheiten alljährlich eine gute Ernte erbat. Gleich nebenan befindet sich nach chinesischer Vorstellung auch die „Mitte der Welt“, durch die sich das alte „Reich der Mitte“ symbolisch legitimierte. Und nicht zuletzt ist es die von Peking aus leicht zu erreichende Große Mauer, auf der die wechselvolle Vergangenheit wiedererwacht.

Heute ist es kaum noch vorstellbar, dass auch eine andere Stadt 1949 die Chance hatte, Hauptstadt zu werden. Es war die alte Kaiserstadt Xian im Westen, die bei der Abstimmung an nur einer Stimme scheiterte – an der Stimme Maos. So ist Xian mit ihren acht Millionen Einwohnern die kleine Schwester Pekings geblieben. Und sie wäre wohl kaum in das Blickfeld der Weltöffentlichkeit gerückt, wenn nicht die Terrakotta-Armee hier entdeckt worden wäre.

Xian – das östliche Tor zur Seidenstraße

Auch die Altstadt von Xian ist eine Entdeckungsreise wert. Innerhalb der noch intakten Stadtmauern begegnet einem dort frisch herausgeputzte Architektur mit ineinander verschlungenen Dachkonstruktionen.

Und es gibt noch eine weitere Überraschung. Gleich hinter dem prächtigen Trommelturm wird die Stadt ihrem alten Ruf gerecht, östliches Eingangstor der Seidenstraße zu sein. Hier bietet ein bunter orientalischer Markt einen Vorgeschmack auf die kulturelle Vielfalt, die frühere Reisende in Chinas Wildem Westen erwartete.

Reisen im heutigen China kommt einer Zeitreise gleich: „Willst du die Vergangenheit sehen, so fahre nach Xian“, sagt der Volksmund. „Willst du die Gegenwart erleben, so geh nach Peking. Willst du aber die Zukunft entdecken, so besuche Shanghai!“

Eine ungeheure Wachstumsdynamik hat von Shanghai, der größten und wirtschaftsstärksten Stadt des Landes, Besitz ergriffen. Hier wird produziert, exportiert und konsumiert in einem unvorstellbaren Ausmaß. Allein ein Einkaufsbummel über die Nanking Road, Chinas größte Einkaufsstraße, vermittelt einen Eindruck von der Vielfalt und Menge des Angebots. Erstaunlicherweise läuft bei aller Wirtschaftsleistung im Stadtbild nichts aus dem Ruder. Und inmitten des Hochhaus-Waldes verfestigt sich der Eindruck, Shanghai habe mit seiner ultramodernen Architektur Manhattan den Rang abgelaufen.

Die Welt vergessen lässt der Yu-Garten, der über die berühmte Zickzack-Brücke erreicht wird, die angeblich von bösen Geistern nicht überwunden werden kann. Mehr als 500 Jahre ist er alt.

Transrapid-Bahn mit 413 Stundenkilometern

Und doch gleichen all diese Eindrücke nur Momentaufnahmen von einer Stadt, deren Kontinuität in ihrem steten Wandel begründet liegt. Demnach wäre es nicht überraschend, lägen bereits Baupläne für weitere 5000 Hochhäuser in den Schubladen der Stadtverwaltung.

Selbst die Magnetschwebebahn Transrapid ist hier Realität geworden. Mit einer Höchstgeschwindigkeit von 431 Stundenkilometern transportiert sie Reisende zum 30 Kilometer entfernten Flughafen – in weniger als acht Minuten. Nach Peking lädt nun auch Shanghai die ganze Welt ein – zur Expo 2010. Eine gute Gelegenheit, sich von der Aufbruchstimmung zu überzeugen.

Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Kommentare