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Nichts im Haushalt darf allzu lange halten – damit die Wirtschaft floriert

In jedem Gerät eine Lunte zur Selbstzerstörung

Glühbirnen, die nicht durchbrennen. Teppiche, die sich nicht abnutzen. Nylonstrümpfe, die keine Laufmaschen bekommen. Sohlen, die nicht auf der Strecke bleiben. Mobiltelefone, die ihr Besitzer auch nach drei Jahren noch gerne ans Ohr nimmt. Das sind wahre Albträume! Für die Fabrikanten, die des Geldes wegen möglichst viel Ware an die Kunden bringen möchten.

Marc Fisser

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Marc Fisser Reporter / Newsdesk zur Autorenseite

Glühbirnen, die nicht durchbrennen. Teppiche, die sich nicht abnutzen. Nylonstrümpfe, die keine Laufmaschen bekommen. Sohlen, die nicht auf der Strecke bleiben. Mobiltelefone, die ihr Besitzer auch nach drei Jahren noch gerne ans Ohr nimmt. Das sind wahre Albträume! Für die Fabrikanten, die des Geldes wegen möglichst viel Ware an die Kunden bringen möchten. Idealerweise immer wieder aufs Neue. Die Bezeichnung „Verbraucher“ ist seit der Industrialisierung mit ihrer Massenproduktion Programm. Das merkt der Besitzer einer defekten Waschmaschine spätestens im Gespräch mit dem „Servicetechniker“: „Wie alt ist das Gerät denn?“ – „Elf Jahre.“ – „Ellllf Jaaahre! Dann ist das normal: Nach zehn Jahren ist für Haushaltsgeräte Schluss.“ – „Wie teuer ist die Reparatur?“ – „Der Voranschlag kostet 49,90 Euro. In Ihrem Fall werden wir wohl auf 200 Euro kommen.“ – „Dafür kann ich mir ja schon fast eine neue Maschine kaufen!“ – „Ja, und dann sparen Sie künftig viel Strom und Wasser. Das rechnet sich.“

Mit geschickter Verkaufspsychologie wird der leise Verdacht, dass ein billiges Ersatzteil die Waschtrommel wieder in Gang setzen könnte, hinweggespült. Und ein äußerlich unversehrtes Gerät wandert in den Sperrmüll. Sogar Umweltschützer raten vielfach zum Neukauf, weil dem damit verbundenen Rohstoffeinsatz die Rohstoffeinsparung während der Nutzung des verbesserten Neugerätes gegenübersteht. Oder weil es unzumutbar wäre, einen Fön, der 15 Euro gekostet hat, für ein Mehrfaches instand zu setzen.

Die Hersteller absolvieren bei der Konstruktion ihrer Produkte teilweise abenteuerliche Gratwanderungen: Ist das Produkt zu gut, also langlebig, greift der Nutzer nur selten zu. Gibt die Maschine aber zu früh ihren Geist auf, wird sich der Kunde von der Marke abwenden. Abseits der öffentlichen Wahrnehmung sind bei den Herstellern ganze Mitarbeiterstäbe damit befasst, das richtige Maß zu finden. Für den unbedarften Kunden mag die Erkenntnis bitter sein: Im Prinzip besitzen fast alle Produkte einen Mechanismus zur Selbstzerstörung – in ganz unterschiedlichen Formen:

Materialien werden so dimensioniert, dass sie nach einer bestimmten Zeit abgenutzt sind. Bei Strümpfen können das wenige Monate und Waschgänge sein. Beim Fahrrad verabschieden sich nach einigen Jahren Bereifung, Tretlager, Pedale, Kette, Bremse, Gangschaltung, Licht, Sattel, … Jahrzehnte, teils Jahrhunderte halten Füllfederhalter. Musste Pelikan auch deshalb 1994 sein Werk in Hannover mit 1100 Stellen stilllegen?

Besonders dreist erscheint der Einbau eines Kniffs, der das Gerät nach einer eingestellten Nutzungsdauer einfach lahmlegt. Entweder behebt der Kundendienst das „Problem“, oder der Kunde entscheidet sich zum Neukauf. Bekanntgeworden ist dieses Verfahren vor allem bei Tintenstrahldruckern – komplexe Geräte, die sich zum großen Teil über die markeneigenen Tintenpatronen finanzieren. Wer garantiert, dass die entdeckten Stör- und Zerstör-Chips nicht auch in Kaffeemaschinen oder Fernsehern stecken?

Wenn sich technische Standards ändern, werden Ersatzbeschaffungen notwendig – wie beim Licht, das derzeit von der Glühbirne zur LED-Lampe wechselt. Schallplatten, Musik- und Videokassetten sind binnen kurzer Zeit erst durch CD, dann DVD und inzwischen Blue-Ray ersetzt worden.

Populärste und akzeptierteste Methode zur Konsumförderung: die Mode. Kleidung wird ausgetauscht, weil das Neue das Bisherige alt erscheinen lässt. Das Unternehmen Marc in Fischbeck erfindet vor jeder Saison den Schuh 300-mal neu. Auch Optiker sehen es gerne, dass sich der Zeitgeist ständig bewegt. Ebenso Möbel-, Tapeten- und Teppichhersteller.

Wenn Produkte obsolet werden, also veralten, sprechen Fachleute von „Obsoleszenz“, bei gezielter Steuerung von „geplanter Obsoleszenz“. Die junge Mobiltelefonbranche kombiniert die Methoden derart perfekt, dass Handys heutzutage in der Regel nach zwei bis drei Jahren gewechselt werden. Das neue Gerät kann mehr und sieht cooler aus; und der Akku des alten hält ja nicht mehr so lange; das Display hat schließlich einen Kratzer; und der neue Vertrag der Telefonfirma bietet total attraktive Extras … „Schnelle Produktwechsel beeinträchtigen nicht die Lebensdauer der Produkte, vielmehr sind sie eine Antwort auf Kundenanforderungen“, stellt Marika Große-Onnenbrink vom Bürogeräteproduzenten Brother fest.

Das Verfahren des frühzeitigen Wegwerfens hat lange das Wirtschaftswachstum getragen. Im Falle der Glühlampen sah es für die Verbraucher einige Jahrzehnte doppelt düster aus: Obwohl schon Thomas Alva Edison die lange Haltbarkeit seines Glühfadens

vorgeführt hatte, warb die Industrie ab 1924 weltweit nur mit 1000 Stunden Brenndauer. Die absatzsichernde künstliche Begrenzung hatte sie im geheimen Phöbuskartell abgesprochen, das 1941 aufgedeckt wurde. Noch heute sind die „1000 Stunden“ Standard. Bei der neuen LED-Technik jedoch ist ein Strategiewechsel zu beobachten. Die Licht emittierenden Dioden halten 30 000 Betriebsstunden, also praktisch lebenslang. Das machen die Hersteller derzeit noch durch einen hohen Verkaufspreis wett. Künftig werden wohl eher die immer wieder neu und überraschend designten Leuchten ausgetauscht als die enthaltenen Leuchtmittel.

Wie ohnehin ein Trend zur Hochwertigkeit zu beobachten ist. Angesichts des gestiegenen Umweltbewusstseins und eines zunehmenden Qualitäts- und Perfektionismusdenkens wollen sich besonders die deutschen Hersteller über die hochpreisige Schiene von der im Ausland produzierenden Billigkonkurrenz absetzen. „Den Wettbewerb um den niedrigsten Preis bei entsprechend niedriger Lebenserwartung überlassen wir gerne anderen“, heißt es etwa bei Miele in Gütersloh. Die Bereitschaft der Kunden, für mehr Qualität tiefer in die Tasche zu greifen, gelte aber nicht unbegrenzt. „Ziel ist, dass unsere Geräte als mindestens so viel besser und wertvoller wahrgenommen werden, wie sie teurer sind“, erläutert Firmensprecher Carsten Prudent. Miele hat kürzlich auf

der Kunststoffmesse in Düsseldorf den Innovationspreis für eine Waschmaschinentür erhalten, die durch eine spezielle Fertigungstechnik „praktisch unkaputtbar“ sein soll. Bei fünf Wäschen pro Woche wird eine Lebensdauer von 20 Jahren versprochen. Doch was nützt dem Kaufinteressenten ein solcher Hinweis, wenn die Elektronik möglicherweise schon früher ausfällt? Oder wenn ein Staubsauger hervorragend saugt, die Kabelaufwicklung, die Parkhalterung des Schlauchs und die Laufrollen aber nach kürzerer Zeit ausgetauscht werden müssen?

Im Laden machen die meisten Maschinen einen guten Eindruck, selbst Billiggeräte glänzen mit vorbildlichen Effizienzwerten und allerlei Spartasten. Aufschlussreicher könnte es für den Kunden sein, die fraglichen Maschinen einmal anzuheben: Je schwerer das Haushaltsgerät, desto höher die Stabilität, verrät Prudent. Wenn viel haltbares Metall verbaut wurde, könne eine Waschmaschine leicht doppelt so schwer sein wie das konkurrierende „Plastikmodell“. Oder LED-Lampen: Sie halten umso länger, desto besser sie gekühlt werden. Ein hoher Aluminiumanteil in Form von Kühlrippen ist hier das Qualitätsindiz, schildert Viola Peine von der Firma Paulmann in Springe. Mit Schuhen, die geklebt statt genäht sind, die aus Kunstleder bestehen, die Wasser nicht abweisen und nicht „atmen“, kann der Träger sich als „trendy“ profilieren,

weit kommt er mit solchen Tretern jedoch nicht.

Bei Autoreifen stellt sich eine echte Gewissensfrage: Die Gummimischung entscheidet darüber, ob der Pneu besonders abriebfest ist – oder ob er vor allem gut bremst, wie Alexander Lührs vom Marktführer Continental in Hannover erklärt. Er räumt ein: „Es gibt systembedingte Zielkonflikte bei der Reifenentwicklung.“ Zwar habe auch Conti die Haltbarkeit gesteigert, die Marke setze aber in erster Linie auf die Sicherheit und fahre gut damit. Der Reifenbranche kommt es gelegen, dass die Autobauer in jüngerer Zeit die Räder immer größer werden ließen: Mit dem Reifen wächst für Conti & Co. der erzielbare Verkaufspreis.

Ob jemand bereit ist, für das Mehr an Qualität, Größe oder Ausstattung entsprechend mehr Geld auszugeben, ist für Prudent „eher eine Frage von Charakter und grundsätzlicher Einstellung als eine Frage des Geldbeutels“. Zu beobachten sei, dass gerade in Zeiten wirtschaftlicher Verunsicherung verstärkt zu renommierten Marken gegriffen werde. Sie stünden „für Vertrauen, bleibende Werte, Sicherheit und Stabilität“. Wer sich ein solches Produkt leiste, hoffe darauf, viele Jahre „Ruhe“ zu haben. Das bestätigt Ursula Homm von Marc-Schuhe ebenso wie Michael Weber vom Hamelner Teppichhersteller Vorwerk: „Für Langlebigkeit und ökologische Unbedenklichkeit ist der Kunde bereit, etwas mehr zu bezahlen“, sagt Weber, „denn im Endeffekt gilt auch hier: Wer billig kauft, kauft teuer.“

Andererseits: Wer finanziell klamm ist oder an seinem Altgerät hängt, möchte den Neukauf auf bessere oder spätere Zeiten verschieben. Dann also doch die Reparatur. „Defekte Hausgeräte ungeprüft wegzuwerfen und durch neue zu ersetzen, ist Ressourcen- und Geldverschwendung pur“, sagt Hans Krempl. Seine Firma in Koblenz handelt mit Original- und Alternativ-Ersatzteilen; als Initiator der Aktion „Deutschland repariert“ hat Krempl vor zwei Jahren den Umweltpreis des Landes Rheinland-Pfalz erhalten. Das Mainzer Umweltministerium lobte den sparsamen Umgang mit den Ressourcen durch den „gelebten Grundsatz Reparieren statt wegwerfen“. Ökologische und ökonomische Interessen würden vorbildlich vereint. Viele Elektrofachbetriebe haben sich der Initiative inzwischen angeschlossen. Und wenn das Reparieren doch nicht geht? Dann können sich die Konsumenten damit trösten, dass Elektronikschrott inzwischen weitgehend recycelt wird und spätestens ab 2015 eine orangefarbene Tonne vor der Haustür das Gewissen beim Wegwerfen entlastet. Mülltonnen halten übrigens ewig.

Es erscheint wie ein Naturgesetz: Wenn die Waschmaschine kaputtgeht, folgen kurz darauf der Mixer, die Dunstabzugshaube, der Kühlschrank und auch noch der Staubsauger. Natürlich ist das alles nur Zufall. Oder etwa nicht? Der Verdacht trügt nicht: Konsumprodukte besitzen ein Haltbarkeitsdatum. Die Wegwerfgesellschaft beginnt jedoch umzudenken.

 

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