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„In Japan ist die Enttäuschung so groß wie einst der Stolz“

Wissenschaftler

Hameln (roh). Der ehemalige Mitarbeiter des Instituts für Solarenergieforschung Hameln (ISFH), Dr. Dirk Christoffers, kennt sich aus im Dschungel der Zahlen und Messwerte, die derzeit durch die Gazetten und über die sogenannten Bauchbinden der Fernsehsender veröffentlicht werden.

„Erst heute wieder war auf der Titelseite der Dewezet zu lesen, dass Werte von bis zu 400 Millisievert in unmittelbarer Umgebung des japanischen Atomkraftwerks Fukushima I gemessen wurden. Es fehlt aber eine Zeitangabe, ohne die dieser Wert eine völlig unzureichende Auskunft ist“, beklagt der 67-jährige.
Christoffers, der über viele Jahre beim ISFH Leiter der Arbeitsgruppe solares Bauen gewesen ist, war vor rund 30 Jahren selbst in Japan. „Ich wurde damals von einem japanischen Forschungslabor eingeladen, gemeinsam mit nationalen Wissenschaftlern Messverfahren zu entwickeln, die es ermöglichen, radioaktives Jod in sehr geringen Mengen nachzuweisen.“

Die örtlichen Gegebenheiten des aktuellen Katastrophengebiets kennt Christoffers sehr genau, denn das Labor, für das er damals tätig war, befindet sich in Nakaminato, das nur rund 150 Kilometer südlich des Atommeilers in Fukushima und rund 100 Kilometer nördlich von Tokio liegt. Unweit seiner damaligen Arbeitsstelle befindet sich ein weiteres Kernkraftwerk. „Etwa zehn Kilometer von Nakaminato befindet sich das Kernkraftwerk Tokai, dem eine Wiederaufbearbeitungsanlage angeschlossen ist.“ Seinen Informationen zufolge soll in diesem Atomkraftwerke ebenfalls eine Kühlmittelpumpe ausgefallen sein.

Auch wenn die Zeit, die der Wissenschaftler in Japan verbrachte, relativ kurz war, so habe er dennoch auch Einblicke in die japanische Lebensweise bekommen, habe zum Beispiel Verständnis für die vier Mitarbeiter der Betreibergesellschaft, die unlängst im Fernsehen zum Unglück Stellung nahmen und dabei wie geprügelte Hunde wirkten. „Es gibt kaum etwas Schlimmeres für einen Japaner, als wenn er einem anderen Japaner Leid zufügt.“

Kaum Verständnis hat Christoffers für die derzeit im Zuge der Atomkatastrophe im fernen Japan aufkeimende Debatte in Deutschland über die Maßnahmen der Bundesregierung, ältere Atomkraftwerke vom Netz zu nehmen und die Laufzeitverlängerung auszusetzen. „Ungeachtet dessen, dass es meiner Meinung falsch war, den von der Vorgängerregierung beschlossenen Atomausstieg auf der Zeitachse nach hinten zu verschieben, halte ich es für völlig unangemessen, dass allgemein vermutet wird, bei dem Moratorium handele es sich um eine parteipolitische Maßnahme. Ich gestehe allen Menschen zu jeder Zeit einen Lerneffekt zu, und wenn dieser Effekt im Moment einer Tausende Kilometer entfernten Katastrophe eintritt, dann kann das die Tragödie in Japan zwar nicht schmälern, aber die Chance auf eine Neubewertung der Atomkraft in Deutschland ist damit gegeben.“

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