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Warum die Mensch gewordene Gitarre den Blues so liebt

In Claptons Seele wohnt der Geist von Robert Johnson

Halt, das geht jetzt nicht, Sie dürfen noch nicht rein. Sie müssen warten, bis der Song zu Ende gespielt worden ist!“ Ein finsterer Geselle vom Ordnungspersonal plusterte sich vor mir auf, ich starrte ihn fassungslos an. „Wie bitte? Hören Sie, ist das ein Scherz?“ War es nicht, war bitter ernst gemeint. Ungefähr anderthalb Stunden vorher hatte ich vergeblich versucht, mir mit drei Plastikbecherpilsener das jaulige Vorprogramm von Jimmie Vaughan schönzutrinken, was mir nicht gelang. Bei „Tears In Heaven“ quälte mich meine Blase dann so sehr, dass ich mich dazu entschied, die stillen Örtchen aufzusuchen, die bei Rockkonzerten für gewöhnlich nicht still sind. Und nun ließ mich Meister Eisenblick nicht mehr rein in die heilige Messehalle von Hannover, weil Mister Slowhand seinen Schergen befohlen hatte, die Fans zum Stillesitzen zu verdonnern. Scheiß auf Clapton (dabei musste ich ja nur klein…).

Das wie ein Diamant funkelnde Prachtwerk Eric Claptons ist das 1992er „Unplugged“-Album.
Jens Meyer

Autor

Jens Meyer Leiter Redaktion PR- und Sonderthemen zur Autorenseite

Die Story geht weiter: Clapton spielte also seine ölige Ballade zu Ende, ich durfte wieder rein. Applaus. „Wo warst Du denn so lange?“, fragte mich mein Kumpel. „Lange Geschichte, ich glaube, wir sind hier falsch. Der Clapton spinnt wohl, ich durfte…“ – Bassist Nathan East preschte mir dazwischen, einer der besten, den ein Musiker wie Clapton finden kann, wummerte die ersten Beats für den Granatenblues „Lay Down Sally“ ins weite Rund. Blase vergessen. Ich stand auf, andere taten’s auch, was den Ordnern ganz und gar nicht gefiel, die den tanzenden Besuchern bedeuteten, sich wieder hinzusetzen. Ich dachte nicht dran, spielte weiter Luftgitarre. Meister Eisenblick schraubte sich die Ränge entlang, tippte mir auf die Schulter. „He Sie, bitte wieder hinsetzen.“ Ich starrte schon wieder dämlich und entgegnete: „Ist das jetzt ein Rockkonzert oder was?“ Meister Eisenblick antwortete: „Hinsetzen!“

Ich habe Louisiana Red gehört, wie er dem Urteil Eric Burdons als „bester Bluesmusiker der Welt“ gerecht wurde. Ich habe B.B.King seine Lucille liebkosen hören und Buddy Guy das „Champagne & Reefer“ bei den Rolling Stones retten sehen. Ich habe das filigrane Saitenspiel eines Robert Cray zu schätzen gelernt, das ruppige Statement von Angus Young in mich fließen lassen, und schwöre auf die flammende Leidenschaft eines Jimmy Page. Aber welches Picking ist schmeichelnder als das Claptons, welche Fingerspitzen bringen mehr Ausdruck in sechs Saiten aus Nylon und Stahl? Eric Clapton, geboren 1945 in Englands reichem Süden Surrey, macht den Unterschied zu den besten Gitarristen und weiß um seine Qualitäten. Das macht die Sache nicht immer einfach, und damals, am Abend des 10. Dezember 1998, als er griesgrämig seine Band um sich scharrte, sein Programm fast kommentarlos herunterspulte und die Zuschauer zum Sitzen verurteilen ließ, machte er auf ganz große Nummer. „(…) Dann stieg Eric bei den Yardbirds aus und zog sich für sechs Monate zurück, und als er zurückkehrte, war er Gott. Bis heute versucht er, sich davon zu erholen“, schreibt Keith Richards in seiner Biographie „Life“. Ich glaube nicht alles, was Richards schreibt, aber das glaube ich gerne.

Seit jener kalten Dezembernacht in Hannover wurde meine Beziehung zu Clapton und seiner Musik zur „Bad Love“, wie er es besingt. Man ist enttäuscht, aber man kann nicht ohne sein. Ich wünschte mir den Mann relaxter, wünschte ihm, nicht so stirnfaltig aus der Wäsche zu gucken, mal die Mundwinkel anzuheben, aber das Antlitz des strengen, nachdenklichen Mannes mit der Gitarre hängt ihm an wie Kaugummi unter der Sohle, erst recht nach dem März 1991, als sein Sohn Conor aus dem 53. Stock seiner Wohnung in Manhattan gestürzt war. „Tears in Heaven“ widmete er ihm, doch „I’m drowning in a river of tears“, die Textzeile aus „River Of Tears“, trifft des Musikers Seelenzustand präziser.

Immer konzentriert, meistens nachdenklich: Clapton spielt beherzt Gitarre. Fotos: ey (2), Archiv
  • Immer konzentriert, meistens nachdenklich: Clapton spielt beherzt Gitarre. Fotos: ey (2), Archiv
Aktuelle CD: „Clapton“
  • Aktuelle CD: „Clapton“
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Es war ein gutes Jahr 1962. Damals 17 Jahre jung, studierte Clapton am Kingston College of Art Glasmalerei und verdingte sich als Straßenmusiker. Erst vier Jahre zuvor hatte er zum ersten Mal eine Gitarre in der Hand gehalten. Auf der Straße spielte er sich die Finger blutig, bis sich mit ihm die Yardbirds formierten, im Grunde ein Vorläufer der späteren Led Zeppelin. Doch schon früh hatte Clapton seinen eigenen Dickschädel. Bereits 1965, er war gerade 19 Jahre alt, verließ er die Gruppe ad hoc, weil sie ihm „zu kommerziell“ geworden war. Sänger Keith Relf resümierte: „Das ist sehr schade, weil wir doch alle gute Freunde sind. Aber er liebt den Blues so sehr, dass er es wahrscheinlich nicht in Ordnung fand, dass ein Haufen weißer Jungs wie wir ihn schlecht spielt.“

Ob die Yardbirds schlecht spielten, mag dahingestellt sein. Dass Clapton den Blues liebte, ist jedoch über jeden Zweifel erhaben. Und so trieb es ihn zunächst einmal zu John Mayall & The Bluesbreakers. Lange war er auch dort nicht, aber Mayall brachte ihn in die richtige Umlaufbahn. Und es ward geboren: Cream! Ginger Baker, Jack Bruce und Clapton – die Medien verkündeten eine neue Supergruppe. Erst ein Testauftritt am 29. Juli 1966 im Twisted Wheel in Manchester, dann das erste große Konzert beim 6. National Jazz & Blues Festival.

Wer glaubte, hier eine Band für die Ewigkeit zu hören, sah sich knapp zwei Jahre später getäuscht. Aus Cream schälte sich Blind Faith heraus. Clapton und Baker hatten Steve Winwood und Ric Grech an Land gezogen. Wieder nichts von Dauer: Eine einzige Langspielplatte mit sechs Songs entstand Ende der sechziger Jahre, noch ’ne Tournee, das war’s. Die unterschiedlichen Auffassungen von Musik wurden als Grund für die jähe Trennung genannt. Und auch die Projekte Delaney, Bonnie & Friends und Derek & The Dominos (genauer hätte es Eric & The Dominos heißen müssen) hielten nur wenige Jahre, was sich einem Gutteil der zu jener Zeit schon fortgeschrittenen Heroinabhängigkeit Claptons zuzuschreiben ließe, aber es lässt gleichermaßen den Schluss zu, dass dieser Mann schwierig war.

An seinen Geniestreichen soll das keinen Zweifel aufkommen lassen. Clapton ist kein herausragender Songschreiber, auch kein umwerfender Sänger, das können andere Künstler besser. Aber er ist ein Sahnegitarrist, vor dem selbst ein B.B.King auf die Knie geht. Und in all dieser herausragenden Traurigkeit, die Clapton visuell und akustisch ohnegleichen verkörpert, legt sich der Blues schlafen und wacht auf, wenn der Meister zur Klampfe greift. „Before You Accuse Me (Take A Look At Yourself)“ ist von Bo Diddley, der „San Francisco Bay Blues“ von Jesse Fuller, der „Walkin‘ Blues“ von Robert Johnson, dessen musikalischer Geist in Claptons Seele eine Wohnung gefunden hat. Johnsons Einfluss auf seinen Jünger ist riesig. Clapton widmete sich und ihm 2004 das Album „Me and Mr Johnson“, das nur und nur aus Songs bestand, die die Blues-Legende zu Papier und Gehör gebracht hatte, unter anderem das weltbekannte „Love In Vain“ und „Last Fair Deal Gone Down“. Wohlgemerkt: Der schwarze Bluesmusiker starb 1938 – da war Clapton nicht mal geboren!

Endlich, endlich sogar ein Lächeln des Meisters. Gut, dazu muss man das Booklet des Albums aufklappen, aber dann sieht man Eric Clapton auf einem vier Quadratzentimeter kleinen Schwarzweißbildchen schüchtern lächeln. Johnson-Songs auf einer eigenen CD einzutüten, das musste ihm ja gefallen. Dieses werte Stück Musikgeschichte war übrigens von Simon Climie produziert worden, dessen schwuchteliges „Love Changes Everything“ (Climie Fisher) in den achtziger Jahren die Popcharts hinaufkletterte. Hinter dem Mischpult geht Climie ganz anders zu Werke, weshalb Clapton immer wieder den Weg zurück zu ihm fand, letztmals für „Back Home“ (2005). Die ungewöhnlichste Scheibe aus dieser künstlerischen Liaison ist ebenso die unbekannteste: Das Projekt T.D.F. offenbart mit keiner Silbe Claptons Anwesenheit, hingegen die smarten Licks des Saitencracks ohne Frage erkennbar sind. Das Gesamtkonzept von „Retail Therapy“ ließe sonst niemals auf ihn schließen: Launchmusic, Chillout, Weltbeats und nicht eine Sekunde Blues.

Doch sein Sound bleibt unverwechselbar, sein feines Gitarrenspiel ohnegleichen. Man hört Clapton raus, ob er nun für Phil Collins das Solo bei „I Wish It Would Rain Down“ herübersenst oder für Bruce Hornsby auf dessen „Halcyon Days“ mitschwimmt. Er hat die Gabe, als Rampensau vorne im Spot genau so gut zu überzeugen wie als Backgroundmusiker, der mit intelligenten Spitzen die Songs feiner webt, sie subtil ausfüllt, ihnen Tiefe verleiht. Claptons Dasein ist ein ständiges Hin und Her zwischen seinem geliebten Blues und dem Mainstream, ohne den der Journeyman womöglich weder ganz vorne in den Charts gelandet wäre noch über ein Dutzend Grammys eingeheimst hätte. In welchem Genre er sich auch bewegt: Clapton ist die Mensch gewordene Gitarre.

Das 1977er Album „Slowhand“, für das er J.J. Cales „Cocaine“ coverte und weltbekannt machte, ist extrem entspannt, das 1986er Album „August“ glattgebügelt wie ein Herrenoberhemd. Mit B.B. King schlendert er beseelt auf „Ridin’ With The Wind“ durch den Blues wie barfuß durchs Watt, und mit J.J. Cale feiert er ein lässiges Tulsa-Sound-Fest auf dem 2006er Werk „The Road To Escondido“, das zuweilen auf direktem Wege in die Langeweile führt. Gute Zeiten, schlechte Zeiten, daran kann selbst der Guitarguru aus Ripley nichts ändern.

Eines aber funkelt wie ein Diamant über alledem, was der Magier aus den Saiten zauberte: Das „Unplugged“-Album, aufgenommen in den Londoner Bray Studios am 16. Januar 1992 für den Musiksender MTV, ist ein musikalisches Zeugnis für die Ewigkeit, ein Statement wie in Stein gemeißelt. Sollte es jemals ein Mausoleum für Tonträger geben, dann gehört es dort hinein. Chuck Leavell an den Keyboards, Nathan East am Bass, Andy Fairweather Low an der zweiten Gitarre, und das ganze Komplott produziert von Russ Titelman – es konnte nicht schief gehen. Und ich erwische mich bis heute dabei, das Traditional „Alberta“ mitzusingen, als stünde ich auf der Bühne, ergötze mich am „Lonely Stranger“, summe leise lächelnd „Old Love“ in den Abend, schnappe mir ein Plektrum und spüre das Holz des Griffbretts. Man darf ja mal träumen dürfen.

I can feel your body

When I’m lying in bed.

There’s too much confusion Going around through

my head.

And it makes me so angry

To know that the flame still burns

Why can’t I get over? When will I ever learn?

Old love, leave me alone.

Old love, go on home.

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